Gladbachs kluge Politik

Wenn Fußballrealisten nicht vom Schicksal in die Arme des FC Bayern München getrieben wurden, steht ihr Leben immer unter dem Verdacht, trister zu sein als ein leeres Stadion. Fußballrealisten müssen nämlich die Meinung vertreten, dass sich am Ende, wenn der Saison die Rechnung gemacht wird, die Qualität einer Mannschaft durchsetzt. Und weil Qualität käuflich ist, steht dann unter dem Strich eben gewöhnlich: der FC Bayern, das Ensemble der Festgeldkontobesitzer aus Deutschlands prallem Lederhosensüden.

Insofern scheint der Aufstieg von Borussia Mönchengladbach in die lichte Tabellenregion ein Fall für Romantiker zu sein, ein Fall, der gegen jede Möglichkeit die Umwandlung des Fantastischen in Realität demonstriert. In der vergangenen Saison erst in der Relegation die Erstklassigkeit erhalten. Und jetzt: die nationale Größe Schalke entzaubert und im Gleichschritt mit den Bayern und der Dortmunder Borussia unterwegs. Fantastisch.

Was in Gladbach derzeit passiert, ist allerdings vor allem das Resultat kluger Personalpolitik. Und zwar insgesamt kluger Personalpolitik und nicht nur eines einzigen guten Griffes. Ohne Lucien Favre würde die Mannschaft sicher nicht diesen modernen, organisierten, inspirierten und zielorientierten Fußball zelebrieren. Die Verpflichtung des Trainers war also von höchster Bedeutung. Hätte Favre jedoch nicht diese Mannschaft zur Verfügung, dann wäre sein Leben trotz all seiner Fähigkeiten: trist.

Fast alle Spieler aber waren vor Favre in Gladbach. Und selbst verpflichtet wurde der Schweizer in einer Situation, in der andere Führungskräfte bei anderen Klubs einen Feuerwehrmann herbeigerufen hätten, einen Trainer, dessen Name mit irgendeinem Erfolg im Nichtabstiegskampf verbunden ist. Die Borussen jedoch holten Favre, den Feingeist und Innovator, dem Theorielastigkeit und eine gewisse Zerbrechlichkeit nachgeredet wurden. Das war mutig. Und für diesen Mut darf man auch ein bisschen dankbar sein. Er hat die Bundesliga bunter gemacht.

 
 

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