Löw schürt im DFB-Team den Konkurrenzkampf

Dirk Graalmann
Bundestrainer Joachim Löw gelang mit der DFB-Auswahl in Aserbaidschan der siebte Sieg im siebten EM-Qualifikaationsspiel. Foto: Getty Images
Bundestrainer Joachim Löw gelang mit der DFB-Auswahl in Aserbaidschan der siebte Sieg im siebten EM-Qualifikaationsspiel. Foto: Getty Images
Gomez statt Klose? Wer spielt in der Innenverteidigung? Wer besetzt die rechte Außenbahn? All’ diese Personalfragen im DFB-Team bedrücken den Bundestrainer nicht – im Gegenteil. Selten verspürte Joachim Löw eine derart kommode Ausgangsposition.

Baku. Am Ende erteilte Joachim Löw auch den vorschnellen Jublern die Absolution: Die DFB-Elf sei „zu 98 Prozent für die EM qualifiziert“, hatte der Bundestrainer Pi mal Daumen ausgerechnet. Es blieb unbeantwortet, wie er noch die zweiprozentigen Zweifel herleitete.

Deutschland ist nach dem 3:1 in Aserbaidschan, dem siebten Sieg im siebten Spiel (und damit der besten Bilanz der DFB-Historie) in der EM-Qualifikation zwar theoretisch noch von der Türkei einzuholen – aber nur dann, wenn die Elf ihre letzten drei Partien (daheim gegen Österreich und Belgien sowie in der Türkei) allesamt verlöre und die Türken im Gegenzug ihre vier noch ausstehenden Spiele allesamt gewönnen. Eine derartige Konstruktion aber dürfte selbst die Ergebnis-Schacherer aus dem Café King überfordern.

Dafür dürften die Wetten auf die EM-Stammelf 2012 gute Quoten bringen. Denn selten, das ist das Resultat der nun abgelaufenen Saison, war das Rennen auf diversen Positionen so offen wie jetzt. Gomez statt Klose? Wer spielt in der Innenverteidigung? Wer besetzt die rechte Außenbahn? All’ diese Personalfragen aber bedrücken den Bundestrainer nicht – im Gegenteil. Selten verspürte Löw eine derart kommode Ausgangsposition. Ohne Qualifikationsdruck hat er nun zehn Monate Zeit, um aus den Kandidaten unter Wettkampf-Bedingungen ein EM-Team zu formen. „Niemand sollte erwarten, dass wir im Oktober, November eine eingespielte Mannschaft für die EM haben“, sagte Löw. Er müsse, daran erinnerte der Bundestrainer gern, seinen Kader schließlich „erst im Mai nominieren“ – und schürte so weiter den Konkurrenzkampf.

Jüngste DFB-Elf der Historie

Die Partie in Baku gab dabei einen Vorgeschmack auf die nachwachsenden Alternativen: Die Mannschaft war mit einem Durchschnittsalter von 23,45 Jahren die jüngste Elf, die je zu Beginn eines DFB-Länderspiels auf dem Rasen gestanden hat. Der älteste Spieler war Philipp Lahm – und der Kapitän ist 27... „Wenn der Philipp schon der Älteste ist, dann weiß man ja, was los ist“, sagte Thomas Müller lächelnd. „Dass wir so viele gute junge Spieler haben, kann uns ja nur glücklich machen.“

In der Elf von Baku etwa standen mit Lahm und Lukas Podolski nur noch zwei Kicker, die schon Teil des WM-Sommermärchens 2006 waren. Die Fluktuation ist groß, 71 Nationalspieler hat Löw in seiner Amtszeit bereits eingesetzt, darunter 46 Debütanten – und der Bundestrainer misst inzwischen mit großer Elle. Sein Maßstab für die Eleven ist das Niveau Spaniens – und wer diesem Anspruch nicht gerecht wird, muss auch mit langfristigem Liebesentzug rechnen. Zu groß ist der Druck von unten, als dass Löw noch mit engelsgleicher Geduld auf eine Entwicklung früherer DFB-Kicker setzt. Aus dem WM-Kader von 2010 etwa spielen einige Profis schon gar keine Rolle mehr: Namen wie Marcell Jansen, Marko Marin oder Piotr Trochowski atmen den Geist der Vergangenheit.

Großes Ballack-Comeback unwahrscheinlich

Fast so wie der Name Michael Ballack, mit dem Löw nun ein „zeitnahes Gespräch“ führen will. Es wird, da stehen die Wettquoten äußerst mies, wohl kein großes Comeback des inzwischen 34-Jährigen geben. Statt dessen drängen Leute wie Kroos, Bender oder Rolfes in der Zentrale nach.

Für sie alle gilt ab sofort die Marschroute, die der Kapitän in der Nacht von Baku ausgab: „Die Mannschaft hat gezeigt, dass Qualität in ihr steckt“, sagte Philipp Lahm. „Und natürlich wollen wir bei der EM um den Titel mitspielen. Das steht doch völlig außer Frage."