In der Primera Division stehen alle Bälle still

Im Streiklokal: Iker Casillas, Luis Rubiales, Chef der Fußballer-Gewerkschaft, Carles Puyol (v.l.) und Co. sind im Ausstand. Der Streik in Spanien soll auch am Wochenende fortgesetzt werden. Foto: imago
Im Streiklokal: Iker Casillas, Luis Rubiales, Chef der Fußballer-Gewerkschaft, Carles Puyol (v.l.) und Co. sind im Ausstand. Der Streik in Spanien soll auch am Wochenende fortgesetzt werden. Foto: imago
Die spanischen Klubs schulden ihren Profis angeblich 50 Millionen Euro an Gehältern. Mit dem Streik will die Spielergewerkschaft AFE ein Bewusstsein schaffen, wie die andere Realität hinter dem Medienbild der besten Liga der Welt aussieht.

Madrid.. Zu seiner Arbeit als Fußballprofi gehörte für Aurelio Borginho nun auch das Übersetzen von Immobilien-Webseiten ins Französische. Jeder Nebenjob sei willkommen, erzählte der Torwart des spanischen Viertligisten FC Torrevieja im Sommer 2010 in der Eisdiele an der Strandpromenade und entschuldigte sich noch einmal, dass er so schwer zu erreichen gewesen war. Das Handy hatten sie ihm gesperrt, nachdem er die Rechnungen nicht mehr bezahlen konnte. Seit vier Monaten blieb ihm sein Verein das Gehalt schuldig. Aurelio, 24 Jahre jung, verheiratet, zwei Kinder im Haus, hatte seine Karriere durchweg in der dritten und vierten spanischen Liga verbracht, mit Nettogehältern zwischen 800 und 2000 Euro. Da war nichts zum Sparen geblieben.

Es sind Fußballer wie Aurelio, wegen denen auch betuchte Weltmeister wie Iker Casillas und Carles Puyol sich aktiv dafür aussprachen, den Saisonstart der spanischen Liga am vergangenen Wochenende mit einen Warnstreik lahm zu legen. 50 Millionen Euro schulden die spanischen Vereine ihren Spielern, behauptet die Gewerkschaft der Profifußballer AFE.

Mit dem Streik und der plakativen Zahl will sie ein Bewusstsein schaffen, wie die andere Realität hinter dem Medienbild der besten Liga der Welt aussieht. Da gibt es Erstligisten wie Real Saragossa, die jedes Jahr wieder scheidenden Spielern die letzten zwei Monatsgehälter nicht überweisen. Oder verzweifelte Drittliga-Profis beim FC Terrassa, die nach einem halben Jahr ohne Gehalt im Schlafsack in der Umkleidekabine campen.

150 Profivereine und 3000 Berufsfußballer in Spanien

Momentan verhandelt die Gewerkschaft mit der Liga. „Der Streik wird aber auch am zweiten Spieltag fortgesetzt“, kündigte die Spielergewerkschaft AFE nach neuerlichen Gesprächen am Montag an. Es geht um einen Fonds der Liga für die Spieler, deren Vereine Konkurs anmelden, oder um das Recht, einen Klub sofort verlassen zu dürfen, wenn dieser drei Monate lang nicht zahlt. Es gibt einiges, was die Lage lindern kann, aber das grundsätzliche Problem wird bleiben: Spanien hat in der derzeitigen Wirtschaftskrise weder die Ressourcen noch den Markt für 150 Profivereine mit über 3000 Berufsfußballern. In England, der andere führenden Spitzenliga, gibt es nicht einmal 100 Profiklubs. In Deutschland, mit 30 Millionen mehr Einwohnern als Spanien, sind es rund 120.

In einem Land mit 20 Prozent Arbeitslosigkeit, in dem manche Stadtverwaltung nicht mehr ihre Beamten entlohnen kann, musste auch die Blase des aufgeblähten Profifußballs platzen. Der FC Valencia, Villarreal, Atlético, FC Sevilla und Espanyol – die komplette Spitzenklasse 1b hinter dem FC Barcelona und Real Madrid – hat zu dieser Saison keinen Trikotsponsor gefunden. Angesichts der jähen Abwesenheit des Geldes bleibt vielen Klubs nur ein letzter Trick. Sie melden Konkurs an. Sieben Erstligisten, darunter Saragossa, Betis und Mallorca, werden derzeit von Konkursverwaltern geführt, denn das ist ein Segen: Anders als sonstwo üblich folgt dem Konkurs im spanischen Fußball keine sportliche Strafe, kein Zwangsabstieg, kein Punktabzug. Und der Verein muss im Konkursverfahren nur noch 50 Prozent der Schulden zurückzahlen – so betrügt er auf legale Art die eigenen Spieler, denen noch Gehälter ausstehen. Es ist eine der Hauptforderungen der Fußballergewerkschaft, dass ein Konkurs endlich sportliche Konsequenzen haben muss.

Spielern wie Aurelio Borghino wird das nicht helfen. Die dritte spanische Liga mit ihren 80 Klubs und erst recht die vierte Klasse wird mehr denn je unfähig sein, all ihre Spieler zu ernähren, und gleichsam unfähig bleiben, dies einzusehen und auf Amateursport umzustellen. Aurelio hat inzwischen aufgegeben. Er arbeitet nun in Paris in einer Filmfirma. „Die fehlenden Gehälter aus dem Vorjahr haben wir mit fünfmonatiger Verspätung noch bekommen“, sagt er. Der Präsident zahlte das Geld persönlich und in bar aus.

Beim Einzahlen auf der Bank machte der Bankangestellte Torreviejas Stürmer Lotfi El Bousidi darauf aufmerksam, dass im Umschlag 1000 Euro weniger als angegeben seien. El Bousidi, ein marokkanischer Juniorennationalspieler aus Mainz, fand nur eine Erklärung: Sein Präsident hatte die Geldscheine geschickt wie ein Trickbetrüger vor ihm durchgezählt, um ihm 1000 Euro zu wenig zu geben.

 
 

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