Wie Neuer gegen Algerien das Torwartspiel revolutionierte

Er rannte, er grätschte, er klärte: Manuel Neuer.
Er rannte, er grätschte, er klärte: Manuel Neuer.
Foto: Getty Images
Dass ein Torwart in einem Fußballspiel seine Hände kaum einsetzt, aber dennoch von sämtlichen Beobachtern eine herausragende Leistung bescheinigt bekommt, ist außergewöhnlich - und zeigt: Nationalkeeper Manuel Neuer zeigte gegen Algerien einen zukunftsprägenden Torwartstil.

Porto Allegre.. Auch Manuel Neuer können Dinge missraten. Den Ort des 2:1-Achtelfinalsieges gegen Algerien verließ der Torwart der deutschen Nationalmannschaft modisch derangiert. Neuer trug ein rotes Polohemd, an dem die rechte Kragenseite nach oben stand, während die linke glatt herabgeknickt unter der weißen Joggingjacke verschwand. Es war der schlimmste Fauxpas, den sich der Mann vom FC Bayern München an diesem kühlen Abend in Porto Alegre erlaubte.

Auf dem Feld hatte er zuvor für eine Welt-Neuheit gesorgt: Der Torwart bot eine überragende Leistung. Das Bemerkenswerte: Er benötigte dafür seine Hände kaum. Das klingt ein wenig absurd, aber letztlich war das, was er dort auf dem Rasen Brasiliens vor den Augen der versammelten Fußball-Welt aufführte, die Demonstration eines neuen Stils, die Steigerung von modernem Torwartspiel, also: zukunftsprägend.

Neuer war die eigentliche Show

Neuer hechtete immer wieder aus seinem Tor hinaus. Er grätschte einen algerischen Stürmer gekonnt an der Seitenlinie ab wie man es sich von seinen Verteidigern manches Mal gewünscht hätte. Er sprintete hinaus aus seinem Strafraum und klärte drei, vier, fünf Steilpässe, die zu höchster Gefahr geführt hätten, wäre er nicht wachsam und schnell genug gewesen, die Aktionen im Keine zu ersticken. Er war Anspielstation, er verlud mit einer Finte den gegnerischen Stürmer und fungierte als Vorlagengeber. Sein in Windesweile ausgeführter Abschlag landete 60 Meter weiter irrwitzig genau bei Andre Schürrle, der die Chance jedoch nicht bis vors Tor brachte. Kurzum: Neuer war an diesem Abend die eigentliche Show.

„Heute habe ich seine Leistung überragend gut gesehen. Er hat uns wie ein Libero vor Gefahr bewahrt. Das war eine große Leistung“, reihte sich Bundestrainer Joachim Löw in die Elogen für den früheren Schalker ein. Die „Zeit“ machte ihn auf ihrer Internetseite „zum zweiten Chuck Norris“. Über den amerikanischen Action-Schauspieler kursieren im Internet allerhand Scherze, die seine Rollen als unbezwingbaren Einzelkämpfer parodieren. Zum Beispiel: „Chuck Norris isst keinen Honig, er kaut Bienen.“ Oder: „Chuck Norris hat bis unendlich gezählt - zwei Mal.“

19 Ballkontakte außerhalb des Strafraums

Dies wäre beinahe auch nötig gewesen, um nachzuhalten, wie oft Manuel Neuer in höchster Gefahr rettete. 19 Mal war er am Ende des Spiels außerhalb des eigenen Strafraums am Ball gewesen, eine Zahl die grundsätzlich relativ weit weg ist von unendlich, aber für einen Torwart dann doch wieder unendlich hoch.

Doch es ist ein Spiel mit dem Feuer. Denn Neuer riskiert viel, manchmal alles. Eine Zehntelsekunde zu spät, ein paar Zentimeter zu weit weg – und schon sind die Folgen verheerend. Es ist ein schmaler Grat zwischen Heldenstatus und trauriger Gestalt. Doch seine Vorderleute erzwangen die halsbrecherischen Manöver mit ihrer Spielweise. Viele Ballverluste im Mittelfeld und eine weit aufgerückte Viererkette begünstigten die gefährlichen algerischen Konter. „Ich helfe, wo ich kann. Klar, ich habe in der einen oder anderen Situation Kopf und Kragen riskiert. Aber das ist mein Spiel“, sagt Neuer. Ein Spiel, das er mehr und mehr zur Perfektion zu bringen scheint.

"Er gibt uns Sicherheit"

Weit vor dem Tor lauert er auf diese Situationen. „Es gibt uns Sicherheit zu wissen, dass er immer da ist, wenn ein langer Ball über die Abwehr gespielt wird“, sagt Linksverteidiger Benedikt Höwedes. Und auch Bundes-Torwarttrainer Andreas Köpke bereiten die Abenteuer des 28-Jährigen keine Sorgen: „Ich bin relativ ruhig draußen, weil ich weiß: Jetzt hat er ihn wieder.“

Neuers Spiel erfordert Talent, räumliches Sehen und Erfahrung. Die hat er. Von klein auf. Als Knirps kickte er immer fünf Gehminuten von seinem damaligen Elternhaus in Gelsenkirchen-Buer entfernt auf einem kleinen Platz mit roter Asche und Eisentoren. Immer wenn es geregnet hatte, bildeten sich tiefe Pfützen vor dem Tor. „Ich stand dann immer weit im Feld. Vielleicht bin ich deshalb nun ein mitspielender Torwart.“ Und damit vielleicht ein Pionier des zukünftigen Torwartspiels.

 
 

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