Warum der MSV Duisburg in der Krise steckt

Ralf Birkhan
Und wieder einmal dumm gelaufen für den MSV: Beim 1:1 gegen Union Berlin hatte der Schiedsrichter in der Schlussphase ein Tor von Emil Jula nicht anerkannt. Foto: Imago
Und wieder einmal dumm gelaufen für den MSV: Beim 1:1 gegen Union Berlin hatte der Schiedsrichter in der Schlussphase ein Tor von Emil Jula nicht anerkannt. Foto: Imago

Duisburg. Milan Sasic sieht müde aus, er kann keine Minute seiner 52 Jahre verbergen. Aber der Trainer des MSV Duisburg sagt: „Ich mache weiter. Ich bin kein Mensch, der aufgibt.“ Mit ihm ist der Fußball-Zweitligist nach dem Pokalfinale am Ende der vergangenen Saison abgestürzt: Platz 16 in der Tabelle. Der Platz, der das Relegationsspiel gegen den Abstieg bedeutet.

Nach der 1:2-Niederlage beim VfL Bochum warteten zuletzt sieben Mannschaftswagen der Polizei vor dem Duisburger Stadion. Sorge, dass die Fans Krawall bei der Heimkehr des Teams machen. Es wurde fast noch schlimmer: Es waren keine Fans da.

Was ist seit der Euphorie rund um das Pokalendspiel mit dem MSV passiert?

Wer es sich einfach macht, der zeigt auf Sasic. Der Kroate ist nicht unumstritten, er hat wegen einer falsch eingestellten Klimaanlage auch schon den Fahrer des Mannschaftsbusses heftig attackiert. Aber der Schuldige am Niedergang der Zebras ist er nicht.

Die Ursachenforschung muss in der Nacht nach dem Pokalfinale beginnen: MSV-Manager Bruno Hübner verließ damals Hals über Kopf den Klub und heuerte bei Eintracht Frankfurt an. Der MSV hatte nur noch zwei Wochen Zeit bis zum Saisonstart: Sasic musste sich auf die Schnelle auch noch um neue Spieler kümmern. Selbst Siegfried und Roy in einer Person wären damit überfordert gewesen.

Genau dort wird deutlich, wo das eigentliche MSV-Problem liegt: In der Vorstands-Etage, in der es bis auf Geschäftsführer Roland Kentsch keinen erfahrenen Mann aus dem Profifußball gibt.

Hübner hatte seinen Vertrag erst im Frühjahr verlängert. Wer lässt seinen Manager in der kürzesten Sommerpause der Zweitliga-Geschichte ziehen, ohne eine Alternative an der Hand zu haben und ohne eine komplette Mannschaft für die neue Saison zu haben?

Im ersten Zweitliga-Spiel nach dem Finale stand mit Goran Sukalo in Karlsruhe nur noch ein Spieler auf dem Rasen, der noch in Berlin dabei war. Der MSV verlor 2:3, der Anfang des Absturzes.

Nach einer Serie von schwachen Spielen wirkt der Verein gelähmt, und es gibt immer noch keinen Manager. Niemand sagt es offen, doch hinter vorgehaltener Hand hört man: Ivica Grlic soll das Amt übernehmen. Allerdings hat der 36-Jährige noch einen Spielervertrag, und wegen seiner Knieverletzung hat die Berufsgenossenschaft sein Gehalt übernommen. Der Klub scheint sparen zu wollen und bereit zu sein, die Nicht-Fisch-nicht-Fleisch-Situation bis Ende der Saison durchzuziehen.

Der Geheimnisträger

Ein Profiklub ohne sportliche Leitung ist allerdings wie Kaffee ohne Koffein: albern. Doch bei den Zebras hat die Verweigerung gegenüber einem Manager Tradition. Erst im Jahr 1999 stellte der Klub als letzter aller Erstligisten einen Manager ein: Den früheren Nationalspieler Bernd Cullmann, der es gerade sieben Monate aushielt.

Aber es geht längst nicht mehr ohne Manager und ohne professionelle Scouting-Abteilung. Wer sich das Geld dafür spart, der erlebt das, was der MSV zurzeit durchlebt: Auf allen Positionen, bis auf Torwart Florian Fromlowitz, hat sich der Kader mit den 16 Neuzugängen verschlechtert.

Beispiel Angriff: Statt Stürmer Stefan Maierhofer treiben der Dauerverletzte Emil Jula, Valeri Domovchiyski oder Flamur Kastrati die Duisburger Zuschauer zur Verzweiflung. Es scheint, als sei Abwehrchef Branimir Bajic beim MSV längst ein Geheimnisträger: Er weiß als einziger, wo das Tor steht, mit drei Treffern ist er der gefährlichste MSV-Spieler.

Damit hören die Probleme aber nicht auf. Im vergangenen Jahr landete der MSV bei den Neuverpflichtungen ausschließlich Volltreffer, doch sechs Richtige im Lotto gibt es nicht zweimal hintereinander. Der MSV hat allerdings genau daran geglaubt und im falschen Jahr die Verhandlungstaktik gewechselt.

So war Senkrechtstarter Julian Koch in der vergangenen Saison nur ausgeliehen. Damit man solche Juwelen nicht wieder schnell abgeben muss, hat der MSV seine Neuzugänge in diesem Jahr mit langfristigen Verträgen ausgestattet. Der Chinese Jiayi Shao erhielt sogar einen Dreijahresvertrag. Nur: Der Angreifer sitzt nicht mal mehr auf der Bank.

Die Perspektive ist düster, für eine positive Entwicklung kann beim MSV nur eine sportliche Leitung mit Kompetenz sorgen. Und es gibt noch einen Punkt auf der Tagesordnung: Diese sportliche Leitung sollte schnell installiert werden. Irgendwann ist es nämlich einfach: zu spät.