Ein Sieg über die Zweifler

Essen. Klar, dieses „umgekehrte Wembley-Tor“ - ausgerechnet in einer Neuauflage des Klassikers - war der Wahnsinn schlechthin. Aber es gab noch eine weitere, wenig beachtete Parallele zum WM-Finale 1966.

So diszipliniert damals Uwe Seeler und Co. auf das ihrer Meinung nach irreguläre 3:2 durch Geoff Hurst reagierten, so bemerkenswert beherrscht verhielten sich diesmal die Engländer nach der Nichtanerkennung des Tores von Frank Lampard, das das 2:2 bedeutet hätte.

Überhaupt: Mag im deutschen und englischen Blätterwald zuweilen auch verbal übel nachgetreten werden – auf dem Rasen sind die Auseinandersetzungen der beiden Länder fast immer ausgesprochen fair gewesen. Auch gestern ließ sich kein Akteur trotz der erneut aufgeheizten Atmosphäre zu übertriebenem Foulspiel hinreißen. Das ist nicht wenig in Zeiten, in denen oft schon ein harmloses Scharmützel ausreicht, um Gewalt zu provozieren.

Zum Fair Play im Fußball aber gehört auch, dass solche falschen Tor-oder-nicht-Tor-Entscheidungen im hochtechnisierten Zeitalter nicht mehr länger hinnehmbar sind. Sicher, Schiedsrichter-Fehler gehören zum Spiel, und TV-Beweise nach allen möglichen strittigen Szenen würden das Spiel zerstören. Aber die elementare Frage „Tor oder kein Tor“ verdient eine zweifelsfreie Antwort.

So wichtig die Diskussion um die überfällige Umsetzung elektronischer Hilfen wegen der Glaubwürdigkeit des Fußballs aber auch auch ist – sie wird überstrahlt von der fantastischen Leistung der jungen deutschen Nationalmannschaft, die an das Auftaktspiel gegen Australien anknüpfte.

Die ersten Zweifler am Konzept von Bundestrainer Joachim Löw, die sich nach den weniger überzeugenden Spielen gegen Serbien und Ghana wieder aus der Deckung trauten, sind eindrucksvoll eines Besseren belehrt worden. Diese Elf – komme im Viertelfinale, was wolle – weckt Hoffnungen, die weit über dieses Turnier hinausreichen. Sie verbindet typisch deutsche Tugenden wie Kampfkraft und Leidenschaft mit Spielfreude und Kreativität, wie wir sie bisher nur bei anderen bewundern konnten.

Wenn nicht alles täuscht, ist auch das deutsche Fußball-Volk inzwischen so weit, dass es bereit ist, um eines mitreißenden Fußballs willen auch Rückschläge in Kauf zu nehmen. Über Jahre tendierten die Fans zum Prinzip des Erfolges um jeden Preis. Wohl auch, weil sie keine Alternative dazu sahen. Joachim Löw und vor ihm Jürgen Klinsmann ist es zu danken, dass sie dieses Denkschema aufbrachen und eine Perspektive aufzeigten, in der den Deutschen nicht nur der Erfolg, sondern auch das Spiel Spaß macht.

 
 

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