Joachim Hopp: "Fußball ist Kommerz geworden"

Duisburg. Malocher. Urgestein. Publikumsliebling. Ohne diese drei Begriffe kommt keiner aus, der Joachim Hopp beschreiben will. Im DerWesten-Interview spricht "Hoppi" über seine Zeit als Profi, seine Liebe zu Duisburg und den MSV und den immer kommerzieller werdenden Fußballsport.

Herr Hopp, Ihre Karriere war einmalig.

Joachim Hopp: Vom Arbeiter am Hochofen in Duisburg-Meiderich zum Profifußballer, ja. Als ich den Vertrag beim MSV unterschrieben habe, das war für mich wie ein Märchen aus 1001 Nacht, das war ein Kindheitstraum.

Sie haben beim VfvB Ruhrort/Laar angefangen, sind dann zum MSV. Ihren Knochenjob auf der Hütte haben Sie zunächst trotzdem nicht aufgegeben.

Hopp: Nein, ich hatte Angst, den Durchbruch nicht zu schaffen. Deswegen habe ich in den ersten Jahren beide Jobs gleichzeitig gemacht.

Wie muss man sich das vorstellen?

Hopp: Ich habe morgens am Hochofen gearbeitet, dann bin ich zum Training gefahren. Zum Glück standen meine Kollegen damals bei Thyssen voll hinter mir. Die waren nicht neidisch oder so. Ich war einer von denen. Mein Chef selbst war begeisterter MSV-Fan und stolz auf mich.

Irgendwann haben Sie aber doch gekündigt bei Thyssen.

Hopp: Ja, als ich den Profivertrag unterschrieben habe. Dieter Fischdick (damaliger MSV-Präsident, Anm. d. Red.) hatte gesagt, ich solle am Hochofen aufhören, dann könnte ich für den MSV noch mehr Leistung bringen. Er hat mir damals das größte Kompliment gemacht: "Ein Hoppi würde bei mir immer spielen", hat er gesagt. Also habe ich mich letztlich für den Fußball entschieden. Es hat mir aber nicht geschadet, ein paar Jahre lang beides zu machen.

Inwiefern?

Hopp: Man kam halt nie auf dumme Gedanken. Klar, ich bin am Wochenende auch auf der Rolle gewesen, aber in der Woche hatte ich mein Training und meine Arbeit. Ich habe gelebt wie ein Mönch. Nicht so wie so mancher junge Spieler heute.

Was vermissen Sie an den jungen Spielern in der Bundesliga?

Hopp: Die 18-Jährigen heutzutage, die können sich gerade mal alleine den Hintern abwischen und verdienen schon so viel Geld. Früher reichte mir unser Präsident Fischdick die Hand, wenn wir uns einig waren. Da brauchte man keinen Rechtsanwalt zur Vertragsunterzeichnung.

Heute hat jeder junge Spieler seinen eigenen Berater. Fußball ist Kommerz geworden. Das ist alles nicht mehr wie früher. Schauen Sie sich mal den MSV an. Wenn wir im alten Wedaustadion den Ball planlos nach hinten gespielt oder nicht richtig gekämpft haben, dann haben die Leute die Sitze aus der Verankerung gerissen und aufs Spielfeld geworfen. So etwas kennen die Spieler, die heute für den MSV auflaufen, doch gar nicht. Die würden schreiend davonlaufen, wenn ihnen so was passieren würde. Das sind keine Duisburger, denen fehlt die Identifikation mit dem Verein. Wir haben in Duisburg eine so hohe Arbeitslosenquote – da darf der MSV kein Schickimicki-Club werden. Man darf die Nase nicht zu hoch tragen. Darauf sollte der Verein achten.

Wenn Sie Cheftrainer beim MSV wären – würden Sie etwas anders machen?

Hopp: Ich würde mehr auf die Jugend setzen. Das wird heute nämlich gerne vergessen. Ich frage mich zum Beispiel, warum wird so ein Sascha Mölders (ehemaliger MSV-Spieler aus der zweiten Mannschaft, Anm. d. Red.) nach Essen verkauft? Warum wird ein Tosunoglu weggeschickt (Tufan Tosunoglu spielte für die Reserve des MSV, ist mittlerweile zu den Kickers Offenbach gewechselt, Anm. d. Red)? Dafür werden dann drei, vier neue geholt, die vielleicht auch jung sind, aber aus dem Ausland kommen und mit dem MSV nichts anzufangen wissen.

Was meinen Sie – warum setzt der MSV auf insgesamt 13 Neuzugänge?

Hopp: Wissen Sie, alle Trainer außer Ewald Lienen haben einfach nicht die Eier in der Hose, die Spieler aus der zweiten Mannschaft einzusetzen. Die denken nur an sich. Sie wollen einkaufen, einkaufen, einkaufen. Verstehen Sie mich nicht falsch, man braucht die ausländischen Spieler, aber man muss vor allem auch den eigenen Nachwuchs fördern. Es ist doch so: Vor 20 Jahren kam Hoppi, dann kam Adam Bodzek von den Amateuren hoch, und ansonsten kommt nichts. Warum hält man sich dann eine zweite Mannschaft in der Oberliga?

Sie sind inzwischen seit einigen Jahren selber Trainer und waren lange für den Wuppertaler SV tätig. Wie haben Sie dort den Nachwuchs gefördert?

Hopp: Ich habe drei Jahre lang die Amateure trainiert, immer in enger Zusammenarbeit mit der ersten Mannschaft. Wir haben viele Spieler, die vom Trainer der Profis abgeschrieben worden waren, wieder nach oben gebracht. Die haben dann bei uns mittrainiert, und irgendwann konnten sie tatsächlich wieder in der Ersten spielen und waren dort auch erfolgreich. Ein Tim Jerat zum Beispiel, der mittlerweile Führungsspieler in Wuppertal ist.

In Wuppertal wurden Sie und Ihr Trainerkollege Wolfgang Jerat dann aber entlassen.

Hopp: Ja, mit drei Punkten Vorsprung auf den Tabellenzweiten. Der Präsident wollte mitreden. Das war unser Genickbruch. Aber wir sind stolz, denn wir haben uns nicht verbiegen lassen.

Und mittlerweile sind Sie ja auch wieder im Geschäft.

Hopp: Wolfgang Jerat und ich haben vor wenigen Wochen beim Bonner SC unterschrieben. Dort gibt es auch wieder einen einzelnen Macher, aber er hat uns mit seiner Philosophie gefangen. Wir spielen in der NRW-Liga unter Profibedingungen. Wir wollen mit Bonn aufsteigen. Zweimal in den nächsten drei Jahren.

Apropos Aufstieg: Auch der MSV Duisburg will wieder in die Erste Liga aufsteigen. Glauben Sie daran?

Hopp: Nun, der MSV ist ja immer eine große Wundertüte, irgendwie haben sie es in den letzten Jahren immer geschafft. Aber ich denke, man spricht in Meiderich nicht mit einer Zunge, und das ist ein Problem. Der Präsident sagt: "Wir steigen auf jeden Fall auf!", der Trainer sagt: "Mal schauen!" Ich vermisse da die klare Linie, vor allem nach außen.

Außerdem haut mich der Kader nicht so richtig vom Stuhl. Das Gerüst aus gestandenen Spielern fehlt. In dieser Mannschaft gibt es keine Namen, vor denen man Respekt hat. Auch als gegnerisches Team, meine ich.

Sie wohnen in Duisburg nicht weit entfernt vom Trainingsgelände des MSV an der Westender Straße. Wie nah dran sind Sie an der Mannschaft? Sind Sie noch oft im Stadion?

Hopp: Ich gucke mir ab und an Trainingseinheiten an, habe Kontakt zu dem einen oder anderen Spieler. Aber ins Stadion gehe ich nicht.

Warum nicht?

Hopp: Ich habe mal angerufen und wollte eine Karte für ein Spiel haben. Da wurde mir ein Platz auf der Vortribüne angeboten.

Der hat Ihnen nicht gereicht?

Hopp: Ich meine, es ist ja nicht so, als könnte ich mir das Ticket nicht selber kaufen. Aber es ist eine Frage des Respekts. Ich habe viele Jahre lang als Spieler für den MSV alles gegeben. Und ich habe viel für die Stadt, für den Verein getan, weil ich immer für die Medien offen war. Als der MSV 100 Jahre alt wurde, bin ich noch nicht einmal zu der offiziellen Feier eingeladen worden. Ich war sehr enttäuscht. Das ist respektlos. Aus genau demselben Grund habe ich die Vortribünenkarte abgelehnt. Und jetzt will ich nicht mehr. Ich spiele auch nicht in der Traditionsmannschaft. Da bin ich bockig. Der MSV kümmert sich entweder um die ganz alten Spieler oder die ganz neuen. Aber wir hatten auch einen Pino Steininger. Einen Bachirou Salou. Oder eben einen Joachim Hopp. Für die interessiert sich keiner mehr, und das ist schade. Denn was meinen Sie, warum der FC Bayern so erfolgreich ist? Weil das alles ehemalige Spieler sind – ob Verkäufer im Fanshop oder Präsident.

Die Fans jedenfalls haben Sie nicht vergessen. Oder?

Hopp: Nein, die nicht. Manchmal werde ich auf der Straße angesprochen. Dann sagt einer: "Herr Hopp, ich möchte nochmal danke sagen für alles." Die erkennen mich, das ist unglaublich.

Sie waren in den 90er Jahren ja auch der Publikumsliebling.

Hopp: Ja, ich war zwar auf dem Platz kein Filigrantechniker, aber ich habe immer alles gegeben. Leidenschaft, Einsatzbereitschaft, das hat mich ausgemacht.

Ich war dankbar für jede Minute Bundesliga, und das wollte ich dem Trainer und den Fans auch zurückgeben. Deshalb kam ich gut an in Duisburg. Ich habe dort ja dann auch fünf Trainer überlebt, war immer Stammspieler.

Sie sind nicht nur in Duisburg, sondern auch beim Reviernachbarn Rot-Weiß Oberhausen aufgelaufen. Heute spielen MSV und RWO wieder in einer Liga. Was ist der größte Unterschied zwischen den Zebras und den Kleeblättern?

Hopp: In Duisburg gibt es mehr Strukturen, hier ist alles professioneller. Und natürlich der Zuschauerzuspruch: Die Fans in Duisburg stehen immer hinter ihrem MSV. Das ist in Oberhausen anders, da kommen 2.000 Leutchen zu einem Heimspiel.

Zu guter Letzt: Können Sie sich noch an Ihren schönsten Moment in Duisburg erinnern?

Hopp: Das klingt jetzt kitschig, aber jeder Tag als Fußballprofi war ein schöner Tag. Ich habe es genossen, morgens zum Trainingsgelände zu kommen. Die Luft dort – sie roch ganz anders als am Hochofen. Wirklich, es war toll, Profi zu sein. Eben wie ein Märchen aus 1001 Nacht.

 
 

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