Eberl hält an Gladbach-Trainer Frontzeck fest

Max Eberl
Max Eberl
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Mönchengladbach. Borussia Mönchengladbach ist Schlusslicht in der Bundesliga - hält aber an Trainer Michael Frontzeck fest. Im Interview liefert Gladbachs Sportdirektor Max Eberl die Gründe.

Der Tag ist so finster wie der Keller, aus dem Borussia Mönchengladbach sich seit Wochen nicht befreien kann. Die Ablösung von Michael Frontzeck wurde von diversen Medien immer wieder vehement gefordert. Beim Tabellenletzten der Bundesliga hält man aber am Trainer fest. Vor der Partie bei Spitzenreiter Borussia Dortmund spricht Gladbachs Sportdirektor Max Eberl im Borussia Park darüber, warum die üblichen Mechanismen ausgehebelt wurden. Und über das Brot-und-Spiele-Prinzip und die Gefahr, die von öffentlichem Druck ausgeht.

Gladbach hat einen Sponsor, der mit dem Spruch wirbt: Gemeinsam machen wir Druck. Herr Eberl, wäre der bessere Spruch nicht: Gemeinsam sind wir dem Druck ausgeliefert?

Max Eberl: In der heutigen Zeit, im Fußball, ist der Druck in einer solchen Situation einfach stark. Aber es gibt für uns ganz objektive Gründe dafür, warum wir da sind, wo wir jetzt sind, nämlich fünf, sechs Punkte hinter dem, was wir uns vorgestellt haben. Wir wollten eine ruhige Saison spielen und nichts mit dem Abstieg zu tun haben. Das Ziel haben wir nicht erreicht. Wenn ich bei der Bekanntgabe des Zieles allerdings gewusst hätten, dass ständig sechs, sieben Defensivspieler ausfallen würden, hätten wird das Ziel so auch nicht ausgegeben.

Sind denn objektive Gründe für Misserfolg von Bedeutung im Fußballgeschäft?

Eberl: Sie werden nicht wirklich thematisiert. Wenn sich wieder jemand verletzt bei uns, dann wird das als By-the-way-Meldung gehandelt. Aber es ist für die Journalisten auch schwer, immer wieder das Gleiche zu schreiben. Dass Verletzungen da sind, Zeit in Anspruch nehmen, das will doch niemand lesen. Für uns ist es dagegen eine komplizierte Situation, die wir lösen müssen.

Was bedeutet denn: Druck von außen? Hier eine negative Schlagzeile, da eine negative Schlagzeile?

Eberl: Für mich erfüllt der moderne Fußball das altrömische Brot-und-Spiele-Prinzip. Der Fußball ist die Sportart schlechthin in Deutschland. Mit extremer Wettbewerbsvielfalt. Mit extremer Medienpräsenz. Mit dieser extremen Identifikation so vieler Menschen mit den Fußballern. Und es ist ein einfacher Sport. Jeder kann mitsprechen. Jeder kann aus seiner Sicht Zusammenhänge erkennen. Das macht den Fußball positiv. Es hat allerdings den Nachteil, dass der Druck von außen sehr, sehr schnell sehr, sehr groß wird. Viele Meinungen. Viele Erklärungen. Alle haben eine Lösung. Journalisten. Fernsehen. Funk. Fans.

Sie sind in Überschriften persönlich dazu aufgefordert worden, Michael Frontzeck zu entlassen...

Eberl: Was so geschrieben wird: In Gladbach greifen die üblichen Mechanismen nicht. Aber was sind die üblichen Mechanismen? Diese üblichen Mechanismen entstehen doch erst aus dem unwahrscheinlichen Druck. Schauen Sie auf das Beispiel VfB Stuttgart und Markus Babbel. Ich weiß nicht, ob er als Trainer entlassen worden wäre, wenn nicht 3000 Leute vor dem VIP-Raum gestanden und – ich sage einmal: eine gewisse Gefahr ausgestrahlt hätten. Man braucht jemanden, der als Schuldiger dazustehen hat. Wenn du den vollständigen Kader aber nie zur Verfügung hast, dann ist das ein objektiver Grund dafür, dass das Spiel, das dem Trainer vorschwebt, nicht gespielt werden kann. Bei 36 Gegentoren weiß doch jeder: Die müssen sich defensiv stabilisieren. Von zehn geplanten Defensivspielern fehlen uns aber sieben.

Sie haben von 1999 bis 2005 für Gladbach gespielt. Bei ständigen Trainerwechseln. Meyer, Lienen, Köppel, Fach. Hat Sie das Negativbeispiel zur Politik der ruhigen Hand geführt?

Eberl: Ich habe gelernt, dass Ziele einfacher zu erreichen sind, wenn nicht ständig von links nach rechts und wieder zurück gesprungen wird. Dass das Vereinen nicht wirklich geholfen hat, hat man doch in der Bundesliga häufig erlebt. Man muss aber natürlich überzeugt sein von der Qualität des Trainers. Wenn das so ist, darf nicht alles über den Haufen geworfen werden, wenn es einmal nicht sofort funktioniert. Deshalb ist der Weg, den wir gehen, aus unserer Sicht der richtige.

Auf den Schildern am Wegesrand können Sie aber lesen: „Klatschen-Frontzeck“. Haben Sie dafür, dass Sie trotzdem an diesem Trainer festhalten, wenigstens den Respekt aus Ihrem Kollegenumfeld?

Eberl: Es stößt schon auf viel positive Resonanz, dass wir nicht in Aktionismus verfallen, dass wir nicht sagen: Wir sehen zwar, dass es Probleme mit dem Kader gibt, wir schmeißen den Trainer aber trotzdem ‘raus. Aber natürlich muss dieser Weg, den wir gehen, mit Punkten untermalt werden. Das wissen wir. Wir sind ein ganz normaler Teil der Leistungsgesellschaft Bundesliga.

Empfinden Sie als Sportdirektor den Druck stärker als damals, als Spieler?

Eberl: Ich weiß, dass ich als Spieler Druck empfunden habe. Jeden Samstag. Ich empfinde aber als Sportdirektor einen großen Druck, einen viel größeren Druck, weil ich für das Gesamtkonstrukt verantwortlich bin. Scouting, Jugendabteilung,. Das alles. Es geht ja nicht nur um die Bundesligamannschaft.

Haben Sie mit dem Trainer abgesprochen, bis zu welchem Punkteszenario Sie an ihm festhalten werden?

Eberl: Nein. Nein. Wir haben den Vertrag mit Michael Frontzeck vor der Saison bis 2013 verlängert. Bewusst. Um auch auf solche Phasen vorbereitet zu sein. Wenn wir nicht verlängert hätten, wäre doch jetzt schon eine ganz andere Situation enstanden. Und es gab definitiv kein Gespräch, in dem gesagt wurde: Das solltest du aber bist zu diesem oder diesem Punkt erreicht haben, Michael.

Samstagabend spielt Gladbach auswärts, vor mehr als 80000 Menschen, gegen den Tabellenführer, der 24 Punkte mehr auf dem Konto und 28 Gegentore weniger kassiert hat...

Eberl: ... und wir sind chancenlos.

Ja, so scheint es.

Eberl: Wir fahren trotzdem hin. Komischerweise hat unsere Mannschaft vor allem auswärts, vor allem gegen große Mannschaften gezeigt, dass sie Qualität hat. Uns ist aber klar, dass man von einem Wettanbieter bei einem Tipp auf Borussia Dortmund nicht viel Geld ausgezahlt bekäme.

 
 

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