Prachtnelken auf heiliger Mission

Nahomi Kawasumi ist Tonangeberin im japanischen Team bei der Frauenfußball-Weltmeisterschaft. Auch außerhalb des Platzes macht die 25-Jährige Eindruck.

Frankfurt. Auch noch weit nach Mitternacht war Nahomi Kawasumi unentwegt damit beschäftigt, ihre Finger zu spreizen und ihre Nägel zu zeigen. Jeder Fingernagel dieser Frau stellt für sich ein eigenes Kunstwerk dar, mit besonderer Liebe verziert, handgemalt, wie die 25-Jährige erzählte, jeder Nagel ist mit einer eigenen Symbolik versehen.

Auf einem etwa ist die Zahl neun zu erkennen, ihre Rückennummer; auf einem anderen die japanische Flagge, auf dem nächsten wiederum ein Herz und ein Fußball. Nicht schwer zu erraten, was das bedeuten soll. Nahomi Kawasumi, bis zum Halbfinale keine halbe Stunde auf der WM-Bühne aufgetreten, schien die ganze Aufregung um ihre Person nach dem Halbfinale ein wenig peinlich, aber als zweifache Torschützin nach dem 3:1 gegen Schweden verstand die Stürmerin natürlich das öffentliche Interesse an ihr, die das letzte Tor auf so filigrane Art mit dem Fuß fabriziert hatte, wie sie ihre Hände verziert.

Dieser traumhafter Heber in der Frankfurter Arena wird eine großartige Erinnerung an die WM bleiben, und dass sie es auch war, die mit unerschrockener Körperlichkeit den Ausgleich gegen die im Schnitt zehn Zentimeter größeren Skandinavierinnen erzwang, ist längst kein Zufall gewesen. Obwohl Nahomi Kawasumi nur 1,57 Meter misst und 50 Kilo wiegt.

Doch Japans Fußballerinnen stellen die Größenverhältnisse gerade auf den Kopf: Nach den Deutschen zog nun mit Schweden die nächste Weltmacht des Frauenfußballs den Kürzeren, und es verwundert nicht, dass diese offenbar zu allem befähigten Asiatinnen nun auch dem Weltranglistenersten USA im Finale am Sonntag aus ihrer Sicht auf Augenhöhe begegnen.

„Wenn wir das machen, was wir geübt haben, dann verlieren wir nicht“, meint etwa Aya Miyama, und diese Aussage dürfen die Amerikanerinnen ruhig als Warnung verstehen. Wie leicht sich natürliche Wettbewerbsnachteile ignorieren lassen, zeigt die Tatsache, dass Japan vier seiner zehn WM-Treffer nach hohen Bällen erzielt hat, drei davon köpfte die 1,64 Meter kleine Kapitänin Homare Sawa. Die 32-jährige ist auch der Kopf ihrer Auswahl; sie hat verschiedene Stationen in den US-Profiligen hinter sich, weshalb sie davon spricht, dass das Finale gegen die US-Girls sowohl Ehre als auch Chance sei. „Wir haben noch nie gegen die USA gesiegt, wir haben noch nie die WM gewonnen.“

Wenn Frau Sawa ihre höflichen Antworten vorträgt, dann wirkt das selten staatstragend oder patriotisch – diesen Part spielt ohnehin Norio Sasaki viel besser. Der Nationaltrainer Japans vermittelt einen klaren Plan und eine clevere Strategie, die nun eine Krönung erfahren soll. „Wir wollen jetzt auch als Weltmeister in unsere Heimat zurückkehren.“

Die ist ohnehin schon schwer beeindruckt. Neben dem staatlichen Fernsehsender NHK, der für die Übertragungen in den Morgenstunden mehr als zehn Millionen Menschen vor die TV-Geräte bringt, überschlagen sich auch die japanischen Zeitungen wie Nikkan Sports längst in seitenlangen Lobeshymnen. Dem Land der aufgehenden Sonne schenkt das Team, das nur „Nadeshiko“, die Prachtnelke, genannt wird, ein besonderes Lächeln und blumige Worte.

Erdbeben als Antrieb

Und der Nationaltrainer entgegnet den aufmunternden Worten ebenso gefühlvoll: „Unser Land hat durch die Katastrophe viel mitgemacht. Wir wollen den Opfern mit unseren Leistungen helfen, eine kleine Hilfestellung geben und ein bisschen Mut machen“, sagt Sasaki. Der 53-Jährige hat sich bisher der emotionalen Triebfeder bedient, seinen Auserwählten Sequenzen von explodierten Atomreaktoren, ausgelöschten Städten und verängstigten Menschen zu zeigen. Das sei, so sagt auch Homare Sawa, der Antrieb ihrer hiesigen Mission.

Trainer Sasaki ist sich nur nicht sicher, ob er auch vor dem Finale noch einmal an das Erdbeben erinnern soll. Denn es gibt noch eine andere motivierende Sache zu klären, die Frage nach einer Titelprämie. „Wir haben bei dieser WM noch gar nicht über Geld gesprochen“, sagt Sasaki, „aber der Verbandspräsident ist jetzt hier. Ich fände es schön, wenn wir belohnt werden. Eine Armbanduhr für alle, das wäre doch eine schöne Sache.“ Und die nächste ganz eigene japanische Symbolik.

 
 

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