Auf Favre wartet noch viel Arbeit bei den Gladbacher Fohlen

Andreas Berten
Andreas Christensen und Marvin Schulz (hinten) laufen Pierre-Emerick Aubameyang (l.) hinterher, der den Ball vor Yann Sommer nur noch quer legen muss auf den Torschützen Henrikh Mkhitaryan.
Andreas Christensen und Marvin Schulz (hinten) laufen Pierre-Emerick Aubameyang (l.) hinterher, der den Ball vor Yann Sommer nur noch quer legen muss auf den Torschützen Henrikh Mkhitaryan.
Foto: imago/Moritz Müller
Gladbach startet mit einem 0:4 in Dortmund in die Saison. Die jungen Innenverteidiger dafür verantwortlich zu machen, greift aber zu kurz.

Dortmund. Vielleicht wunderte sich Lucien Favre in diesem Moment auch über sich selbst, als er mit einem leicht gequälten Lächeln und kopfnickend „Doch“ antwortete auf die Frage, ob er sich so etwas habe vorstellen können. Den vor ihm sitzenden Zuhörern im Presseraum des Dortmunder Stadions und sicher auch vielen Fans von Borussia Mönchengladbach war nämlich völlig schleierhaft, wie die Elf von Niederrhein im Borussia-Duell zum Saisonauftakt der Fußball-Bundesliga derart untergehen konnte, dass es am Ende 0:4 (0:3) hieß.

Natürlich konnte Favre detaillierter erklären, wie es zu dieser Abfuhr kommen konnte, aber die einfachsten Worte beschrieben sehr gut, was mit den Fohlen am Samstagabend passiert war: „Der Gegner war einfach viel besser als wir. Punkt.“ Natürlich wird es der Schweizer nicht bei dieser oberflächlichen Analyse belassen und das Spiel so mir nichts, dir nichts abhaken. Das Sonntagstraining erklärte er kurzfristig schon einmal für nicht öffentlich.

Sommer sieht Klassenunterschied

Dafür offenbarte der Champions-League-Teilnehmer bei den Gegentreffern von Marco Reus (15.), Pierre-Emerick Aubameyang (21.) und Henrikh Mkhitaryan (33./50.) viel zu viele eklatante Missstände in allen Mannschaftsteilen. Kein Bundesligist war in der vergangenen Rückrunde defensiv besser organisiert als die Gladbacher, nur zehn Gegentore schluckte Yann Sommer in der zweiten Saisonhälfte. „Wir müssen darüber sprechen und aus unseren Fehlern lernen“, mahnte der Schweizer Keeper und sprach von einem Klassenunterschied.

Lucien Favre und Max Eberl zeichnet es jedoch seit jeher aus, nach solch einem Debakel nicht die Fassung zu verlieren und besonnen auf das Geschehene zu reagieren.

„Es hat jetzt keinen Sinn, draufzuhauen. Es ist wie vor drei Jahren“, sah Sportdirektor Eberl nicht in der Niederlage an sich, sondern in der gesamten Situation eine Duplizität der Ereignisse, „da sind wir Vierter geworden und über den grünen Klee gelobt worden. Aber da mussten wir eine neue Mannschaft aufbauen, das müssen wir jetzt wieder.“ 2012 nahm dieser Prozess beinahe die komplette Saison in Anspruch.

Gladbach konnte Kramer und Kruse noch nicht ersetzen

Ein neues Team zu formen, bezog sich am Samstag in Dortmund nicht nur darauf, die abgewanderten Leistungsträger Christoph Kramer und Max Kruse zu ersetzen, was Lars Stindl und Josip Drmic in ihrem ersten Spiel für die Fohlen nicht gelang. Es ihnen alleine anzulasten, wäre genauso unfair, wie die jungen Innenverteidiger Andreas Christensen (19) und Marvin Schulz (20), die für die verletzten Martin Stranzl und Álvaro Dominguez spielten, allzu sehr in die Verantwortung zu nehmen für die vier Gegentore. „Das Niveau war sehr hoch, die gesamte Mannschaft hatte Probleme mit dem Dortmunder Tempo“, nahm Favre das Duo in Schutz.

Das Gegenpressing, das die Borussia in der letzten Spielzeit nahezu perfekt praktizierte, war diesmal nicht existent. Zudem stimmten in den seltensten Fällen die Abstimmung und die Abstände zwischen den einzelnen Mannschaftsteilen, weshalb in der Konsequenz Christensen und Schulz häufig am Ende einer langen Fehlerkette standen. Besonders der Däne Christensen bekam dies in seinem ersten Bundesligaspiel zu spüren, als ihm Aubameyang zunächst beim 0:2 im Rücken entwischte und er anschließend beim dritten BVB-Tor mit dem Sprinter aus Gabun im Konter nicht mehr Schritt halten konnte. „Das war sicherlich kein gutes Bundesligaspiel von uns“, seufzte Christensen später in die Mikrofone, „so habe ich mir mein Debüt nicht vorgestellt.“

Eberl nimmt junge Innenverteidiger in Schutz

Genau wie Yann Sommer („Ich muss die beiden nicht aufbauen, sie haben genug Selbstvertrauen und Qualität“) wollte auch Max Eberl die Jungspunde Christensen und Schulz nicht allein im Regen stehen lassen. „Die Arrivierten, die in der letzten Saison für die guten Leistungen gesorgt haben, hätten mehr Verantwortung übernehmen müssen“, klagte der Sportdirektor und wollte den gefühlten Saisonstart nicht auf das Heimdebüt am kommenden Wochenende gegen Mainz 05 verschieben.

Tony Jantschke durfte sich damit angesprochen fühlen. Auch der Rechtsverteidiger sendete mahnende Worte an seine Teamkollegen: „Mich hat vor allem geärgert, dass wir uns nicht gegenseitig geholfen haben. Wir sollten uns von dem Gedanken verabschieden, dass wir jedes Spiel 3:0 gewinnen und uns in einen Rausch spielen wie in der vergangenen Hinrunde.“