So zeigt Khedira Bundestrainer Löw Italiens Schwäche

Sami Khedira (links) und Joachim Löw.
Sami Khedira (links) und Joachim Löw.
Foto: firo
Bundestrainer Löw vertraut dem Urteil des Juventus-Profis – aus gutem Grund. Der Mittelfeldspieler denkt und lenkt die deutsche Nationalelf wie ein Trainer.

Bordeaux. Auf die Geburtsstunde des Turnierspielers Sami Khedira in Frankreich wird noch gewartet. Im Auftaktspiel gegen die Ukraine wirkte der 29-Jährige wie ein PS-starker Geländewagen, dessen Handbremse klemmte. Und das wurde danach nicht besser. Aber für Joachim Löw bleibt Sami Khedira unumstritten wichtig. Der Bundestrainer sieht in ihm den Antreiber neben Toni Kroos – vor allem jetzt, da es in Bordeaux an diesem Samstag im EM-Viertelfinale gegen Italien geht (21 Uhr/ARD/live in unserem Ticker).

Überall wurde Khedira Meister

Seit einer Saison spielt Khedira für den italienischen Meister Juventus Turin. Und weil der Gegner der deutschen Nationalelf außerordentlich stark mit Juve-Spielern besetzt ist (Buffon, Barzagli, Bonucci, Chiellini, Sturaro und Zaza), hielt ihn Löw vor dem Duell gegen die Squadra Azzurra auch für den besten Scout, den er hat: „Sami kennt die Spieler aus dem Effeff“, sagte der 56-Jährige.

Löw hat mit ihm über die Dreier-Abwehrkette der Italiener gesprochen: Barzagli-Chiellini-Bonucci. Er wollte wissen, wie sie sich in Stresssituationen verhalten. Khedira sei „ein wichtiger Ansprechpartner“. Für Löw ist Khedira seit Philipp Lahms Abgang die rechte Hand. Er verbindet Trainer- mit Spielerwelt. „Sami hat eine wahnsinnig hohe Qualität. Seit der WM 2010 ist er in der Vorbildfunktion wahnsinnig wichtig“, sagt Löw.

Khedira habe neben dem Rasen den Blick für die Teamhygiene. Nach dem Achtelfinalsieg gegen die Slowakei tröstete er Emre Can, der wegen fehlender Einsatzzeit frustriert war. Und dann sagt Löw noch einen scheinbar simplen, aber wichtigen Satz: „Sami ist klug, er erfüllt einfach die Aufgabe, die man ihm gibt.“

Khedira ist nicht gerade ein Kritiker-Liebling. Aber ein Trainer-Liebling war der Sohn eines Tunesiers und einer Deutschen immer: Beim VfB Stuttgart, wo er unter Armin Veh mit 20 Deutscher Meister wurde, ebenso bei Real Madrid, wo ihn Carlo Ancelotti 2014 nach überstandenem Kreuzbandriss im Champions-League-Finale in die Startelf beorderte – Real gewann. Und auch bei Löw, der vor der WM in Brasilien auf Khediras Fitness wartete, als die Kritiker murrten. Ein Trainer-Liebling ist Khedira, weil er neben dem Feld wie ein Trainer denkt. Und weil er ihm mitteilt, welche Gedanken das sind.

„Genau wie wir Spieler von Top-Trainern lernen können, können sie auch von uns etwas mitnehmen“, sagt Khedira. Mit Löw sei das besonders intensiv: „Wir ergänzen uns ideal“, betont der U-21-Europameister von 2009. Diesbezüglich ist der Bundestrainer offenbar ein Führungsspieler-Liebling: „Er rennt nicht stur durch die Wand und sagt: Ich will das so machen. Er hört auf das Gefühl der Spieler“, erklärt Khedira, was ja ein wunderbarer Satz ist.

Sami Khediras schlechte Karrieretage kamen meistens nach Verletzungen. Diese wiederum gab es oft. Er hat deshalb bei Juventus seine Trainingsmethoden umgestellt, ebenso die Ernährung. Seit einem Muskelfaserriss im Herbst lief es deutlich besser: 20 von 38 Spielen bestritt er mit Juve in der Liga, vier von acht in der Champions League.

Rhythmus bei Juventus gefunden

„Ich habe meinen Rhythmus gefunden, weil ich so viele Partien bestritten habe wie in den zwei Jahren davor zusammen“, sagt Khedira. Gegen Italien, diese Defensivkunst-Truppe, die aber so schnell nach vorn umschalten kann wie kaum eine andere bei diesem Turnier, wird ein guter Tag von Khedira besonders gebraucht: Weil er der Wucht seiner Vereinskollegen seine eigene entgegnen kann. Er soll den Raum ausfüllen, den die Italiener bei Kontern überbrücken: zwischen beiden Strafräumen.

Und es könnte sein, dass man bei dieser Europameisterschaft den echten Sami Khedira noch gar nicht gesehen hat.

 
 

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