Gladbacher Hans-Jörg Criens war der erste Fußball-Joker

Volles Haar, entschlossener Blick: Hans-Jörg Criens wurde vom „Joker“ zum Torjäger bei Gladbach.
Volles Haar, entschlossener Blick: Hans-Jörg Criens wurde vom „Joker“ zum Torjäger bei Gladbach.
Foto: imago
Vor 31 Jahren trafen Gladbach und Bremen letztmals im Pokal aufeinander. Das Siegtor in der Verlängerung für Gladbach erzielte Joker Hans-Jörg Criens.

Mönchengladbach.. Eine Videokassette des legendären DFB-Pokalhalbfinals vom 1. Mai 1984 steht bei Hans-Jörg Criens im Wohnzimmer-Regal. „Da ist das komplette Spiel drauf. Ich habe nur keinen Rekorder mehr, um mir das Video anzusehen“, sagt der 54-jährige ehemalige Torjäger von Borussia Mönchengladbach. Macht aber nichts! Borussias drittbester Fußball-Bundesliga-Schütze hinter Jupp Heynckes und Herbert Laumen hält die Erinnerungen an das legendäre 5:4 nach Verlängerung gegen Werder Bremen in seinem Kopf frisch. In diesen Tagen mehr denn je. Am Dienstag (19 Uhr/live bei uns im Ticker) treffen Gladbach und Bremen im Pokal aufeinander. Erstmals seit 31 Jahren. Criens ist mit im Borussia-Park dabei und wird vor dem Anpfiff an der Seitenlinie schildern, was damals abging auf dem Bökelberg.

Per Flugkopfball in die Verlängerung

Es war das erste deutsche Pokalmatch jenseits eines Finals, das live im Fernsehen ausgestrahlt wurde. Borussia-Trainer Jupp Heynckes hatte Criens für Außenstürmer Ewald Lienen eingewechselt. Beim Stande von 3:3 in der 82. Minute. „Ich hatte noch keinen Ballkontakt, da machte Uwe Reinders per Außenrist das 3:4“, erinnert sich Criens. Gladbach hatte ein 3:1 verspielt, schaffte aber, obwohl ein Tor von Winfried Hannes kurz zuvor aus nicht ersichtlichen Gründen aberkannt worden war, in der Nachspielzeit noch das 4:4. Mit der letzten Aktion der regulären Spielzeit: Eckball von rechts, Flugkopfball Criens durch drei Grün-Hemden hindurch, Verlängerung!

Und in der Extra-Spielzeit brachten Heynckes’ „Joker“ die Bremer um Cheftrainer Otto Rehhagel tatsächlich zur Strecke. Einen weiten Flankenball von Ulrich Borowka stoppte Criens im Werder-Strafraum gegen Klaus „Tanne“ Fichtel mit der rechten Fußspitze. „Gefühlte zwei Meter hoch war mein rechtes Bein”, erinnert sich Criens schmunzelnd an seine Ballett reife Haltung. Dann balancierte er die Kugel ein, zwei Sekunden vor der Stirn, um den Abtropfer per Dropkick mit dem linken Spann in die Maschen zu jagen: 5:4 in der 107. Minute. „Solch ein Glücksgefühl nach einem Tor”, sagt Criens auch 31 Jahre später, „hatte ich danach nicht mehr.” In den Medien galt der Borusse als Prototyp des Fußball-„Joker”, der spät eingewechselt den Gegner aussticht. Sportstudio-Moderator Karl Senne hielt eine überdimensionale Spielkarte hoch, als Criens vier Tage später ins Mainzer ZDF-Studio einlief.

Fieser Gasangriff vor 31 Jahren

Vergessen ist aber auch nicht das tränenreiche Drama des Fußballabends am 1. Mai 1984. Aus der Bremer Fankurve war in der zweiten Halbzeit eine mit Tränengas präparierte Rauchbombe geflogen. Einige Spieler sanken urplötzlich mit stechenden Schmerzen im Augenbereich zu Boden, mussten behandelt werden. Die Partie war für zehn Minuten unterbrochen. Die Polizei durchkämmte den Fanblock. Alles live im Fernsehen. Vor 31 Jahren ein Fußball-Skandal.

„Ich saß da noch auf der Ersatzbank. Alle haben erst gedacht, die Qualmwolke an der Südtribüne sei harmlos”, erinnert sich Criens. Bremens Manager Willi Lemke tobte, ließ seine Grün-Weißen nur unter Protest weiterspielen, zog diesen aber später zurück. Beide Teams waren schließlich vom fiesen Gasangriff auf die Augen betroffen.

Der neunte Treffer des Pokalabends, Hans-Jörg Criens’ 5:4, wurde später von den ARD-Sportschau-Zuschauern zum „Tor des Monats“ gewählt. „Die Plakette habe ich noch, aber irgendwo im Keller. Ich bin nicht der Typ, der zu Hause ein Museum braucht. Die schönen Momente sind bei mir im Kopf. Ein Bild im alten Gladbach-Dress an der Wand reicht mir“, sagt der Torschütze. Zwölf Jahre war er für Borussia unterwegs, mauserte sich vom „Joker“ mit der Rückennummer 14 schnell zum Torjäger mit der Nummer 11, traf in 290 Bundesliga-Partien 92-mal.

Keine Lust auf Kälte im Winter

Seit 1996 coachte Criens am Niederrhein. Von der Kreisliga B bis zur Landesliga. Beim SC Waldniel beispielsweise. Oder Schwarz-Weiß Elmpt. Zuletzt bei den Niederrheinliga-Frauen von Tura Brüggen. Doch vor zwei Jahren gab Criens den Trainerjob auf: „Ich hatte keine Lust mehr, mir im Winter den Hintern abzufrieren.“ Einige Male im Jahr spielt der Angreifer noch in der Weisweiler-Traditionself. Meist im Sommer. Weil die Arthrose in Fuß- und Kniegelenken dann weniger schmerzt.

Beruflich hat Criens seine Kraft in den Dienst einer guten Sache gestellt. Als Taxifahrer für Rollstuhl- und Dialysepatienten sowie spastisch gelähmte Menschen. „Das macht mir Spaß und erweitert meinen Horizont. Ich weiß jedenfalls meine intakte Gesundheit mehr zu schätzen als früher“, sagt Criens.

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