MSV Duisburg ist „keine Kuschelecke für Neonazis“

Thomas Tartemann
Das Motto „alle für einen Verein“ lief zuletzt in die entgegengesetzte Richtung.
Das Motto „alle für einen Verein“ lief zuletzt in die entgegengesetzte Richtung.
Foto: WAZFootPool
Die Konfrontation zwischen der „Kohorte“ und der „Division Duisburg“ sorgte bundesweit für Negativschlagzeilen. MSV-Sicherheitsmanager Michael Meier und Fanbeauftragter Christian Ellmann beziehen im Interview Stellung.

Duisburg. Der MSV Duisburg war zwischen Mai und Juli bundesweit in den Schlagzeilen. Nach dem Zweitliga-Lizenzentzug gingen tausende Fans auf die Straße, demonstrierten leidenschaftlich für ihren Klub und sorgten für eine Welle der Sympathie. Jetzt hat der MSV wieder bundesweite Medienpräsenz, weil es nach dem 3:3 gegen den 1. FC Saabrücken eine handfeste Auseinandersetzung zwischen der linksorientierten Kohorte und der dem rechten Spektrum zugeordneten Division Duisburg auf dem Parkplatz vor der Arena gab. Spiegel-Online berichtete von einem Nazi-Angriff auf MSV-Fans und von „Kampfmaschinen mit Muskelbergen“. Die Sportredaktion unterhielt sich mit Sicherheits-Manager Michael Meier und dem MSV-Fanbeauftragten Christian Ellmann.

Christian Ellmann, hat der MSV Duisburg ein Problem mit rechten Tendenzen im Fanbereich?

Ellmann: Es gibt sicherlich einige wenige Leute mit solchem Gedankengut. Aber das ist kein alleiniges Duisburger Problem, das kommt auch in anderen deutschen Stadien vor. Ein Großteil unserer Anhänger hat einfach keinen Bock auf Politik im Stadion.

Meier: Unser Verein gehört nicht ins rechte Licht. Die Leute, bei denen rechte Gedanken vorherrschen, müssen wissen: Der MSV Duisburg ist keine Kuschelecke für Neonazis. Wenn es konkrete Hinweise auf solche Leute gibt, dann werden wir als Verein dafür sorgen, dass es für sie ungemütlich wird. Wir haben seit dem Vorfall am Wochenende mit verschiedenen Gruppierungen geredet, um den Sachverhalt aufzuarbeiten.

Überregionale Medien berichteten von abgebrochenen Zähnen, einer gebrochenen Rippe und Prellungen bei Mitgliedern der attackierten Kohorte. Können Sie das bestätigen?

Meier: Es gibt keine konkret beschuldigten Personen, demzufolge auch keine Anzeige. Und eine Verletzung, die ärztlich festgestellt wurde, gibt es auch nicht.

Angeblich soll beim Saarbrücken-Spiel von Personen der Hitler-Gruß gezeigt worden sein. Gibt es darüber konkrete Erkenntnisse?

Meier: Wir hatten den Mann hier zum Gespräch. Er hat das besagte Wort schlichtweg aus Dummheit gerufen. Und nicht, weil er diese politische Gesinnung hat. Das Stadionverbot bleibt für ihn bestehen, weil wir so etwas nicht dulden.

Zurück zum Vorfall am Samstag. Was haben Sie selbst am Fan-Container mitbekommen?

Ellmann: Ich stand genau dazwischen, als die beiden Gruppen aufeinander getroffen sind. Es wurde geschubst und gerangelt. Mir sind ein paar Sachen, die ich in der Hand hielt, heruntergefallen. Das ging alles rasend schnell. Dann kam die Polizei und hat beide Gruppen getrennt. Ich kann im Nachhinein sagen, wer alles in der Nähe des Fan-Containers gestanden hat. Aber nicht, wer was genau gemacht hat.

„Enormer Imageschaden“ für den MSV Duisburg 

Was entgegnen Sie dem Vorschlag, beide beteiligten Gruppen künftig auszuschließen?

Ellmann: Das wäre Sippenhaft und kann nicht der richtige Ansatz sein. Wenn ich alle Gruppen rausschmeiße, dann ist alle 14 Tage bei Heimspielen für etwa vier Stunden Ruhe. Aber die meisten Fans wohnen in Duisburg, man läuft sich hier auch beim Einkaufen über den Weg. Das Problem an sich wird durch Ausschlüsse nicht behoben.

Wo sehen Sie den Ansatz, um die Wogen zu glätten und dafür zu sorgen, dass wieder am gleichen Strang gezogen wird?

Meier: Gewalt ist grundsätzlich keine Problemlösungs-Strategie. Das muss jeder verinnerlichen. Die Gruppen sind untereinander im Dialog. Wir hoffen darauf und arbeiten daran, dass es friedlich weiter geht.

Was entgegen Sie dem besorgten Familienvater, der sich wegen der Fan-Spannungen den künftigen Stadionbesuch mit seinem Kind drei Mal überlegt?

Meier: Noch mal zu dem letzten Samstag: Kleine Kinder wurden nicht in Mitleidenschaft gezogen. Der Stadionbesuch ist für Familien beim MSV nach wie vor sicher. Natürlich ist es blöd, wenn Du als Vater mit deinem sechsjährigen Kind aus der Arena kommst und draußen gibt es Tumult mit zwei Fangruppen, die von Polizeikräften mit Hunden getrennt werden. Dass sich ein Kind in so einer Situation erschreckt, liegt auf der Hand. Wir haben Zuschriften von Eltern bekommen, aus denen klar hervorgeht: Mein Kind hat keine Lust mehr, zum MSV Duisburg ins Stadion zu gehen.

Nicht nur im Bereich der besorgten Zuschauer sind die Auswirkungen vom letzten Wochenende fatal, oder?

Meier: Der entstandene Imageschaden ist für den Verein enorm. Gerade in der Phase, in der die Anleihen auf dem Markt sind und die wirtschaftliche Situation verbessert werden soll, sind solche Vorkommnisse nicht förderlich.

Vor einigen Wochen gab es einen runden Tisch mit Vertretern der verschiedenen Gruppierungen. Warum hat sich die als positiv eingestufte Grundstimmung ins Gegenteil gewandelt?

Meier: Es gab Spiele, bei denen die Division Duisburg neben der Kohorte gestanden hat. In der Phase war es so ruhig und harmonisch wie nie. Aber bei so einem runden Tisch gibt es auf verschiedene Wahrnehmungen. Was die eine Seite als harmonisch empfindet, das kommt bei der anderen Seite bedrohlich rüber. Die Kohorte war beispielsweise der Meinung, ihr wäre befohlen worden, was sie zu tun und zu lassen hätte.

Was sagen Sie zu dem Vorwurf, der MSV hätte das Projekt gegen Diskriminierung und Rechtsradikalismus aus finanziellen Gründen eingestellt?

Ellmann: Wir pennen nicht. Das Ganze ist nicht eingestampft worden. Wir hatten nach dem Lizenzentzug allerdings einige andere Baustellen, waren Tag und Nacht für unsere Anhänger da. Einiges bleibt dann logischerweise liegen. Der Arbeitskreis mit den Fan-Clubs existiert bereits.