Silvia Neid vor der WM: „Das Halbfinale wäre ein Erfolg“

Letzte Chance auf einen weiteren Pokal: Silvia Neid, die scheidende Bundestrainerin.
Letzte Chance auf einen weiteren Pokal: Silvia Neid, die scheidende Bundestrainerin.
Foto: dpa
Bundestrainerin Silvia Neid spricht vor der WM in Kanada über unbekannte Gegner aus Afrika, über Besprechungen im Speisesaal und ihre Nachfolgerin.

Ottawa.. Am Sonntag war Abflug: Zur Mittagszeit ging der Lufthansa-Flieger von Frankfurt nach Ottawa, der die Frauen-Nationalmannschaft zur bevorstehenden WM nach Kanada (6. Juni bis 5. Juli) brachte. Für Bundestrainerin Silvia Neid ist es das dritte und letzte WM-Turnier in dieser Rolle. Nach dem Titelgewinn 2007 in China und dem Viertelfinal-Aus bei der Heim-WM 2011 wirkt die 51-Jährige recht gelassen. Obwohl die Herausforderungen besondere sind.

Die WM in Kanada findet erstmals mit 24 Mannschaften statt. Das deutsche Team trifft am kommenden Sonntag auf den Neuling Elfenbeinküste. Was wissen Sie über solch einen Gegner?

Silvia Neid: Es ist ganz schwer, da an DVD-Material zu kommen. Eigentlich sollte so etwas von den Verbänden zur Verfügung gestellt werden, aber uns wurde mitgeteilt, dass das letzte Testspiel abgesagt wurde. Das ist ärgerlich, unsere Scouts sind dann nicht gefahren. Wir haben zwar schon vier DVDs von ihnen, aber die sind von November, und die Mannschaft entwickelt sich ja weiter.

Neu wird auch sein, dass dieses Turnier komplett auf Kunstrasen gespielt wird.

Neid: Meine Haltung hat sich nicht verändert: Diese WM hätte auf Naturrasen gehört. Aber es ist so, wie es ist.

Ein Ascheplatz wäre aber schlimmer, oder?

Neid: Zu meiner Anfangszeit als aktive Spielerin gab es bei meinen ersten Vereinen fast nur Ascheplätze. Da waren wir Frauen froh, wenn wir mal auf die grüne Wiese durften. Ein Tackling auf dem Ascheplatz war ja noch damit verbunden, dass 30 Jahre später die roten Körner in der Haut steckten – zum Glück habe ich nie so oft gegrätscht.

Ihr Kader wirkt trotzdem gut vorbereitet und selbstbewusst. Täuscht der Eindruck?

Neid: Nein, dieser Kader kann viel, das ist aber auch alles hart erarbeitet und nicht vom Himmel gefallen.

Wie weit muss Ihr Team kommen, damit Sie das Turnier als sportlichen Erfolg verbuchen?

Neid: Das Halbfinale wäre für mich ein Riesenerfolg. Aber dieser Weg ist steinig und hart.

Warum?

Neid: Wegen des riesigen Landes mit den verschiedenen Zeitzonen, wegen der erwähnten Kunstrasenplätze und wegen der Qualität der anderen Nationen. Es gibt mehr Mannschaften als je zuvor, die Weltmeister werden können. Kanada, USA, Japan, Brasilien, aus Europa Frankreich, Schweden, Norwegen und wir. Und dahinter können England, Nigeria, Spanien oder Australien den Favoriten jederzeit ein Bein stellen.

Die Teamhotels beim Turnier werden strikt von der Fifa zugeteilt. Teilweise werden bis zu sechs Mannschaften unter einem Dach wohnen. Ist das noch zeitgemäß?

Neid: Es ist halt nicht so wie bei den Männern, die ein Basisquartier beziehen, um alle fünf Tage zu ihrem Spiel zu fliegen. Bei uns läuft das immer noch anders ab: In einem Hotel wohnen meist vier Teams, und dann auch noch die, gegen die wir gerade spielen. Man sieht sich ständig, das ist störend. Und wir mussten teilweise darum kämpfen, dass wir einen eigenen Besprechungsraum bekommen. Dafür war beispielsweise der Speisesaal vorgesehen. Das ist nicht mehr zeitgemäß.

Lässt sich ein guter Teamgeist leichter finden, wenn man weniger Druck und mehr Ruhe hat als zuletzt bei der Heim-WM 2011 in Deutschland?

Neid: Die Heim-WM war eine außergewöhnliche Situation für uns alle. Mit der Erfahrung von 2011 würden wir jetzt viele Situationen anders angehen. Ich gebe mal ein Beispiel: Eigentlich sind bei uns auf den Fluren immer alle Türen auf, und man kann überall reinschauen oder miteinander sprechen. Bei der WM 2011 waren auf einmal alle Türen zu, weil jeder erst mal mit dieser ungewöhnlichen Situation klar kommen musste. Der Fokus lag nicht mehr auf dem großen Ganzen.

Hätten Sie die Türen im Nachhinein nicht aufmachen müssen?

Neid: Um was zu erreichen? Teamgeist entsteht doch nicht durch Zwang, auch wenn ich als Trainerin natürlich Impulse setzen kann.

Sie haben frühzeitig bekannt gegeben, dass Sie Ihren Vertrag 2016 nicht verlängern. Wie geht es Ihnen jetzt damit?

Neid: Seit ich den Entschluss gefasst habe, genieße ich alles noch mehr. Mir war wichtig, dass ich selbstbestimmt sagen konnte, wann Schluss ist. Ich freue mich auf das, was danach kommt – durch die neue Aufgabe beim DFB (als Leiterin des Scoutings, Anm. d. Red.) bleibe ich dem Frauenfußball verbunden, nur stehe ich nicht mehr so in der Öffentlichkeit, weil ich nicht mehr für den gesamten sportlichen Bereich des Frauen- und Mädchenfußballs verantwortlich bin. Das ist dann Steffi Jones.

Bei der Benennung Ihrer Nachfolgerin klang Kritik wegen der mangelnden Trainer-Erfahrung durch…

Neid: Natürlich ist das ein Kritikpunkt, mit dem die Entscheider und auch Steffi Jones gerechnet haben. Es ist sicher ungewöhnlich, dass jemand ohne diese vorherige Trainer-Erfahrung Bundestrainerin wird. Ich finde das auf jeden Fall mutig von ihr, ich hätte das nicht gemacht.

Wird Steffi Jones in Kanada schon bei der Mannschaft sein?

Neid: Sie kann kommen, wann sie will. Ich hoffe das sogar. Ich werde sie unterstützten, wo ich kann. Im Moment arbeitet sie ja noch als DFB-Direktorin für den Frauenfußball, da denke ich, dass sie uns sicher besuchen wird.

 
 

EURE FAVORITEN