Köln-Trainer Stöger: „Leiden und Liebe sind in Köln eng verbunden“

Peter Stöger.
Peter Stöger.
Foto: firo

Köln.. Als Peter Stöger vor vier Jahren zum 1. FC Köln in die Bundesliga wechselte, war der Österreicher nur Insidern bekannt. Seitdem ist einiges geschehen: Er führte den Traditionsklub aus der Zweiten Liga zurück in den Europapokal. Wir trafen den 51-Jährigen und sprachen mit ihm über Waldspaziergänge nach Heimspielen, Pizzabestellungen für Mitarbeiter und das hartnäckige Interesse von Borussia Dortmund.

Herr Stöger, warum gehen Sie nach Heimspielen ihrer Mannschaft durch den Stadtwald zu Fuß nach Hause statt mit dem Bus zu fahren?

Peter Stöger: Weil ich dann schneller zu Hause bin.

Auch nach Niederlagen?

Stöger: Selbstverständlich.

Wie fallen die Reaktionen der Menschen aus, die ihnen begegnen?

Stöger: Anfangs waren die, die mich erkannten, überrascht und fragten sich vermutlich: Guck mal, da marschiert der österreichische Trainer durch den Wald nach Hause. Ist das cool? Oder ist der vertrottelt? (lacht) Ich versuche mein Leben so zu strukturieren, dass etwas Sinn macht. Die Wohnung meiner Freundin und mir liegt nur zehn Minuten vom Stadion entfernt. Mit dem Auto bräuchte man länger. Also gehen wir zu Fuß.

Am manchen Tagen vor Bundesligaspielen sieht man Sie auch schon einmal in der Stadt. Es gibt Trainerkollegen, die sich auf das Spiel konzentrieren. Sie nicht?

Stöger: Dazu muss man sagen, dass wir vor Heimspielen mit der Mannschaft kein Hotel beziehen. Die Jungs schlafen zu Hause.

Warum?

Stöger: Weil sie dort am besten aufgehoben sind.

Und Sie nutzen den freien Abend, um auszugehen?

Stöger: Ja, wenn alle Spielvorbereitungen erledigt sind, gehe ich auch mal zu Veranstaltungen wie zum Beispiel zum Circus Roncalli. Ob ich jetzt von halb acht bis elf Uhr abends im Circus sitze oder vor dem Fernseher – das ist doch egal.

Sie hatten als Kind Probleme mit der Lunge. Wie sehr hat Sie das gehandicapt?

Stöger: Ich war ein bisschen asthmatisch veranlagt. Ich konnte mein Lungenvolumen nicht optimal ausnutzen. Aber es hat trotzdem funktioniert und hat mich kaum eingeschränkt.

Menschen, die Ihnen nahestehen, beschreiben Sie als bescheiden, humorvoll und unaufgeregt. Kurz: Sie sind sympathisch.

Stöger: Mich wird nicht jeder sympathisch finden. Es gibt bestimmt Leute, die sagen: Mit dem kann ich gar nicht. Grundsätzlich gilt: Ich weiß, woher ich komme. Ich bin in einem Arbeiterbezirk in Wien aufgewachsen. Mein Vater war Einzelhandelskaufmann bei der Post, meine Mutter war bei der Sparkasse. Alles ganz normal eben.

Kann man sich Ihre Jugend so vorstellen: Nach der Schule kamen Sie nach Hause, warfen den Schulranzen in die Ecke und gingen raus zum Bolzen?

Stöger: Ja klar. Es gab einen Mutter/Sohn-Deal. Ich musste vernünftige Noten nach Hause bringen, dann hatte ich ein gutes Leben. Wenn das der Fall war, habe ich mit meinen Freunden in einem Fußballkäfig mit Betonboden gespielt.

Was ging in Ihnen vor, als die Kölner Verantwortlichen vor vier Jahren bei Ihnen vor der Tür standen und sagten: Wir wollen Sie als Trainer verpflichten.

Stöger: Mein Co-Trainer Manfred Schmid und ich hatten gerade mit Austria Wien die Meisterschaft gefeiert. Dann bekam ich einen Anruf: Ob ich mir das in Köln vorstellen könnte? Ich war überrascht. Ich dachte: Wie kommen die auf mich? Es ist ja nicht alltäglich, dass ein österreichischer Trainer ein Angebot aus Deutschland bekommt. Mir war klar, dass der FC Zweite Liga spielt.

War Ihnen auch die bedrohliche Situation des Klubs klar?

Stöger: Natürlich. Ein Klub, der sportlich und wirtschaftlich top aufgestellt ist – warum sollte der einen Trainer suchen? Natürlich war mir klar, dass es dem 1. FC Köln nicht blendend geht. Dann hätten sie bei mir wahrscheinlich auch nicht angefragt. Aber genau deshalb hat es mich gereizt. Es ist mir noch nie passiert, dass ich mich in ein gemachtes Nest gesetzt habe.

Was wussten Sie über Köln und die Bundesliga?

Stöger: Die, die ich gefragt habe und die die Stadt kannten, sagten, man sei selbst schuld daran, wenn man sich in Köln nicht wohlfühlt. Und heute kann ich sagen: Es stimmt. Als ich relativ neu da war, war ich viel unterwegs. Viele erkannten mich nicht oder wussten nicht, dass der Ösi da war. Beleidigt war ich deshalb nicht, ich weiß ja, wie wenig der österreichische Fußball im Fokus liegt. Um ehrlich zu sein, gefiel es mir sogar, weil die Menschen nicht den FC-Trainer Stöger kennen lernten, sondern den Menschen Stöger. Das war authentisch und half mir, die Stadt und die Menschen zu verstehen.

Es gibt Trainer, die machen ihren Job auf dem Trainingsplatz und schotten sich ansonsten ab…

Stöger: Es gibt kein richtig oder falsch, jeder muss es so leben, wie es zu ihm passt. Ich bin gerne Fußballtrainer. Aber irgendwann bin ich auch privat. Dann bleibe ich zu Hause oder gehe aus. Köln ist nicht so konzipiert, dass man zu Hause sitzen muss. Die Stadt ist spannend und vielschichtig.

Sie sagten, der Fußball dürfe Sie nicht auffressen…

Stöger: Es ist schwer, dass es nicht in diese Richtung geht bei solch einem Klub und dieser fußballverrückten Stadt. Also versuche ich, auch etwas Abstand zu gewinnen. Dafür ist die Stadt perfekt.

Spüren Sie die Liebe der Menschen zu ihrem Klub?

Stöger: Es ist extrem. Leiden und Liebe sind eng miteinander verbunden. Das macht den Klub und die Stadt aus. So ist eben die Mentalität.

Vor nicht allzu langer Zeit wurde der Klub als Karnevalsverein verspottet. Das war nicht nett gemeint, weil es für Chaos stand. Das Image hat sich gewandelt, der Klub steht nun für Frohsinn.

Stöger: (lacht) Das hat sich endgültig damit gedreht, dass wir auch offiziell als Karnevalsverein gelten. Ich finde, dass es kein Problem ist, wenn man sich selber ein wenig auf den Arm nimmt. Das kann man nirgendwo so gut umsetzen wie in Köln. Dann lacht man auch darüber, na und? Die Leute, die im Karneval unterwegs sind, sind in großer Zahl auch FC-Fans. Warum sollen wir also nicht am Rosenmontagszug teilnehmen, wenn diese Möglichkeit – die ja eine Ehre ist – für uns besteht? Schließlich freuen sich die Leute darauf. Traditionen wie der Karneval sind etwas, zu dem man stehen sollte. Man kann auch einmal Kante zeigen.

Welche Werte vertreten Sie?

Stöger: Respekt, Vertrauen, Verantwortung. Mir ist wichtig, dass die Spieler über ihren Tellerrand schauen. Genau diese Dinge versuchen wir mit Leben zu füllen. Bei uns hat es sich zum Beispiel eingebürgert, dass die Spieler zum Geburtstag oder nach einer Vertragsverlängerung nicht nur der Mannschaft eine Pizza ausgeben, sondern dass die ganze Geschäftsstelle zum Essen oder zum Eis eingeladen werden. Dann kommt ein Foodtruck aufs Gelände und alle schauen vorbei. Die Spieler wissen, dass das hier alles Teamarbeit ist – und dass sie mit ihren Leistungen auch dafür verantwortlich sind, ob der Klub neue Mitarbeiter einstellen kann oder nicht.

Ihr Manager Jörg Schmadtke sagte, Sie seien ein Trainer, der das Machbare im Auge hat und kein Phantast ist. Stimmt das Urteil?

Stöger: Das ist mein Job als Trainer. Nochmal: Fußball hat viele Facetten, da gibt es kein Falsch und kein Richtig. Es gibt Trainer, die sagen: Das ist meine Spielphilosophie und die setze ich um. Das kann funktionieren. Ich habe einen anderen Zugang, ich versuche zu schauen, wo die Stärken der Spieler sind und versuche den Spielstil so anzupassen, dass die Spieler ihre Stärken ausspielen können und Spaß haben.

Als Sie vor vier Jahren nach Deutschland kamen, wurden Sie unterschätzt…

Stöger: Ja klar, das verstehe ich.

Mittlerweile heißt es. Hoppla, der Österreicher kann ja was. Spüren Sie den Respekt, der Ihnen entgegengebracht wird?

Stöger: Wenn man mit dem 1. FC Köln irgendwo hinkommt, merkt man die Wertschätzung. Das ist angenehm, überall heißt es, wie sympathisch der Klub ist.

Als Borussia Dortmund nach der Entlassung von Thomas Tuchel einen Nachfolger suchte, fiel immer wieder hartnäckig ihr Name. Wie haben Sie das aufgenommen?

Stöger: Ich habe das alles gelesen. Ich kann Ihnen nicht sagen, was wirklich stimmte und die Dortmunder Verantwortlichen tatsächlich gedacht haben, nur, weil vielleicht ein Journalist dachte, ich finde den Stöger cool und bringe ihn mal beim BVB ins Gespräch.

Na ja, Sie wissen schon, dass es mehr war als nur ein Gerücht. Dortmund hatte Sie bereits seit Jahren auf dem Radar, hat sich tatsächlich mit Ihnen beschäftigt.

Stöger: Dazu kann ich nichts sagen. Ich könnte jetzt einen Spruch raushauen und sagen: Vielleicht bin ich ihnen aufgefallen, weil Dortmund in drei Jahren nicht ein einziges Mal gegen den FC gewinnen konnte. Im Ernst: Ich denke, es wird registriert, was für eine Arbeit mein Team und ich leisten. Wenn mein Name dann fällt, ist man Mensch und denkt: Schön, die finden das okay, was wir machen. Man freut sich darüber.

Streichelt es die Seele?

Stöger: Es schmeichelt, ja. Jedem ist doch die Schlagzeile, dass man ein Kandidat sein soll bei einem deutschen Top-Klub lieber, als wenn es heißen würde: „Wann ist der endlich weg? Es geht nicht mehr.“

Peter Stöger und der 1. FC Köln scheint eine perfekte Symbiose zu sein. Heißt das für Sie, dass Sie sich nichts anderes mehr vorstellen können?

Stöger: Ich muss niemandem etwas beweisen, auch mir nicht. So nach dem Motto: Ich muss den nächsten Schritt machen.

Es gibt keinen Karriereplan?

Stöger: Nein. Ich habe vor vier Jahren nicht damit gerechnet, dass jemand aus Köln anruft. Ich habe auch nicht damit gerechnet, dass ich vor sechs Jahren als Trainer in der Regionalliga in Österreich bin und nebenbei als TV-Analytiker arbeiten würde. Der Job als Trainer ist so unkalkulierbar, dass ich heute nicht sagen kann, ob ich in fünf, sechs Jahren noch in Köln bin. Wenn ich von Köln irgendwann zurück nach Österreich gehen würde, hätte ich nicht das Gefühl, etwas verpasst zu haben.

Wann würden Sie denn zu dem Schluss kommen: Okay, es reicht in Köln. Ich muss etwas anderes machen.

Stöger: Wenn ich das Gefühl hätte, ich langweile meine Spieler. Oder die Spieler können mich nicht mehr sehen. Oder ich hätte keinen Spaß mehr damit, zum Training zu gehen.

Sie sprachen von Respekt und Vertrauen. War das Transfertheater um Ihren Torjäger Anthony Modeste für Sie eine menschliche Enttäuschung?

Stöger: Wir haben etliche Dinge im Klub über die Bühne gebracht, die für alle Beteiligten okay waren, seien es Wechsel oder Vertragsverlängerungen. Diese Geschichte mit Modeste war schwierig. Das Konstrukt war kompliziert. Aber man muss da auch kein Drama draus machen, es ist gut ausgegangen und alles okay.

Ist es nicht einfach so, dass der Fußball angesichts der Millionensummen auch aus China verrückt spielt?

Stöger: Der Markt reguliert die Preise. Das Geld ist da. Momentan bekommen die Chinesen die Spieler nur, weil sie sie mit Geld überschütten. Aber für den Fußball in Europa verändert sich wenig. Früher gingen die Spieler nach Italien, dann nach England, jetzt gehen sie eben nach China. Die Sportart wird nicht beschädigt, sie wird weiter spannend bleiben.

Und wenn ihnen mal so ein unmoralisches Angebot auf den Tisch flattert…

Stöger: Ich verurteile niemanden, der sagt, ich mache es, weil ich dann zwei, drei Generationen versorgt habe. Aber ich würde das für mich ausschließen. Weil ich es total genieße, in Deutschland und dieser tollen Liga zu arbeiten. Ich empfinde es als extrem spannend und ausgeglichen. Ich könnte mir zurzeit nicht vorstellen, in ein anderes Land zu gehen.

Sie sind Österreicher. Da muss es doch auch mal ein Traum sein, Nationaltrainer zu werden?

Stöger: In Österreich muss man vorsichtig sein mit so etwas. Da meint jeder, man wolle sich ins Gespräch bringen. Das brauche ich nicht, das habe ich nie gemacht. Ich bin in Köln sehr glücklich und spekuliere nicht auf andere Jobs. Aber natürlich ist der Auswahltrainer das höchste Traineramt, das man in seinem Geburtsland bekleiden kann. Deshalb ist es etwas ganz Besonderes.

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