Joachim Löws Marschroute für die DFB-Elf: Zurück nach vorn

Bundestrainer Joachim Löw
Bundestrainer Joachim Löw
Foto: Firo

München. Wer schon einmal so hoch geflogen ist, dass er sich an der Sonne die Flügel verbrannt hat, der weiß zu schätzen, wenn er das Gefühl zurückerlangt, endlich wieder Boden unter den Füßen zu spüren. Münchener Boden in dem Fall.

„Für uns war wichtig, den ersten Schritt auf die Fußballnation zu zu machen. Das haben wir geschafft“, sagte der Fußball-Nationalspieler Thomas Müller am Freitag angemessen staatstragend über das 0:0 der deutschen Mannschaft im neu erfundenen Wettbewerb der Nations League gegen Weltmeister Frankreich.

Das eigentlich trostloseste von allen Ergebnissen verbreitete im schwarz-rot-goldenen Lager einen ganz eigenen Zauber, was an den ganz eigenen Umständen lag.

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Es war ein Spiel am Donnerstag, das „unter besonderen Vorzeichen“ stand, wie Bundestrainer Joachim Löw schilderte, weil er und sein Team die mögliche Titelverteidigung bei der WM in Russland durch selbst diagnostizierte Selbstgefälligkeit und Arroganz auf peinlichste Weise verschenkten. Vorrunden-Aus. Debakel. Sinnkrise. Tiefer Fall. Und: Stunde null in der Arena in München.

Löw setzt auf Werte aus der Vergangenheit

Um wieder zuversichtlicher in die Zukunft schauen zu können, bemühte Löw die Vergangenheit im doppelten Sinne. Er, der stets propagierte, dass deutsche Tugenden zwar „scho au“ irgendwie wichtig seien, dem aber immer lieber war, wenn seine Mannschaft spielerische Lösungen fand und nicht teutonische Wucht anwenden musste, um Siege einzufahren, sagt nun ganz komische Sachen. Sachen, die an früher erinnern, an Briegel, Hrubesch, Buchwald. „Alles reinhauen“ habe die Mannschaft müssen, „Einstellung, Lauf- und Kampfbereitschaft waren vorhanden“, hielt der 58-Jährige zufrieden fest.

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Rückbesinnliches ließ sich aber auch bei der Aufstellung ablesen: Mit Matthias Ginter, Mats Hummels, Jerome Boateng und Antonio Rüdiger bot der Bundestrainer vier hünenhafte Innenverteidiger als Viererkette auf. Ein Stilmittel der WM 2014, mit dem die Mannschaft in Brasilien den Weg zum Titel begann.

Löw gibt deutschem Team Stabilität

Diese Elemente zusammen führten dazu, dass die Franzosen, Meister des Konters, tatsächlich kaum Räume vorfanden, führten auch dazu, dass das zuletzt gern entblößte Deutschland die so sehnlich vermisste Stabilität für sich fand. Erstmals seit zehn Monaten musste das Team kein Gegentor hinnehmen.

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„Wir waren eine Mannschaft auf dem Platz, die das Tor mit Mann und Maus verteidigt hat“, lobte Thomas Müller die Bereitschaft aller, „um jeden Quadratmeter zu kämpfen“. Und der innen mit Boateng verteidigende Mats Hummels meinte: „Jeder Fan sieht es gern, wenn man nach einem verlorenen Ball hinterhergeht.“ So erfreulich das alles war, so sehr produzierte es aber auch die Frage: Das soll jetzt bittschön (Münchener Boden) der Anspruch sein? Devoter Destruktivismus? Kämpfen, kratzen, beißen? Antwort: ja. Und auch: nein.

Neu ist nämlich auch, dass Löw mit seinen Mannen nicht mehr davon ausgeht, so gut zu sein, dass völlig egal ist, wer da auf der anderen Seite steht. Jahrelang war seine Aufstellung und Herangehensweise dieselbe. Dieses an Hochmut grenzende Selbstbewusstsein streift er ab. Löw wird nach den aktuellen Gegebenheiten handeln.

Taktik soll variabel bleiben

Gegen Frankreich ging es darum, die Volksseele zu befrieden und zu dokumentieren, dass dieses Team als Einheit auftreten kann. Der Eifer, mit dem jeder der Spieler seiner Aufgabe nachging, soll auch in Zukunft derselbe bleiben, „weil wir jetzt alle endgültig kapiert haben, wie wichtig das ist“, sagt Hummels.

Dass der Bayern-Profi aber zukünftig stets und immer in einer Linie mit Antonio Rüdiger, Jerome Boateng und Matthias Ginter verteidigen wird, glaubt er selber nicht. „Ich denke, dass unser Spiel gegen die ganz großen, starken Nationen so aussehen kann“, sagt Hummels. „Variabilität ist wichtig“, verrät Löw und spricht davon, dass alsbald auch wieder Gegner kommen werden, „die weniger Klasse haben“, gegen die „Ballbesitzlösungen und druckvolles Spiel in des Gegners Hälfte“ wieder wichtiger werden.

Spiele also, in denen die Expertise von vier Innenverteidigern zur Gefahrenabwehr ein Akt der Übertreibung wäre. Und eine Vergeudung von möglichen offensiven Impulsen. Spiele wie die freundschaftliche Begegnung mit Peru am Sonntag (20.45 Uhr/RTL) in Sinsheim. Spiel zwei der Neuzeit.

„Die Erwartungshaltung wird dann eine andere sein“, sagt Hummels, „nämlich dass wir dominant sind, Chancen herausspielen und Tore schießen.“ Denn Frankreich war nur ein Anfang. „Wir wissen“, sagt Joachim Löw weiterhin demütig, „dass mit einem Spiel nicht alles vergessen ist.“

 
 

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