Abwehrschnitzer kostet MSV Duisburg die Tabellenführung

Dirk Retzlaff und Sven Kowalski
Zwischenzeitlich hoch geflogen, am Ende auf dem Boden der Tatsachen gelandet: Dennis Grote und Co. waren am Samstag 30 Spielminuten lang Tabellenführer.
Zwischenzeitlich hoch geflogen, am Ende auf dem Boden der Tatsachen gelandet: Dennis Grote und Co. waren am Samstag 30 Spielminuten lang Tabellenführer.
Foto: WAZ-Fotopool
Die Abwehr des Fußball-Drittligisten MSV Duisburg erlaubte sich beim 1:1 gegen den VfB Stuttgart II nur einen Schnitzer, der aber weitreichende Folgen hatte. Bei einem Sieg wären die Zebras Tabellenführer. Nun belegen sie aber nur noch den fünften Rang.

Duisburg. 30 Minuten, die Halbzeitpause hinzugerechnet sogar 45 Minuten, war die Welt für die Anhänger des Fußball-Drittligisten MSV Duisburg perfekt. Von der 34. bis zur 64. Minuten waren die Zebras am Samstag Spitzenreiter. Doch am Ende stand gegen die U 23 des VfB Stuttgart nur ein 1:1 (1:0)-Remis und der Fall auf den fünften Tabellenplatz.

Trainer Gino Lettieri war nach dem Spiel angefressen. Nicht, weil er sich die Tabelle übers Bett hängen wollte – die interessiert den Mann nach eigenem Bekunden derzeit ja ohnehin nicht – sondern, weil sein Team den Sieg durch einen kapitalen Fehler der ansonsten sicheren Abwehrreihe noch aus der Hand gab.

„Da ging eine Riesentür auf. Ich weiß gar nicht, wie das entstanden ist“, kommentierte VfB-Trainer Jürgen Kramny die Situation aus der 64. Minute mit einer Mischung aus diebischer Freude und Verwunderung. Gino Lettieri wunderte sich auch: „Die Riesentür muss ich mir auch noch mal anschauen.“

Jerome Kiesewtter nutzte MSV-Patzer

Branimir Bajic und Enis Hajri, die in der verhängnisvollen Szene im Mittelfeld beim Stuttgarter Konter als humorlose Türsteher hätten tätig sein müssen, fungierten aber als Türöffner. Marco Grüttner bedankte sich für so viel Gastfreundschaft und schickte mit einem langen Pass Jerome Kiesewetter auf die Reise. Linksverteidiger Kevin Wolze stand zu weit weg, und Kiesewetter tunnelte bei seinem Treffer zum 1:1 auch noch MSV-Keeper Michael Ratajczak. Da kam sehr viel zusammen. Enis Hajri war bedient: „Wie der Ball beim 1:1 durchgekommen ist, habe ich nicht gesehen.“ Hätte er mal besser hingeschaut.

Bajic spielt wieder wichtige Rolle

So reichte Steffen Bohls Kopfballtor nach einem Wolze-Freistoß in der 34. Minute nicht zum Sieg und zum Sprung an die Spitze. „Wir müssen noch viel lernen“, stellte Lettieri frustriert fest. Der Coach hatte – bedingt durch den verletzungsbedingten Ausfall von Zlatko Janjic – bei seiner Aufstellung an vielen Schrauben gedreht. Im Angriff war die Doppelspitze Onuegbu/Scheidhauer zum ersten Mal von Beginn an im Einsatz. Michael Gardawski musste auf die Bank, Innenverteidiger Thomas Meißner auch.

Die Besetzung der Defensive, die – abgesehen von der Minute der offenen Tür – sicher stand, bietet in der Nachschau des Spiels vielleicht den meisten Diskussionsstoff. Branimir Bajic, durch das Pfeiffersche Drüsenfieber in der Saisonvorbereitung und in den ersten Wochen außer Gefecht, spielt nun wieder eine wichtige Rolle. Lettieri entschied sich für „Baja“ – und damit gegen Meißner – um mit dem Routinier einen Mann mit einer spielerischen Note aufzubieten. Neben Bajic verteidigte Steffen Bohl, der als gelernter Mittelfeldspieler ebenfalls weniger den gepflegten, kompromisslosen Abräumer darstellt.

Und Christopher Schorch? Vor seinem Platzverweis im Spiel bei Fortuna Köln am siebten Spieltag war er als Innenverteidiger in der Startelf gesetzt und hatte bis dahin auch keinen Schaden angerichtet. Nun sitzt Schorch nur noch auf der Bank. Gegen Dortmund und Rostock kam er immerhin noch als Einwechselspieler.

Der King mag Konkurrenzsituation

Branimir Bajic, der in diesem Monat seinen 35. Geburtstag feiert, erlebt derzeit im Herbst seiner Laufbahn Frühlingsgefühle. „Es ist das Beste im Leben, wenn du wieder Fußall spielen kannst“, sagte Bajic – „Was beim 1:1 genau passiert ist, kann ich nicht sagen“ – nach der Partie. Der Bosnier weiß aber auch sehr gut, dass sich Dinge auch wieder sehr schnell ändern können: „Es ist egal, wer spielt. Jeder ist ersetzbar.“

So ähnlich sieht es auch Kingsley Onuegbu, der mittlerweile auch weiß, wie eine Ersatzbank aus der Nähe aussieht. Der Nigerianer, der am Samstag einen seiner schwächeren Tage erwischt hatte, kann mit der neuen Situation offenbar gut umgehen: „Im letzten Jahr lief nach vorne alles nur über den King. Und wenn der King keinen guten Tag hatte, lief es nicht. Jetzt haben wir viel mehr Möglichkeiten. Konkurrenz ist das Beste, was einem Fußballer passieren kann.“