Warum Klopps Abschied den BVB auch abseits des Rasens trifft

Es gibt nie, nie nie einen anderen Verein - für Jürgen Klopp gilt dies nicht mehr.
Es gibt nie, nie nie einen anderen Verein - für Jürgen Klopp gilt dies nicht mehr.
Foto: imago
In sieben Jahren ist Jürgen Klopp zum Gesicht des BVB geworden. Sein Abgang reißt eine enorme Lücke - aber bietet dem Verein auch neue Chancen.

Berlin/Dortmund.. Diese letzte Aufgabe war dann doch eine Nummer zu groß. "Natürlich wird es wie letztes Jahr mit einer Trauerfeier beginnen, bis Kloppo die richtigen Worte findet, um uns Aufschwung zu geben", sagte Neven Subotic nach der 1:3-Niederlage von Borussia Dortmund gegen den VfL Wolfsburg. "In den letzten Jahren hat er immer wieder die richtigen Worte gefunden."

In diesem Jahr aber hatte der letzte Auftritt von Jürgen Klopp selbst etwas von einem Trauerzeremoniell. Im schwarzen Anzug stand der BVB-Trainer auf der Bühne des Berliner Kraftwerks, wo sich Spieler, Verantwortliche, Mitarbeiter und Begleiter des Dortmunder Ballspielvereins Borussia versammelt hatten. Neben Klopp seine beiden Co-Trainer, Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke, BVB-Präsident Reinhard Rauball und der ebenfalls scheidende Sebastian Kehl, allesamt schwarz gekleidet und mit betretenen Mienen.

Sie alle erlebten, was man so vom Dortmunder Trainer noch nicht erlebt hat: wie er nach Worten rang, wie er krächzte: "Das ist jetzt mit die schwerste Aufgabe, die ich bisher zu bewältigen hatte." Alle Gedanken an den Abschied, die der Trainer bis dahin immer weggeschoben hatte, um sich auf dieses letzte Finale konzentrieren zu können - all diese Gedanken schienen nun über ihn hereinzubrechen. "Ich habe heute gemerkt, das Ganze ist mir echt schwer gefallen", so Klopp. "Heute habe ich die Jungs im Arm gehabt und das war Abschied. Hart. Ehrlich. Richtig hart."

Klopp war der BVB und der BVB war Klopp

Hatte Klopp im Vorjahr noch mit einer fulminanten Ansprache die Pokalniederlage für die versammelten BVB-Begleiter etwas erträglicher gemacht, war nun der Schmerz eher größer, als der Trainer zum vorerst letzten Mal nach sieben Jahren von der Bühne abtrat. Er hatte die Stimmung nicht drehen können. Aber auch dieser Auftritt zeigte, wie sehr beim BVB alles auf diesen Mann zugeschnitten ist, von dem man sogar erwartet, dass er noch die Partys rettet. Selten hat man im deutschen Fußball eine derart perfekte Symbiose zwischen Trainer und Verein erlebt, Klopp war der BVB und der BVB war Klopp. In der Außendarstellung verschmolzen beide in den sieben gemeinsamen Jahren immer mehr zu einem.

Für die BVB-Marketing-Experten war der gebürtige Schwabe ein Glücksfall. Der BVB-Claim von der "echten Liebe" funktioniert nur deswegen so gut, weil der Trainer Klopp all das zu verkörpern schien, was dahinter stecken soll: Leidenschaft, Bodenständigkeit und ein wuchtiger, mitreißender, etwas archaischer Fußball. Klopp wurde mit seiner Art und seiner Spielweise zum Liebling der Fußball-Romantiker und damit auch im Mutterland des Fußballs populär. Als "The worlds hippest coach" feierte ihn die englische Presse und den BVB als das heißeste Fußballprojekt Europas.

Thomas Tuchel ist ein anderer Typ

Wer soll diese Rolle künftig übernehmen, das Image des BVB über die Grenzen Deutschlands hinaus verkörpern? Sein Nachfolger Thomas Tuchel, soviel ist schon jetzt klar, ist ein anderer Typ. Auch Tuchel ist ein leidenschaftlicher Trainer an der Seitenlinie, der zudem sehr gerne seinen Fußball erklärt - ohne dies aber derart versiert in Pointen und griffige Sätze zu verpacken wie der große Menschenfischer Klopp. Tuchels Auftritt ist akademischer, nüchterner.

Rein sportlich muss das für den BVB nichts Schlechtes bedeuten. Auch der Auftritt im Pokalfinale zeigte nämlich wieder, warum der BVB in dieser Spielzeit eben nicht mehr die zweitbeste deutsche Mannschaft war. Natürlich, man spielte ordentlich mit, hatte durchaus auch Chancen und hätte auch gewinnen können. Doch hinten machte man wieder einmal zu viele Fehler und vorne fehlte die Durchschlagskraft. Es fehlte wieder einmal jene Wucht, jene Dynamik, mit der man noch vor drei Jahren an gleicher Stelle den FC Bayern mit 5:2 in Grund und Boden gerannt und gespielt hatte. "Insgesamt haben wir gut mitgespielt, aber sowohl hinten als auch vorne war Wolfsburg ein wenig robuster und konsequenter in den entscheidenden Situationen", analysierte Sportdirektor Michael Zorc.

Klopp machte sich mit seiner Aufstellung angreifbar

Dass er diese Mängel das ganze Jahr über nicht abstellen konnte, machen sie Klopp durchaus zum Vorwurf in Dortmund - zudem sich der Trainer auch mit seiner Aufstellung angreifbar machte: In Sokratis und Sven Bender ließ er zwei Spieler auf der Bank, die die so arg vermisste Robustheit und Konsequenz geradezu perfekt verkörpern, brachte statt dessen den zuletzt oft unsicheren Neven Subotic und den scheidenden Kehl, dem inzwischen der letzte Ticken an Tempo und Dynamik fehlen.

Unter Nachfolger Tuchel fängt es für alle wieder bei Null an - und im Verein ist zu spüren, wie die Vorfreude immer stärker wächst. Darauf, dass der Blick nicht mehr so oft nostalgisch auf vergangene Erfolge, sondern auf ein neues Projekt gerichtet wird. Auf einen neuen Fußball, neue Impulse, eine neue Herangehensweise und wohl auch den einen oder anderen neuen Spieler. Und sollte dies den BVB wieder in höhere Tabellenregionen befördern, wären wohl auch die Marketing-Fachleute versöhnt - denn langfristig ist Erfolg noch immer das beste Mittel, einen Verein vernünftig zu vermarkten.

 
 

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