Bananen-Helmut und die große St.-Pauli-Liebe

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Fortunas Sportvorstand Helmut Schulte blickte im Gespräch mit unserer Redaktion auf bewegende Momente seiner langen Karriere beim Kiezklub zwischen „Liebe, Drama und Wahnsinn“ zurück

Düsseldorf.. „Liebe“, sagt Helmut Schulte mit leicht zweifelnder Stimme, „Liebe ist ein großes Wort“. Hätte man Fortunas Sportvorstand vor 26 Jahren nach seiner Emotionalität zum FC St. Pauli befragt, wäre die Antwort wohl weniger zögerlich über die Lippen gekommen. An jenem 29. Mai 1988 wäre „Liebe“ wohl noch eine Untertreibung für jene Szenen gewesen, die sich rund um den Hamburger Flughafen ereigneten.

Als sich der Triumphzug der soeben gelandeten Hamburger Stadtteilfußballer seinen Weg durch das menschenverstopfte Terminal bahnt, können Wörter und Bierkrüge gar nicht groß genug sein. Zwischen grölenden Massen und emporgereckten Armen wird ein Mann durch das Dunstgemisch aus Bier, Schweiß und Glücksgefühlen auf Händen getragen. „Der Lange“, wie sie Helmut Schulte am Millerntor gerne genannt haben, muss aufpassen, dass er sich an der Terminaldecke nicht den krausen Haarschopf stößt.

Schulte im Sakko und mit zur Dankesgeste verschränkten Händen, thront auf seinem sportlichen Höhepunkt. St. Pauli ist nach einem 1:0-Sieg in Ulm zum zweiten Mal in die Bundesliga aufgestiegen, der Mann unter der Terminaldecke der zweitjüngste Trainer der Bundesliga-Geschichte. Hinter Karl-Heinz Mülhausen, der bei seiner Beförderung im Februar 1968 vom Co- zum Cheftrainer in Hannover ganze zweieinhalb Monate jünger war als Schulte.

Letzterer hat die Bilder von damals noch genau vor Augen. 13 Jahre lang wirkte der heute 57-Jährige am Millerntor in fast allen erdenklichen Positionen. Zweimal trennten sich die Wege. Doch der „Lange“ kehrte auch noch ein drittes Mal wieder zurück. „Ich hatte das Gefühl, mit meiner Arbeit noch nicht fertig gewesen zu sein. So habe ich zumindest versucht, mir die Rückkehr schönzureden“, sagt er augenzwinkernd. In seinem Buch „Drei St.-Pauli-Leben“ hat Schulte versucht, nichts schönzureden, sondern die Emotionalität auf Pauli in klare Worte zu fassen.

Wenn die Hamburger am Montagabend (20.15 Uhr) zum Gastspiel bei Schultes Fortuna in der Stockumer Arena gastieren, kommt ein weiteres kleines Kapitel hinzu. „Es sind die Menschen und Erlebnisse, die man mit einem Verein verbindet, die den Fußball so reizvoll machen“, sagt Schulte.

Zwischen Spaß und Erfolg

„Zwischen St. Pauli und der Fortuna gibt es unheimlich viele Parallelen und dennoch sind beide Klubs völlig verschieden. Pauli hat eine ökologische Nische im Fußball gefunden. Dort ist das Erlebnis mindestens genauso wichtig wie das Ergebnis. Pauli steht in Hamburg hinter dem HSV. Auf Pauli geht es um mehr als nur Titel und Pokale. Da muss der Fußball nicht zwingend erfolgreich sein, er muss in erster Linie Spaß machen. Bei der Fortuna hingegen, als erstem Klub der Stadt, muss der Fußball Spaß machen, zugleich aber auch erfolgreich sein.“

Zurück im Hamburger Flughafenterminal. Zu einer Zeit, als der Fußball auf St. Pauli Spaß machte und erfolgreich war. Im Moment seines größten Triumphs entdeckt Helmut Schulte mitten in der Menschenmasse eine Blondine, die ebenfalls auf Händen getragen wird. Er bittet seine Träger, zügig Kurs auf die Unbekannte zu nehmen. Es folgen eine Umarmung und ein Kuss. Es sollte nicht der letzte gewesen sein.

Vor dem Flughafen droht der Paulianer Aufstiegsfeier der Stillstand. „Fans sind auf unseren Bus geklettert. Ich habe mich zu ihnen aufs Dach gesetzt, aber sie wollten nicht runter.“ Es dauert, bis sich der Tross in Bewegung setzt. Dennoch bleibt Zeit für einen kleinen Umweg. „Wir sind über die Elbchaussee gefahren und haben vor der Geschäftsstelle des HSV angehalten. Unser Busfahrer stellte den Motor ab und wir haben eine Schweigeminute eingelegt“, erzählt Schulte schmunzelnd. Der Rest der Nacht ging im Freudentaumel auf dem Kiez unter.

„Liebe, Drama, Wahnsinn“, sagt Schulte rückblickend auf seine Pauli-Karriere. Was 1984 als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme begann, als er ausländische Kinder im Nachwuchs integrieren sollte, gipfelte 1988 als Cheftrainer im Aufstieg in die Bundesliga. Schulte war und ist ein wohltuend sympathisches Unikat im kühlen Profi-Geschäft. „Vor Bundesligaspielen bin ich als Trainer zu den Fans auf den Zaun geklettert, haben mit ihnen gesungen und Bananen ins Publikum geworfen. Ich war high ohne Drogen und Alkohol. Heute wäre das undenkbar. Es hat sich alles verändert, der Profi-Fußball ist ein durchleuchtetes Geschäft geworden.“

Bananen-Helmut wurde seine Bodenständigkeit auf dem elterlichen Hof im sauerländischen Kirchveischede in den Schoß gelegt. Im 1000-Seelendorf wurde schnell klar, dass der Junge, der da mit seinen zwei Brüdern und seiner Schwester auf der Wiese kickte, eine Grundcleverness mitbrachte. Schulte nahm stets das kleinere der beiden aus Bäumen bestehenden Tore und spielte auf das größere. „Ich bin in einer heilen Welt aufgewachsen“, sagt er demütig.

Doch die heile Welt geriet für den Mann, den sie zwischenzeitlich auf Händen trugen, mitunter aus den Fugen. Im kühlen Business war nicht immer Platz für einen bekennenden „Fußball-Romantiker“, wie sich Schulte beschreibt. Auf Pauli und Schalke, wo er im Nachwuchs einen gewissen Manuel Neuer und Mesut Özil betreute, wurde er teils unsanft entlassen. Die harte Hand überlässt der Lehrer für Sport und Biologie selbst gerne anderen.

Wie durch ein Wunder überlebt

Er ist noch einmal ein Stück demütiger geworden, als ein tragischer Zwischenfall sein Leben veränderte. Als vor sieben Jahren der Orkan Kyrill tobte, wurde Schultes Auto auf der Essener Ruhrallee von einer umstürzenden Buche getroffen. Schulte überlebte trotz Halswirbelbruch und Koma wie durch ein Wunder. „Diese Erfahrung, die ich machen musste, machen durfte, hat mich im Umgang mit Menschen noch besonnener werden lassen“, sagt Schulte. Auch in diesen schweren Zeiten immer an seiner Seite: die „unbekannte“ Blondine von der Aufstiegsfeier aus dem Flughafenterminal. Schulte ist mit seiner Bettina seit 1991 verheiratet. Und St. Pauli, ist es auch Liebe? „Die erste Fußball-Liebe“, sagt Schulte, „vergisst man nie!“

 
 

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