Die außergewöhnliche Fußballkarriere des Guido Silberbach

Amateurfußballer-Alltag: Guido Silberbach in der Kabine des SV Herbede in Witten.
Amateurfußballer-Alltag: Guido Silberbach in der Kabine des SV Herbede in Witten.
Foto: Lars Heidrich / FUNKE Foto Services
Der 48-Jährige hat in allen Ligen gespielt. Für Wattenscheid 09 war er in der Bundesliga am Ball, heute verstärkt er den SV Herbede 4 in der Kreisliga C.

Witten.. Die letzten beiden Spiele vor der Winterpause hat Guido Silberbach verpasst. Ein Faserriss in der Wade hat ihn ausgebremst.

Und warum hat er sich nicht fitspritzen lassen?

Guido Silberbach lacht, der Gedanke gefällt ihm. „Das hätte ich gerne gemacht“, sagt er, und man glaubt es ihm sofort. „Zuhause rumzusitzen, das ist nichts für mich. Aber diesmal waren die Schmerzen definitiv zu stark.“

Dazu muss man wissen: Guido Silberbach ist der Routinier in der vierten Mannschaft des SV Herbede in Witten. Kreisliga C, sorgenlose Klasse, kein Abstieg möglich. Aber das ist diesem Fußballsüchtigen völlig wurscht: Der will nur spielen. 48 ist er mittlerweile, die meisten Jungs in seiner Mannschaft sind gerade aus der A-Jugend gekommen und könnten seine Söhne sein. Aber sie sind ganz froh, wenn er dabei ist, denn von ihm können sie sich einiges abschauen.

Mit 18 noch in der Kreisliga B

Kein Wunder: Guido Silberbach bringt Bundesliga-Erfahrung mit: 1993 kam er für die SG Wattenscheid 09 auf zehn Einsätze. Im Laufe seiner langen Karriere hat er es geschafft, tatsächlich in allen Ligen am Ball gewesen zu sein – und in fast allen Ligen mindestens ein Tor geschossen zu haben: Nur in der Zweiten Liga, ebenfalls in Wattenscheid, ging er leer aus.

„Es gibt viele, die mich um meine Laufbahn beneiden“, sagt er. Logisch: Die meisten Amateurfußballer würden Legenden stricken, wenn sie wie Guido Silberbach auch nur ein einziges Mal in der Bundesliga getroffen hätten. Er selbst hätte sich das ja auch nie träumen lassen, denn er war ein Spätstarter. Die Profis von heute werden früh gefördert und gefordert. Guido Silberbach spielte mit 18 Jahren noch unbefangen in der zweiten Mannschaft von Phönix Bochum in der Kreisliga B.

Als er dann in die Erste aufrückte, bekam er erstmals Geld für seine Leidenschaft: 50 Mark pro Monat. „Und der Vater eines Mitspielers hatte eine Pommesbude in Platznähe, da durfte ich umsonst essen. Anfangs war mir das peinlich – da war er beleidigt. Also habe ich mir dann zweimal in der Woche Pommes bei ihm geholt.“

Gezielte Vorbereitung auf eine Profikarriere kann man das nicht gerade nennen. Guido Silberbach, der heute in Dortmund wohnt und bei einem großen Elektronik-Unternehmen arbeitet, kämpfte sich mit einer wertvollen Mischung aus Ehrgeiz und Talent dennoch nach oben. Aber es dauerte. Er spielte für Westfalia Herne in der Verbandsliga und für den VfL Gevelsberg in der Oberliga, bis die Wattenscheider auf ihn aufmerksam wurden. Die suchten einen torgefährlichen Linksfuß für ihre in der Oberliga spielende zweite Mannschaft. Mit bereits 25 Jahren wurde Guido Silberbach 1992 Vertragsamateur. „Für Siege in Revierderbys wurden wir damals von Klaus Steilmann gut belohnt“, erzählt er lächelnd. „Der Patron kam vorher in unsere Kabine und sagte: Ich setze heute den Joker.“

Bundesliga-Tor gegen Nürnberg

Als im April ‘93 die Profistürmer Uwe Tschiskale und Ali Ibrahim verletzt waren, zog 09-Trainer Hannes Bongartz Guido Silberbach hoch. Beim 3:1-Sieg gegen Borussia Mönchengladbach durfte er erstmals in der Bundesliga den Ball bewegen – für vier Minuten.

Sein großer Moment kam wenige Wochen später. Saison 92/93, der 31. Spieltag, Wattenscheid 09 empfängt an der Lohrheide den 1. FC Nürnberg. Nationaltorwart Andreas Köpke sieht nach einem Foul an Wattenscheids Torjäger Marek Lesniak in Minute 69 die Rote Karte, zwei Minuten später wird beim Stand von 2:0 Guido Silberbach eingewechselt. Und der lässt sich kurz vor Schluss die Chance nicht entgehen, als ihm Lesniak den Ball serviert: Mit links versenkt er ihn trocken zum 4:1.

„Das kann mir keiner mehr nehmen“, sagt Guido Silberbach. Aber auch an sein erstes Tor kann er sich noch genau erinnern, der gebürtige Wanne-Eickeler schoss es in den Siebzigern für die E-Jugend des SC Röhlinghausen: „Wir spielen auf Asche, ich grätsche den Ball rein und ratsche mir dabei den ganzen Oberschenkel auf. Das hat gesuppt ohne Ende – aber er war drin!“

Die Gier aufs Toreschießen hat er sich bis heute erhalten. Anderen versagen beim Abschluss die Nerven, ihm fällt diese Übung leicht wie Angeln in einem Fass voller Fische. Auf die bemerkenswerte Quote von 462 Treffern in 796 Meisterschaftsspielen hat er es bisher gebracht, darüber führt er kleinlich genau Buch. „Ich bin eben fußballbekloppt“, sagt der Ruhrgebietsjunge. „Meine Familie hat darunter früher auch gelitten.“

Nicht jeder aus der Verwandtschaft fand es so richtig toll, dass er am Konfirmationstag seiner Tochter mittags verschwand. „Für drei Stunden konnte man doch mal auf mich verzichten“, sagt er. „Für mich gab es das nicht, ein Spiel sausen zu lassen. Für einen Geburtstag der Oma hätte ich nicht einmal ein Training abgesagt, egal in welcher Liga. Die Oma hat mir das übrigens nie krumm genommen.“

Künstliche Hüfte ist kein Hindernis

Seine eigene Kompromisslosigkeit vermisst er in der heutigen Spielergeneration. Wenn er den Jungs seine Einstellung empfiehlt, schauen sie ihn an, als hätte er sie dazu aufgefordert, auf der Achterbahn bei voller Fahrt den Sicherheitsbügel zu lösen. Cheftrainer will er deshalb nie werden.

Vor zwei Jahren wurde Guido Silberbach eine neue Hüfte eingesetzt. „Klar, dass der Arzt nicht gerade dazu geraten hat, weiter Fußball zu spielen“, sagt er. Aber Silberbach ohne Fußball ist wie Lindenberg ohne Hut. 800 Spiele wird er in Kürze geschafft haben, 500 Tore sind angepeilt. „Wenn die Knochen halten“, sagt er. Rot-Weiß Unna hat ihn schon angesprochen. Am Ostrand des Ruhrgebiets gibt es tatsächlich eine Kreisliga D.

 
 

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