Hamburger Spott-Verein

Thorsten Schabelon
Trainer Armin Veh kündigt an, den Hamburger SV zu verlassen. Die Folge des Abschieds zeigt das Dilemma des HSV auf: Niemand ist so recht für die Nachfolger-Suche zuständig.

Von der schönen und ach so seriösen Metropole Hamburg aus sorgte Anfang bis Mitte der 80er-Jahre der „Chaos Computer Club“ für Unruhe in Deutschland. Die langhaarigen Computerfreunde wählten sich in die Netzwerke von Konzernen und Behörden ein und deckten Sicherheitslücken auf. Der Hamburger Sport-Verein, kurz HSV, sorgte in diesen Zeiten für sportliche Schlagzeilen, wurde zweimal Meister und gewann den Europapokal der Landesmeister.

Knapp dreißig Jahre später haben sich die Verhältnisse verschoben. Der „Chaos Computer Club“ gehört zum Establishment und verschickt Kritik brav per Pressemitteilung. Die Rolle des „Chaos Clubs“ hat in der Stadt der inzwischen „Hamburger Spott-Verein“ genannte HSV übernommen. Das Auf und Ab in der Liga, zuletzt eine 2:4-Heimpleite, wird nur noch am Rande wahrgenommen. Das anarchische Wirrwarr abseits des Rasens beherrscht die Schlagzeilen. Längst könnte der HSV eine Personalberatung als 33. Vereinsabteilung gründen.

Am Dienstag kündigte nun Trainer Armin Veh an, den Klub im Mai nach nur einer Saison zu verlassen. Der 50-Jährige steht zwar bis 2012 unter Vertrag, eine Klausel ermöglicht ihm aber den vorzeitigen Abschied. Veh sagte, was die HSV-Fans denken: „Das ist ein geiler Klub, mit dem Einiges möglich wäre. Es ist traurig, dass man sich selbst im Weg steht und Dinge passieren, die keiner nachvollziehen kann.“ Die Folge des angekündigten Abschieds zeigt das Dilemma des HSV auf: Wer sucht Vehs Nachfolger für einen der begehrtesten Trainerjobs der Liga?

„Das ist Sache des Vorstands.“ Sagt HSV-Aufsichtsratschef Ernst-Otto Rieckhoff mit Blick auf die Vereinsstrukturen des Tabellensiebten. Nur wurde dieser Vorstand gerade von Rieckhoffs Gremium entmachtet. Am Sonntag hatte der Aufsichtsrat entschieden, den Ende 2011 auslaufenden Vertrag mit Vorstandschef Bernd Hoffmann nicht zu verlängern. Nachfolger soll angeblich Björn Gulden werden, Ex-Profi und jetzt Manager im Essener Schuhkonzern Deichmann. Dem lag aber, nach eigenen Worten, bis gestern noch kein Angebot vor.

Nicht schlimm, denn laut Ernst-Otto Rieckhoff ist eh keine Eile geboten, da Bernd Hoffmann die Amtsgeschäfte bis Ende des Jahres „professionell“ weiterführen werde. Hoffmann weilt im Ski-Urlaub. Ein vorzeitiger Abschied des Klubchefs, der in seinen acht Dienstjahren zwar für keine Titel, aber für stetig steigende Umsätze sorgte, ist nicht ausgeschlossen.

Bliebe als Trainer-Sucher Sportdirektor Bastian Reinhardt. Der wird aber im Sommer Befehlsempfänger, wenn sein Nachfolger Frank Arnesen den Posten übernimmt. Mit der Verpflichtung des Dänen vom FC Chelsea hatten die Hamburger eine lange und von Absagen, zuletzt Matthias Sammer, geprägte Sportdirektor-Suche endlich beendet.

Ungewisse Zukunft

Nur kommt Arnesen, den Hoffmann den Aufsichtsräten empfohlen hatte, erst im Juli. Dann beginnt die Vorbereitung, dann sind die guten Trainer vom Markt. Bis dahin wüssten die elf Profis, die der HSV ausgeliehen hat, gerne mehr über ihre ungewisse Zukunft. Ebenso wie die Leistungsträger Frank Rost, Ze Roberto oder Piotr Trochowski, deren Verträge auslaufen.

„Der Druck ist weg“, hatte HSV-Aufsichtsratschef Rieckhoff noch am Montag zufrieden gesagt. Kein Wunder, dass Fan-Initiativen jetzt eine außerordentliche Mitgliederversammlung fordern. Mit der Neuwahl des Aufsichtsrats.