Die WM-Stadt Fortaleza und das Elend der Kinderprostitution

Eindrücke aus Fortaleza: Joana sitzt in ihrem Zimmer, das sie sich mit drei Mädchen teilt.
Eindrücke aus Fortaleza: Joana sitzt in ihrem Zimmer, das sie sich mit drei Mädchen teilt.
Foto: Adveniat
Im „Lar Santa Monica“ in Fortaleza beginnen zig Leben neu. Aber Heimleiter José Alberto Moreno warnt vor der Fußball-Weltmeisterschaft in Brasilien: „Die WM wird viele Mädchen in die Katastrophe treiben.“ Er kämpft gegen Kinderprostitution und sexuelle Gewalt an Kindern. Ein Bericht über Armut und Leid in der WM-Stadt.

Fortaleza. Ein Satz, der alleine die Zuhörer schmerzt, der ihnen sogar die Tränen in die Augen treibt: „Hier spüre ich, dass ich eine Zukunft habe - das spüre ich bei meiner Familie nicht“, erzählt Joana. Und deshalb „weine ich manchmal noch“, ergänzt sie. Joana ist elf, elf Jahre jung.

Die sechsspurige Straße, auf der bald Fußball-Fans voller Vorfreude aus dem Stadtzentrum von Fortaleza in Richtung WM-Arena fahren, liegt nur wenige Meter von der Terrasse entfernt, auf der Joana sitzt und aus ihrem bisherigen Leben erzählt. Es dauert nur wenige Minuten, bis die vorbeibrausenden Autos das Stadion, in dem unter anderem die deutsche Mannschaft in der Vorrunde auf Ghana trifft, erreichen. Bunt wird es dort während der Titelkämpfe zugehen.

Zigtausend Fans werden in den Trikots ihrer Mannschaft, mit aufgemalten Landesfahnen auf den Wangen oder lustigen Hüten auf dem Kopf wenigstens vor den Spielen Fröhlichkeit en masse versprühen. Vielleicht schauen im Viertelfinale sogar die Blaskapellen aus den Niederlanden vorbei. Joana wird von all dem nicht viel mitbekommen.

Santa Monica ein Heim für bedrohte Mädchen

Denn wer das schmiedeeiserne Tor in der mannshohen Mauer, die das über 100 Hektar große Gelände von der Straße abschirmt, passiert, der tritt ein in eine andere, ruhigere Welt. Mehrere Religionsgemeinschaften unterhalten umgeben von Bäumen, Wiesen und Brachland soziale Einrichtungen. Eine ist das Bildungs- und Betreuungszentrum „Lar Santa Monica“ der Augustinerinnen, ein Heim für Mädchen, die Opfer sexueller und häuslicher Gewalt wurden. Ein Heim für Mädchen wie die elfjährige Joana.

Obwohl: Wie ein herkömmliches Heim sieht das „Santa Monica“ mit seinen fünf bungalow-artigen Gebäuden, dem Hühnerstall und dem Spielplatz samt kleinem Springbrunnen gar nicht aus. „Ein Heim wollen wir auch nicht sein“, sagt Luisa Apareida Dias, die als Psychologin mit den Mädels arbeitet. „Ich versuche sie spüren zu lassen, wie schön eine Kindheit sein kann“, erklärt Dias. Sie sollen spielen, sie sollen lernen, sie sollen lachen. Sie sollen einfach Kind sein.

Denn schön, schön war das, was die Mädchen erlebten, bevor sie zu den Augustinerinnen kamen, selten. Im Gegenteil.

Strandpromenade ist ein beliebtes Ziel von Sex-Touristen 

Joana wurde vom eigenen Bruder missbraucht

Joana etwa wurde von einem ihrer Brüder missbraucht, ehe sie vor nun drei Jahren zu Luisa Apareida Dias und José Alberto Moreno, dem Direktor, gelangte. „Er war bereits 23 Jahre alt und musste anschließend ins Gefängnis“, erzählt sie. Ihre Mutter besucht sie ab und an. Ihr Vater? „Er trinkt und raucht und besucht mich nicht. Ich glaube schon, dass er mich lieb hat“, sagt die Kleine traurig, „aber er hat so viele Probleme.“

Wie der Elfjährigen erging es fast allen der gut 20 Mädchen im Alter von sieben bis 18 Jahren, die aktuell von den Behörden im „Santa Monica“ untergebracht sind. Einige trieben die chaotischen Verhältnisse zuhause zudem in die Prostitution. „Die Familien leben meistens in unendlicher Armut. Den eigenen Körper zu verkaufen, erscheint vielen Kids der einzige Ausweg zu sein“, erklärt Direktor Moreno. Also schlendern viele Mädchen auf der Suche nach Freiern in den Abendstunden alleine oder in Gruppen an der Strandpromenade von Fortaleza entlang, ohnehin als beliebtes Ziel von Sex-Touristen auch aus Europa bekannt.

Staat Brasilien kümmert sich kaum um die verlorenen Kinder 

Der brasilianische Staat? Er kümmert sich kaum um seine verlorenen Kinder. „Es gibt sechs Jugendämter für über drei Millionen Einwohner“, erklärt Moreno. „Computer findet man dort selten und die jeweils sechs Beamten teilen sich ein Auto.“ Oft werde zudem das Telefon oder der Strom gesperrt, weil die Regierung Rechnungen nicht bezahle. Nicht nur in den Ämtern passiere dies, auch in den zwölf klassischen Heimen für Straßenkinder der Metropole.

Die Weltmeisterschaft erwartet Direktor Moreno ob der vielen Fußball-Touristen mit einem sehr schlechten Gefühl. „Die WM wird viele Mädchen in die Katastrophe treiben“, sagt er. Flugblätter würden verteilt, ein paar Ordnungskräfte und Polizisten patrouillierten mehr am Strand, „aber ich bezweifle, dass das reichen wird“.

Kampf gegen sexuelle Gewalt an Kindern

Seine Mitarbeiterinnen und er werden den Kampf gegen häusliche und sexuelle Gewalt an Kindern aber nie aufgeben. Es sind nicht nur die großen Glücksmomente, die sie motivieren, wenn zum Beispiel wieder ein Mädchen ein selbstständiges Leben mit eigener Familie und einer Arbeitsstelle beginnt. Es sind auch diese kleinen, diese rührenden Momente: Zum Abschied stellen sich Joana und ihre Freundinnen auf, um ein Lied zu singen. Sie klatschen, während sie singen. Sie hüpfen, während sie singen. Sie grinsen, während sie singen. „Wir sind nicht geboren, um traurig zu sein“, heißt es in dem Refrain des Liedes.

Auch sie sind geboren, um glücklich zu sein.

 
 

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