Gero Bisanz, Pionier der Frauen-Nationalmannschaft

Klaus Wille
Gero Bisanz wohnt in einem liebevoll gepflegten Häuschen in Köln. Vor knapp 30 Jahren baute er die Frauenfußball-Nationalmannschaft auf. Foto: Marc Albers / WAZ FotoPool
Gero Bisanz wohnt in einem liebevoll gepflegten Häuschen in Köln. Vor knapp 30 Jahren baute er die Frauenfußball-Nationalmannschaft auf. Foto: Marc Albers / WAZ FotoPool
Gero Bisanz war der erste Trainer des deutschen Frauen-Nationalteams. Die Anfänge waren wilder als man glaubt.

Overath. Es geht steil hinauf zu Gero Bisanz. Eine gutbürgerliche Wohngegend am Hang, ein liebevoll gepflegtes Häuschen, von der Terrasse hat man einen freien Blick ins Grüne. „Macht viel Arbeit“, sagt Gero Bisanz, „hält aber fit.“ Da weiß einer, wovon er spricht: Bisanz, 75 Jahre alt und beneidenswert rüstig, hat sich nicht einmal vor Pionierarbeit gedrückt, als sie von ihm verlangt wurde. „Schreiben Sie bloß nicht, ich sei ein Pionier des Frauenfußballs“, sagt er, „aber Pionier der Frauen-Nationalmannschaft, das können Sie schreiben. Das stimmt.“ Wird gemacht.

Es gibt Menschen, über die verraten die Geschichten, die sie erzählen, am meisten. Und es gibt Gero Bisanz. Der erzählt längst nicht alles, und das sagt auch ein bisschen.

Vor knapp 30 Jahren hat er die Frauenfußball-Nationalmannschaft übernommen. Übernommen? Aufgebaut. „Es gab keine“, sagt Bisanz, der damals DFB-Chefausbilder in Köln war. Wer den Trainerschein machen wollte, musste bei ihm auf die Schulbank. Bisanz hatte seine Bestimmung gefunden. Bis ihn der damalige DFB-Präsident Hermann Neuberger zur Seite nahm und erklärte, die Uefa plane eine Frauen-EM, da wolle man dabei sein, deshalb müsse eine Mannschaft her. Bisanz erinnert sich noch an den Wortlaut: „Machen Sie das mal.“

Bisanz war "das Mädchen für alles"

Er machte, schon wegen der vielen Sprüche der Kollegen nicht ohne Skepsis, aber mit Schwung. Man könne, sagt Bisanz 30 Jahre später, sich das kurz vor einer WM mit aufwändiger Rundumbetreuung und professioneller Vermarktung kaum noch vorstellen: „Aber ich war wirklich das Mädchen für alles.“ Was ihm dabei immer imponiert hat: „Die Frauen waren mit unglaublicher Begeisterung dabei, die haben Opfer auf sich genommen, um spielen zu können. Die waren ja so heiß auf Fußball."

Bisanz sichtete, wählte aus, trainierte. Gewann mit 4:1 gegen die Schweiz 1982 das erste Frauen-Länderspiel und war 1989 immer noch dabei, als die inzwischen legendäre Europameisterschaft den ersten großen Schub bescherte.

Im Rückblick: Geschichten wie aus einem anderen Leben.

Die EM-Endrunde bestand aus ganzen vier Mannschaften. Gespielt wurde in Lüdenscheid und Siegen. Man hatte alle Teams in die Sportschule Kaiserau gepackt, so blieben die Busfahrten kurz und die Reisekosten niedrig. Deutschland schlug im Halbfinale Italien 5:4 nach Elfmeterschießen, die ARD übertrug und musste die Tagesschau verschieben, eine kleine Sensation. Das Finale in Osnabrück sahen 22.000 Zuschauer, die Elf von Bisanz, angetrieben von der heutigen Bundestrainerin Silvia Neid, gewann 4:1.

Kaffeeservice im DFB-Museum

Man feierte in Kaiserau in einem Partykeller, und Bisanz äußert bis heute nichts als Respekt und Anerkennung für Neid, Heidi Mohr, Marion Isbert oder Martina Voss, die damals den Titel holten. Kurz darauf spendierte der DFB seine legendär gewordene Prämie: Ein Kaffeeservice vom Sponsor Villeroy&Boch. Modell Mariposa, weiß mit bunten Blümchen. Auch Bisanz bekam nichts anderes, was die Wut einiger Spielerinnen etwas linderte. Der Trainer hat sein Service dem DFB-Museum vermacht, nicht ohne Gebrauchsspuren: „Das stand bei uns oft auf dem Tisch.“

Das sind die Geschichten, die Bisanz erzählt, und sie vermitteln einen Eindruck davon, wie lang die Strecke ist, die Frauen am Ball zurückgelegt haben. Was Bisanz nicht ausplaudert: Die Anfänge waren wilder, als man glaubt. Irgendwann gab’s eine Länderspielreise ins polnische Jaworzno. Das Hotel hatte eine Bar, die Bar eine Tanzfläche, die Tanzfläche eine silberne Stange in der Mitte. Nachts gab’s eine Party auf dem Flur, und eine junge Torhüterin begann zu Tina Turners „Private Dancer“ zu strippen. Bis Bisanz aus dem Zimmer kam. Er warf ihr, erzählen Augenzeuginnen, wortlos ein T-Shirt zu, ging zurück auf sein Zimmer und erwähnte den Vorfall nie mehr.

Die Anekdote, die er nie erzählen würde, passt zu seiner Selbsteinschätzung: „Ich war väterlicher Freund.“ Bisanz ist immer noch stolz, den Weg bereitet zu haben. Die WM wird er am Fernseher verfolgen, die deutschen Spiele im Stadion, man hat ihn eingeladen.

Neulich hat er Silvia Neid bei einem Sponsorentermin in Köln getroffen, seine ehemalige Spielerin Birgit Prinz war auch dabei, auch sie hat noch unter Bisanz angefangen. Beide gelten nicht immer als pflegeleicht. Aber beide haben Bisanz so heftig gedrückt, dass man glatt Angst bekommen konnte. Es war vielleicht vieles anders damals. Aber vieles wohl auch richtig.