Oberhausens "Spieler des Monats"

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Oberhausen. Ein Blick hinter die Kulissen der 2. Bundesliga. Ein Jahr lang begleitete das Magazin "11 Freunde" den Zweitligisten Rot-Weiß Oberhausen auf Schritt und Tritt. erlebte Krisensitzungen, Vertragspoker und Kneipentouren. Teil sechs: Dimi Pappas, Familie Landers und "Lütti".

Niederlage in Fürth: "Aufstiegsträume" geplatzt

Es sind genau elf Stufen, die hinabführen in die Katakomben, in denen sich die Spieler werktäglich umziehen. Wer größer ist als 1,90 Meter, läuft Gefahr, an die Decke zu stoßen. Die Tafel im Flur ist beschmiert: "Wer hat schon für Mallorca bezahlt, wer nicht?" Stammspieler Embers preist hier mittels einer unscheinbaren Visitenkarte seine Dienste als Versicherungsvertreter an. Links und rechts der Tafel befinden sich die Türen der beiden Kabinenräume, in einem hängt eine elektrische Dartscheibe aus dem Supermarkt. Der Strafenkatalog auf einem weißen DIN-A4-Zettel stammt noch aus der Saison 2006/07. Und das Pin-Up-Girl, sauber ausgeschnitten aus einer Boulevardzeitung, schaut mittlerweile auch etwas vergilbt aus der Wäsche.

Noch schlimmer ist es um die Anti-Doping-Richtlinien bestellt. Die hat jemand mit unter die Dusche genommen, das rote Büchlein ist aufgequollen und es fehlen Seiten. Wo Oberhausens Kampfspaten Dimi Pappas sitzt, ist nicht zu übersehen. Er hat seinen Platz großflächig tapeziert: herzwärmende Fanpost von Melli ("Ich würde dich gerne ein bisschen näher kennen lernen, vielleicht bei einem Kaffee oder einer Cola?"), das herausragende Ergebnis der letzten Sprinttests als Kurvendiagramm und eine Ehrenurkunde, für den "Spieler des Monats März 2007". Über den Bänken befindet sich rundherum eine Hutablage, auf der sich im Laufe der Jahre allerhand angesammelt hat: Bodybuilder-Pulver in großen Dosen, Chuck-Norris-DVDs und eine verstaubte Flasche "Fürst von Metternich". Die Spieler sind meistens bereits eine Stunde vor dem Training in der Kabine und bleiben auch hinterher gerne noch länger. Dann werden abstruse Pläne geschmiedet, etwa wenn Pappas in die Runde wirft, wie es wohl wäre, eine Cocktailbar zu eröffnen. Man darf sich den Trash-Talk wie auf einer ewigen Klassenfahrt vorstellen – und das Team als Kumpeltruppe. Offensivspieler Markus Heppke, im Januar aus Schalke dazugestoßen, sagt: "Ich war zwei Tage hier und wollte nicht mehr weg."

Unter Tage bei Familie Landers

Das familiäre Gefühl, das in Oberhausen gepflegt wird, hat in einem Fall sogar einen konkreten Hintergrund: Marcel Landers trifft bei jedem Training auf seine Eltern. Die sind keine ehrgeizigen Tenniseltern, die den Jungen überallhin begleiten, sondern selbst Klubangestellte. 1986 hat Schnurrbartträger Gert Landers als Jugendtrainer angefangen, 1996 wurde er Zeugwart. Im selben Jahr heuerte auch seine Frau bei RWO an und wäscht seither die Trikots. Sie sagt: "Wir waren eh immer an der Landwehr."

Bei der Taufe des heutigen Zweitligakickers Marcel trug der Pastor einen RWO-Schal. Das Ehepaar Landers arbeitet – als wollte man dem Strukturwandel trotzen – unter Tage. Ihr überschaubares Zeugwartreich schließt sich direkt an die beiden Spielerkabinen an. Sohn Marcel und Bayer 04-Leihgabe Kim Falkenberg sitzen nach dem Training mit am großen Tisch. Zwei Deutschland-Kaffeetassen, eine Keksdose und eine grüne Plastiktischdecke – fertig ist die Wohlfühl-Oase.

Die Landers sind die guten Seelen an der Landwehr. Anne Landers sorgt bei den Profis jederzeit für einen zünftigen Nährstoffhaushalt. Ihre Spezialitäten sind Frikadellen, Muffins und Waffeln. Hinter den Landers hängen zahlreiche Fundsachen aus den zurückliegenden RWO-Jahren: eine selbst gemalte Terranova-Autogrammkarte, ein Blitzer-Foto von Pappas im alten Mercedes-Benz und – natürlich – der nackte Hintern des Präsidenten, eine Szene aus seinem letzten Theaterstück. Torwarttrainer Behrendt, noch in Unterwäsche, trinkt seinen Filterkaffee aus einem weißen Plastikbecher. Gehobener Bürohumor trifft Schrebergarten-Gemütlichkeit. In dieser Umgebung kann keine kühle Stimmung aufkommen oder gar Größenwahn. Wer in die angrenzende Waschküche von Anne Landers will, übt sich in Demut. Man muss unter jedem Türrahmen in die Knie gehen. Über einem Eingang hängt sogar ein Gebotsschild: "Esel, duck dich!" Der hintere Keller wird als Trockenraum genutzt. Es sieht aus wie in einem U-Boot: Heizungsrohre laufen kreuz und quer durch den Raum, flankiert von undefinierbaren Armaturen und Rädchen, dazwischen weiße Polo-Shirts. Dass die Trikots keinesfalls mit einer schnelleren Industriemaschine gewaschen werden, sondern mit einer herkömmlichen Schleuder, ist ausnahmsweise nicht dem schmalen Budget des Zweitligaklubs geschuldet. Das standesgemäße Modell, mit dem die übrige Bundesliga wäscht, ist einfach zu groß, um es in die engen Katakomben zu wuchten.

Von Bushido an die Babywiege

Wenn man mit Jürgen Luginger zusammensitzt, greift er gerne zur Stadionzeitung, verweist auf den aktuellen Gegner und deutet beim Kader auf die Sparte "letzter Verein". Oft stehen dort dann große Klubs. Bei Julian Lüttmann steht: Sportfreunde Lotte. Wenn seine Kollegen untereinander über Abstaubertore sprechen, verwenden sie wie selbstverständlich den Begriff "Lütti-Tor". Bei Auswärtsspielen und im Trainingslager teilt sich "Lütti" das Zimmer mit "Terra". Er ist der klassische Ergänzungsspieler. Ein Indiz dafür, dass Lüttmann dennoch ein typischer Fußballer der Spielzeit 2008/09 ist: der riesige Chronograf an seinem Handgelenk, der problemlos auch an einer Zimmerwand seinen Zweck als Zeitauskunft erfüllen würde. In der Kabine tendiert der Neidfaktor darüber jedoch gegen Null. Kauft sich jemand ein ausgefallenes T-Shirt, das den allgemeinen Geschmackstest besteht, trägt bald auch ein anderer so eines, womöglich gar dasselbe. Wer in den Sportwagen von Lüttmann steigt, hört "Forever Young" von Bushido und Karel Gott. Wenn das der Fußballgott wüsste!

Der 26-Jährige beherrscht die großen Gesten des Geschäfts: Als er im November den entscheidenden Treffer gegen Hansa Rostock erzielt, übrigens explizit kein "Lütti-Tor", entscheidet er sich spontan für die "Babywiege" als Jubelgeste. Seine Freundin ist schwanger, wie die Kollegen kurz zuvor bei einem Mannschaftsabend erfuhren. Lüttmann ist zum Ende der Hinrunde überraschend RWOs bester Torschütze – mit vier Treffern. Es läuft also verhältnismäßig gut für ihn, aber trotzdem lässt sich auch für ihn nichts Konkretes planen. Schon in der dritten Liga wartete das Management von RWO bis zum Frühjahr, um Lüttmann eine Vertragsverlängerung anzubieten – für gerade mal ein weiteres Jahr. Trotz Familienzuwachs bleibt das Paar vorerst in seiner Zweieinhalb-Zimmer-Wohnung. Wer weiß schon, was noch alles bis Sommer 2009 passiert? Solche Gedankenspiele bleiben aber selbst in dieser Mannschaft, die in Teilen oft sogar noch die Freizeit miteinander verbringt, unausgesprochen. "Über Geld wird in der Kabine nicht gesprochen, man weiß nur das Gehalt von seinen engsten Kumpels", sagt Dimitrios Pappas.

 
 

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