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Rudi Völler: Der Stürmer der Herzen wird 50

Völler, der Macher von Bayer Leverkusen.
Völler, der Macher von Bayer Leverkusen.

Essen. 

Rudi Völler, Weltmeister von 1990 als Stürmer und Vize-Weltmeister 2002 als DFB-Teamchef, wird an diesem Dienstag 50 Jahre alt. Er feiert im Kreis seiner Familie und mit guten Freunden in seiner Wahlheimat Leverkusen.

Hauptversammlungen von kleineren Sportvereinen sind nicht immer bestens besucht. Weil die meisten Mitglieder wissen, wie eine solche Veranstaltung abläuft. Irgendwann mündet sie in diese unausweichliche, unangenehme Situation. Der Versammlungsleiter weist darauf hin, dass ein Schriftführer, ein ­Kassierer oder ein Obmann gesucht wird, und die Blicke der Anwesenden verirren sich im Nichts. Dann schielt einer doch einmal kurz zur Seite und stellt erschrocken fest, dass alle ihn anstarren. Er hört den Satz: Das könntest du doch machen. Und stammelt hilflos: Eigentlich nicht, aber, wenn es sein muss – okay.

So dürfen wir uns den ­Krisengipfel des Deutschen Fußball-Bundes im Juli des Jahres 2000 in Köln vorstellen.

Teamchef per Zufall

Die Nationalmannschaft hatte sich bei der Europameisterschaft in Belgien und den Niederlanden blamiert wie nie zuvor, die Ära von Teamchef Erich Ribbeck ging desaströs zu Ende. Gesucht wurde ein neuer Bundestrainer, Bayer Leverkusen aber ließ sich den Wunschkandidaten Christoph Daum nicht bedingungslos abquatschen, sondern gewährte ihm die Freigabe erst ab 2001. So entstand eine Lücke von nicht gerade unbedeutendem Ausmaß. Die hochkarätig besetzte Runde quälte sich ­verzweifelt. Wer konnte für ein Jahr einspringen?

Gerhard Mayer-Vorfelder, damals designierter DFB-Präsident, wandte sich an Rudi Völler und fragte ihn forsch: „Warum nicht du?“ Der hielt das zunächst für einen Scherz. „Aber auf einmal haben mich alle angeschaut, und dann war klar, dass ich das mache“, erzählte er später.

Am Ende jener Sitzung war der Sportdirektor von Bayer Leverkusen Teamchef der Nationalmannschaft. Netter Kerl, großer Name, Identifi­kationsfigur – plötzlich dachten alle: Dass wir darauf nicht eher gekommen sind…

Es sagt einiges aus über den Mann, der an diesem Dienstag 50 Jahre alt wird, dass er den anderen damals nicht den Vogel zeigte. Trotz fehlenden Trainerscheins hatte er die gesamte Branche, die Medien und die Fans hinter sich. Alle glaubten: Wenn es einer schaffen kann, dann der Rudi.

Er hatte ja schon als Spieler sein Trikot nach dem Abpfiff nie mit Bügelfalte zurück in den Schrank gelegt. Der Angreifer verließ sich nicht allein auf sein herausragendes Talent, Torjagd verstand er immer auch als Arbeit. Nicht nur die Fans seiner Klubs Kickers Offenbach, 1860 München, Werder Bremen, AS Rom, Olympique Marseille und Bayer Leverkusen verehrten ihn dafür.

Rudi Völler schaffte es tatsächlich, Publikumsliebling in allen deutschen Arenen zu sein. Als er seine Karriere 1990 mit dem Weltmeistertitel krönte, nachdem er im Achtelfinale von dem Niederländer Frank Rijkaard bespuckt und unberechtigt vom Platz gestellt worden war, zementierte er ­endgültig seinen Ruf als ­Stürmer der Herzen.

Auch als Nationalmannschafts-Teamchef genoss Rudi Völler, der nach Christoph Daums Kokain-Skandal von der Übergangs- zur Dauerlösung ernannt wurde, höchste Popularität. Bei der WM 2002 in Japan und Südkorea führte er ein durchschnittlich besetztes Team auf den zweiten Platz, der Sommerhit der Fans („Es gibt nur ein’ Rudi Völler“) war ihm schon peinlich.

Er lächelte hier und winkte dort. Wenn er sich aber bei der Arbeit gestört fühlte, konnte er auch ungemütlich werden. Bei der WM 2002 beschwerten sich Vertreter elektronischer Medien darüber, dass „erwachsene Menschen respektlos behandelt“ würden. Spieler wurden während laufender TV-Interviews weggezerrt. Weil Völler wollte, dass der Mannschaftsbus abfuhr.

Davon bekam die Öffentlichkeit wenig mit. Deshalb waren viele Fußball-Anhänger mächtig irritiert, als ihr Rudi im Jahr 2003 nach dem 0:0 im Länderspiel auf Island im ­TV-Studio explodierte. Als ihm die Manieren entgleisten, während er den selbstherr­lichen Experten Günter ­Netzer und dessen Stichwortgeber Gerhard Delling ebenso gnadenlos attackierte wie den jovialen Interviewer Waldemar Hartmann.

Rudi Völler überstand den längst legendären Ausraster unbeschadet. Auch das enttäuschende Vorrunden-Aus bei der EM 2004 in Portugal hatte für ihn keine fatalen Folgen. Er quittierte freiwillig den Job und kehrte nach einem von Missverständnissen geprägten Zwischenstopp bei AS Rom auf den weniger stressinten­siven Sportdirektoren-Sessel bei Bayer Leverkusen zurück.

Ein Mann mit Kultstatus, ohne Frage. ARD-Reporter Gerd Rubenbauer hatte es deshalb durchaus gut gemeint, als er einst begeistert verkündete: „Solche Rudi-Rufe gab es ­früher nur für Uwe Seeler!“

Wir, die Redaktion von DerWesten, haben via Twitter gefragt, welches Geschenk man Rudi Völler machen könnte – hier eine Auswahl der Antworten:

@sesi2009: „Ein holländisches Trikot von Gullit“ (Anm. d. Redaktion: besser wäre doch eins von Frank Rijkaard, oder?)

@M@thew miLezZ_1895: „Die Vizemeisterschaft“

@schlueti86: „Ein Taschentuch, um Andi Brehme zu trösten“

@elfritzos: „Eine Kiste Weißbier und nen ‘Herrenabend’ mit Waldi Hartmann“