Joachim Löw lag beim EM-Spiel gegen Italien mit seiner Aufstellung daneben

Daniel Berg
Bundestrainer Joachim Löw
Bundestrainer Joachim Löw
Foto: afp / Patrik Stollarz
Bundestrainer Joachim Löw sprengte im EM-Halbfinale gegen Italien das, was beim 4:2 gegen Griechenland funktioniert hatte. Miroslav Klose und Marco Reus mussten auf die Bank. Sein Versuch, einen neuerlichen Coup zu landen, misslang auf schmerzhafteste Art.

Warschau. Die Luft flirrt im Stadion von Warschau. EM-Halbfinale, Deutschland gegen Italien. Joachim Löw betrat die Arena weit vor dem Spiel, ging aufs Feld und strich mit der Hand über den Rasen. Er überlasst nichts dem Zufall. Nie. Aber jetzt, da ein paar Minuten gespielt sind, knabbert der Bundestrainer auffällig oft an seinen Fingernägeln. Er ist nervös. Er weiß, dass er ein hohes Risiko eingegangen ist. Er weiß nicht, ob es belohnt wird. Aber er weiß jetzt schon, dass er schon ein besseres Gefühl hatte.

Es ist ja nicht das erste Mal, dass er ein Wagnis eingeht, dass er mit seiner Mannschaftsaufstellung die Experten, Fans und vermutlich auch die Gegner überrascht. Viel ist über Löw, den Mann mit dem goldenen Händchen, in den vergangenen Wochen geredet worden, weil er den Anlass dazu geliefert hatte.

Einen seiner Lieblingszöglinge, Innenverteidiger Per Mertesacker, ersetzte er zum Start des Turniers durch Mats Hummels. Und mit Miroslav Klose zog er eine der Korsettstangen des deutschen Spiels in den vergangenen Jahren aus dem Verkehr und schickte für ihn Mario Gomez aufs Feld. In drei Spielen schoss der großartige drei Tore und fand sich im nächsten Spiel auf der Bank wieder. Für ihn spielte Klose – und traf. Und als ihm sein Rechtsverteidiger Jerome Boateng durch eine Sperre verlustig ging, schickte er den Mittelfeldspieler Lars Bender dort ins Rennen. Müßig zu erwähnen, dass der dann das Siegtor schoss.

Klose und Reus mussten zurück auf die Bank

Normal konnte das alles nicht sein. Löw, das stand in den vergangenen Wochen von Polen fest, hat übersinnliche Kräfte. „Ein Trainer“, sagte er auf entsprechende Fragen, „ist kein Idiot.“ Das hieß: Wenn ich es nicht weiß, wer denn sonst?

Vor diesem Halbfinale hat Joachim Löw noch etwas gesagt, nämlich, dass es extrem wichtig sein würde, „das eigene Spiel auf den Platz zu bringen“ und sich „nicht zu sehr am Gegner zu orientieren.“ Es klang, als es sei es ihm ernst damit. Aber er tat etwas anderes.

Löw sprengte das, was im Spiel zuvor gegen Griechenland am besten funktioniert hatte. Klose, Mesut Özil und Marco Reus hatten dem deutschen Auftreten den Esprit und den in diesem Turnier ein wenig vermissten Spaß zurück gegeben. Und während Löw so an seinen Fingernägeln knabbert sitzt ein Stückchen neben ihm Klose auf der Bank. Und Reus auch.

Löw hat sich etwas ausgedacht. Er will die Kreise von Italiens Fußball-Feingeist Andrea Pirlo einengen. Aber das einzige, was geschieht, ist, dass die deutsche Balance aus den Fugen gerät. Kroos spielt letztlich zentral, nicht mal schlecht, aber Özil, der als genial geltende Spielmacher von Real Madrid, taucht deswegen auf der rechten Seite auf. Fern vom Puls des Spiels. Wie alle anderen Abenteurer, Draufgänger, Spaßversprecher.

Löws Korrekturversuch in der Pause

Schnell zeichnet sich ab, dass in Warschau der deutsche Weg endet, der Traum vom Finale in Kiew platzt. Mario Balotelli bestraft zwei erstaunliche triviale Fehler. 0:2 steht es zur Halbzeit, als Löw zu korrigieren versucht, was nicht mehr zu korrigieren ist. Reus kommt, Klose auch. Kurz herrscht Aufbruch. Zu kurz. Deutschland verliert 1:2, scheidet aus.

Joachim Löw weiß, was er tut. Immer. Er weiß, dass sein Versuch, einen neuerlichen Coup zu landen, auf schmerzhafteste Art misslang. Löw hat sein goldenes Händchen überdreht.