Kontroverse Diskussionen nach Outing eines schwulen Profis

Choreographie der Fans des FSV Mainz 05 vor dem Heimspiel gegen Wolfsburg im April 2012
Choreographie der Fans des FSV Mainz 05 vor dem Heimspiel gegen Wolfsburg im April 2012
Foto: imago
Auf einem Portal der "Bundeszentrale für politische Bildung" erschien ein Interview mit einem schwulen Fußball-Bundesligaspieler, der sich anonym outete. Das wird kontrovers diskutiert. Die Reaktionen fielen unterschiedlich aus.

Essen. Homosexualität im Profi-Fußball ist und bleibt ein großes Tabuthema - nicht nur in Deutschland. Am Dienstag sorgte deshalb ein Interview im weniger bekannten Online-Magazin fluter.de hohe Wellen: Auf dem Portal der "Bundeszentrale für politische Bildung" erschien ein Aufsehen erregendes Interview mit einem schwulen Fußball-Bundesligaspieler, der sich anonym outete. Der Text "Ein Mann, den es eigentlich nicht gibt" von Autor Adrian Bechtold wurde in kürzester Zeit tausendfach in den sozialen Netzwerken Twitter und Facebook verbreitete und auch auf der Internetseite kontrovers diskutiert. "Niemand durfte von diesem Interview wissen. Wir haben mit einem Bundesligaspieler über seine Homosexualität gesprochen", teaserte er auf das Gespräch mit dem Kicker aus der Eliteliga hin. Und der soll kein Unbekannter sein.

"Wenn man sich ein bisschen für Sport interessiert, dann sollte der einem schon begegnet sein", erklärte Bechtold auf der Homepage des Radiosenders 1LIVE am Mittwoch. Und gerade deshalb bleibt die Identität des Spielers anonym. Das musste der Jurist und freier Journalist seinem Interview-Partner "hundertmal versprechen." Zu groß sei seine Angst vor den Konsequenzen. "Ich wäre nicht mehr sicher, wenn meine Sexualität an die Öffentlichkeit käme", erklärte der Profi. Diese Veröffentlichung ist ein Meilenstein im Haifischbecken Bundesliga, denn zum ersten Mal hat ein aktiver Fußballer über sein Leben als schwuler Profi gesprochen.

"Das Interview ist kein erster Schritt"

Die Reaktionen darauf fielen allerdings unterschiedlich aus. Der freie Sportjournalist Marcus Bark twitterte, "dass das Interview keinen weiterbringt, auch kein erster Schritt ist", außerdem müsse die Echtheit dieses Interviews gründlich geprüft werden. Sebastian Fiebrig vom Berliner Kurier schrieb bei Twitter: "Es ist so allgemein gehalten, dass ich gar nichts damit anfangen kann." Dirk Brüllau von der europäischen Vereinigung schwul-lesbischer Fußball-Fanklubs "Queer Football Fanclubs" erklärte: "Wir haben keinen Grund, kein Vertrauen in das Medium und seine Redaktion zu haben." Aber Brüllau ergänzte: "Allein die Tatsache, dass das Interview anonym durchgeführt wurde, belegt, dass Schwulsein längst keine Normalität hat. Wir stellen fest, dass der neue DFB-Präsident sich bislang nicht sonderlich zu Themen wie Diskriminierung oder Homophobie geäußert hat. Nur wenn die ,Kleinhirne' merken, dass sie und ihre Meinungen von der breiten Fanszene nicht akzeptiert werden, ist ein Outing ein guter Weg."

Daniel Kraft, Pressesprecher bei der Bundeszentrale für politische Bildung, bestätigte gegenüber DerWesten: "Wir zweifeln nicht an der Echtheit des Interviews." Man arbeite schon länger gut und vertrauensvoll mit dem Autor zusammen und "haben keinerlei Zweifel an der Qualität seiner journalistischen Arbeit." Außerdem liegt der Bundeszentrale ein Schreiben vor, das die Echtheit bestätigt.

Ein Prozess über anderthalb Jahre

Die Entstehung dieses Gespräches "war ein langer Prozess und ging nicht von heute auf morgen", erklärt Bechtold auf 1LIVE.de. "Das ging über anderthalb Jahre, über Freunde und Freundesfreunde - und so hat sich dieser Kontakt ganz langsam ergeben. Und dadurch wurde auch das Vertrauen gestärkt." Dem Spieler sei es "wichtig, den ersten Schritt zu tun." Er probiere sich gerade selbst aus.

Die positive Stellungnahme des DFB durch Theo Zwanziger sei dabei kein wirklich Hilfe gewesen, um den ersten Schritt in die Öffentlichkeit zu machen. "Das ist alles gut gesagt, wenn man nicht am nächsten Spieltag ins Stadion muss", kritisierte der anonyme Spieler. "Vielleicht wäre es zu verschmerzen, wenn sich mehrere Spieler outen würden, aber selbst da sehe ich momentan wenig Hoffnung. Schließlich wäre es dann immer noch eine Minderheit, auf der man vorzüglich herumreiten könnte." In seiner Mannschaft wisse man über seine sexuelle Orientierung Bescheid. Nach außen aber ist es ein ständiges Versteckspiel. "Zu manchen Anlässen kann ich einfach nicht alleine kommen, und dann gibt es immer Wege. Nur bezahlen musste ich nie – schließlich habe ich als richtiger Schwuler auch beste Freundinnen", so der Kicker.

Über den Traum des Spielers

Ein Ende des Versteckspiels sieht weder der Fußballer, noch der Autor. "Privat wird sich an der Situation nichts ändern. Ich würde mich natürlich sehr freuen, falls auf einmal die Lawine der Outings losbricht und ich auch einmal staunen könnte, wen ich doch noch nicht kenne", so der Profi. "Ein Stück Normalität würde mich schon freuen." Bis es zu dieser Normalität kommen könnte, wird noch viel Zeit vergehen, schätzt Bechtold die Situation ein. "Ob es in einem Jahr ist, das ist höchst fraglich. Nach den ganzen Medienanfragen, die mich gerade treffen, ist das Thema doch noch sehr brisant. Ich denke, es werden eher drei bis fünf Jahre werden, aber ich bin sicher, es wird auf jeden Fall kommen", erklärte er beim WDR-Radiosender.

Kraft allerdings zieht schon jetzt ein positives Fazit der Geschichte. "Wir hatten gestern statt normalerweise rund 3.000 Visits auf der fluter.de rund 90.000 Besucher", am Mittwoch waren es noch mal mehr als 40.000. "Uns geht es um die Debatte, die jetzt ausgelöst wurde", erklärt Kraft, noch nie sei ein Artikel so häufig kommentiert worden, wie dieser. "Die Debatte ist im vollen Gange", und das sei schließlich auch der Auftrag von der "Bundeszentrale für politische Bildung".

Debatte hin oder her - am Ende bleibt ein erster kleiner Schritt und der Traum des anonymen Spielers "einfach mit einem zukünftigen Partner in aller Öffentlichkeit ins Restaurant" gehen zu können. Bleibt zu hoffen, dass die Debatte nicht in voyeuristische Gier umschlägt und einige Medien nun versuchen, den Versteckspieler zu outen.

 
 

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