MSV-Legende Bernard Dietz: „Wohlfühlen wichtiger als Geld“

Bernard Dietz.
Bernard Dietz.
Foto: firo

Der Europameister von 1980 holt sich erst einmal eine Tasse Kaffee. So viel Zeit muss sein. Geschichten aus alten Zeiten brauchen Muße. Keine Hektik. Bernard „Ennatz“ Dietz war als Fußballprofi und -trainer auch Schalker, Schöppinger, Verler, Bochumer, Ahlener – aber vor allem Duisburger. Er ist noch immer der bekannteste Sportler der Stadt. Der einstige Linksverteidiger sitzt im VIP-Raum der MSV-Arena. Dort wird er mit Weggefährten seinen 70. Geburtstag feiern. Mit Blick auf den Parkplatz, wo er als Profi zwischen 1970 und 1982 bei jedem Heimspiel sein Auto parkte.

Herr Dietz, dürfen wir etwas fragen, was sich sonst kaum jemand traut?

Bernard Dietz: Nur zu!

Sie haben an Ihrer rechten Hand nur drei Finger. Wie kam es dazu?

Bernard Dietz: Der Mittel- und der Ringfinger sind in eine hydraulische Schweißmaschine geraten. Ich war damals 17, in einer kleinen Schmiede als Stift angestellt und habe beim Reinigen der Maschine eine Sekunde nicht aufgepasst. Plötzlich waren zwei Finger platt wie Papier und mussten amputiert werden.

Hat Sie das in Ihrer Karriere als Fußballprofi später beeinträchtigt?

Bernard Dietz: Körperlich nicht, auch wenn ich einige Zeit davon geträumt habe, man könnte vielleicht zwei neue Finger drannähen (lacht).

Ernsthaft?

Bernard Dietz: Na ja, medizinisch wäre das damals sicher schwierig gewesen. Vielleicht hätte es mir psychologisch geholfen. Mit dem versteckten Spott einiger Menschen konnte ich lange nicht gut umgehen. Im Mannschaftskreis habe ich die Späße mitgemacht, da war das nicht schlimm. Ich habe aber meine Hand bei offiziellen Dingen oft in der Hosentasche versteckt.

Hatten Sie auch ein Problem auf dem Fußballplatz?

Bernard Dietz: Nein, da war alles vergessen, da ging es nur um Fußball. Erst mein ehemaliger MSV-Trainer Otto Knefler hat mir ein großes Stück Selbstvertrauen zurückgegeben. Er hat immer gesagt, die Sache mit den Fingern sei eine Kleinigkeit, über der man souverän stehen müsse. Knefler war viel schlimmer dran als ich. Er hatte als Kriegsveteran keine Zehen mehr. Die waren ihm an der Front abgefroren.

Fast wären Sie gar nicht beim MSV und bei Otto Knefler gelandet.

Bernard Dietz: Stimmt. Zuerst wollte mich Gütersloh verpflichten. Auf der Autobahn gab es einen Auffahrunfall, ich kam zum Treffen beim damaligen Regionalligisten nicht an.

Köln war auch mal ein Thema.

Bernard Dietz: Ja, ich war sogar FC-Fan, auch wenn ich wegen der räumlichen Nähe viel bei Borussia Dortmund in der Roten Erde zugesehen habe. Ich hatte damals kein Auto, bin mit dem Moped zum Probetraining nach Köln. Torwart Manfred Manglitz hat sich tierisch aufgeregt, als ich ihm einen Ball durch die Beine schob. Abends um 22 Uhr musste ich dann zur Nachtschicht wieder in der Bockumer Schmiede antreten, um die Abwesenheitszeit am Tag reinzuholen.

Harte Zeiten.

Bernard Dietz: Na ja, als Schmied habe ich 1000 Mark im Monat bekommen, mein erster Fußball-Profivertrag 1970 beim MSV brachte auch nur 1200 ein. Ich habe mir für 800 Mark einen VW Käfer geleistet, ohne Heizung, und bin dann von zu Hause nach Duisburg gefahren. Sicher 100 000 Kilometer im Jahr.

Der MSV war 1977 Ihr Arbeitgeber, als Sie einen Rekord für die Ewigkeit aufstellten: Als Verteidiger unter Trainer Otto Knefler erzielten Sie im November 1977 beim 6:3 über die Bayern vier Tore.

Bernard Dietz: Wir lagen bei Halbzeit 1:2 hinten, die Fans haben „Knefler raus!“ gebrüllt. Dann ging die Aufholjagd los. Nach meinem 3:3 habe ich unserem Libero Kees Bregman gesagt: „Ich mach noch eins – für den Trainer.“ Zwei Minuten später stand es 4:3. Ich sollte in dem Spiel eigentlich auf Karl-Heinz Rummenigge aufpassen. Der nahm es umgekehrt mit den Vorstößen eines Linksverteidigers nicht so genau.

Ihre Karriere in der Nationalmannschaft begann drei Jahre zuvor.

Bernard Dietz: Ja, mit ganz wenig Glanz. Auf Malta haben wir in der EM-Qualifikation auf Betonboden mit 1:0 gewonnen. In der Kabine feierten die Kakerlaken ein Fest.

Und dennoch hatten Sie Glück.

Bernard Dietz: Stimmt. HSV-Legende Manfred Kaltz fiel verletzt aus, Co-Trainer Jupp Derwall ersetzte den wegen einer kleinen Operation nicht mitgereisten Helmut Schön als Bundestrainer und gab mir eine Chance. Dass sich der Gladbacher und Kölner Meistertrainer Hennes Weisweiler für mich stark gemacht hat, hat sicher nicht geschadet.

Weisweiler wollte Sie 1980 nach New York zu Cosmos holen.

Bernard Dietz: Ich habe ihm am Rezeptionstelefon meines Urlaubshotels in Bensersiel abgesagt. Ich stand beim MSV schon im Wort.

Wäre die Aussicht auf Spiele mit Weltfußballern wie Franz Beckenbauer, Johan Neeskens oder Carlos Alberto nicht reizvoll gewesen?

Bernard Dietz: Das schon. Aber hätten sich meine Frau und ich aus dem kleinen Bockum-Hövel in einer Weltstadt wie New York auch wohlgefühlt? Wir hatten ernste Zweifel. Wohlfühlen war für uns wichtiger als Geld.

Zum Abschluss: Wie kam es zu Ihrem Spitznamen Ennatz?

Bernard Dietz: Den hat Erika erfunden.

Erika?

Bernard Dietz: Ja, ein fünfjähriges Mädchen, das früher bei unserem Straßenfußball in Bockum zugesehen hat und Bernard nicht aussprechen konnte. Da hat sie, im Münsterländer Platt, den Ennatz erfunden, der am Anfang aber eher wie Bennatz klang.

Den Spitznamen gibt es also schon seit mehr als 60 Jahren.

Bernard Dietz: Und viele verschiedene Schreibweisen. Ennatz ist die richtige. Ich frage mich manchmal, ob Erika weiß, dass sie den Spitznamen für eine halbe Ewigkeit erfunden hat.

 
 

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