Deutschland – Peru: Joachim Löw will DFB-Talente einbauen – dieser Youngster steht dabei besonders im Fokus

Kai Havertz zählt zu den neuen Hoffnungsträgern im DFB-Team.
Kai Havertz zählt zu den neuen Hoffnungsträgern im DFB-Team.
Foto: imago
  • Verwende deine Jugend
  • Beim Test gegen Peru will Bundestrainer Löw neue Talente einbauen
  • Im Fokus: der Leverkusener Kai Havertz

Sinsheim. Wenn Kai Havertz mal die oft enge Welt des Fußballs verlassen und die Gedanken in andere Richtungen lenken will, setzt er sich ans Klavier. Er spielt dann Lieder aus dem Nuller-Jahre-Filmklassiker „Die fabelhafte Welt der Amelie“. Und wenn es irgendwo hakt, schaut sich der 19-Jährige auf Youtube an, wie er es besser machen kann. Kai Havertz, das darf man so sagen, ist ein durchaus ungewöhnlicher, junger Fußballprofi im Social-Media-Zeitalter. Und das hat nun auch Joachim Löw bemerkt.

Es ist bekannt, dass der Bundestrainer selbst ein Mensch ist, der Sinn für Schönes besitzt. Noch mehr aber ist der 58-Jährige ein Mensch, der einen Sinn für Spieler hat, die eigene Lösungen suchen, wenn es Probleme gibt. Und da ist ihm der Leverkusener Havertz im Training der deutschen Nationalelf gerade positiv aufgefallen.

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Löw hat den Mittelfeldspieler erstmals für die DFB-Auswahl nominiert. Und nachdem beim 0:0 gegen Frankreich in der neu gegründeten Nations League am Donnerstag noch die Arrivierten um Toni Kroos, Thomas Müller und Mats Hummels für einen Stimmungswandel nach der WM-Tristesse sorgen sollten, wird Löw nun beim Testspiel gegen Peru an diesem Sonntag (20.45 Uhr/RTL) neues Personal ausprobieren. „Wahrscheinlich wird der ein oder andere Junge jetzt von Anfang an eine Möglichkeit bekommen“, verriet der Bundestrainer.

Sané aus privaten Gründen abgereist

Der gebürtige Berliner und ehemalige Herthaner Nico Schulz ist mit 25 zwar nicht mehr ganz jung, dürfte in seinem aktuellen Heimstadion der TSG Hoffenheim aber eine Chance erhalten, sich als Linksverteidiger zu beweisen. Ob auch der Abwehrspieler Thilo Kehrer (21) von Paris St. Germain startet, neben Havertz und Schulz der dritte Neuling im DFB-Kader, ist fraglich. Sehr wahrscheinlich aber wird Julian Brandt, mit 22 Jahren durchaus noch als „jung“ zu bezeichnen, auf den Flügel beginnen. Vielleicht auch Niklas Süle (23) im Abwehrzentrum. Leroy Sané (22) hingegen, der ebenfalls gute Chancen auf einen Startelfeinsatz gehabt hätte, ist „aus privaten Gründen“ am Freitag von der Nationalelf abgereist: Er ist Vater geworden.

„Verwende deine Jugend“, sagt sich Löw gerade. Denn es gilt ja nicht nur kurzfristig nach dem Totalschaden von Russland wieder Erfolg zu haben, sondern für die Zukunft vorzusorgen. Das betrifft nicht nur die EM 2020, sondern auch die WM 2022. Dass Havertz bei dieser Zukunft eine Rolle spielen wird, ist ziemlich wahrscheinlich.

„Kai hat mich im Training wirklich überzeugt. Er hat eine unglaubliche Spielintelligenz und Technik. Er spielt mit aller Ruhe auf engstem Raum Pässe“, sagte Löw. Im Mittelfeldgetümmel, wo Raum und Zeit begrenzte Güter sind, kann sich Havertz behaupten. Er ist passsicher, wendig, aber auch robust genug, sich durchzusetzen. Beim 19-Jährigen hat Löw den Eindruck gewonnen, es hier mit einem Frühreifen zu tun zu haben: „Für sein junges Alter hat er auf dem Platz eine Präsenz, das gefällt mir gut. Er ist einer der talentiertesten Spieler, den wir überhaupt haben“, sagte der Bundestrainer.

Ehrung für Havertz

Ein Gewinner ist Havertz am Sonntag ohnehin. Er wird vor dem Spiel gegen Peru mit der goldenen Fritz-Walter-Medaille des Jahrgangs U19 geehrt, die Auszeichnung für die deutschlandweit besten Nachwuchsspieler des Jahres. Der Herthaner Arne Maier, mit dem Havertz in U-Nationalteam zusammen spielte und befreundet ist, erhält die Medaille in Silber. Ist derzeit überall die Rede vom Ende des Talentestroms im deutschen Fußball – und das zu Recht –, sind Spieler wie Havertz, Maier und auch Kehrer die Ausnahme.

Besonders Havertz war seinen Altersgenossen stets voraus. Schon in früher Jugend übersprang er bei seinem Heimatklub Alemannia Mariadorf zwei Jahrgänge. Über Alemannia Aachen kam er zu Bayer Leverkusen, deren U17-Auswahl er zur deutschen Meisterschaft führte. Wieder nahm er mehrere Karrierestufen auf einmal und wurde im November 2016 der jüngste Startelfdebütant in Leverkusens Vereinsgeschichte, als er gerade erst zur A-Jugend aufgerückt war. Mit 18 Jahren und 307 Tagen ist Havertz der jüngste Spieler in der Geschichte, der 50 Bundesliga-Einsätze verbuchen konnte. Aktuell steht er bei 56 Spielen.

Für Löw besteht der Vorteil darin, dass er mit Havertz eigentlich mehrere Spieler in einem hat. Bei Bayer spielte er im Mittelfeld bereits auf jeder Position: auf der Sechs, der Acht, der Zehn, Links- sowie Rechtsaußen. Auch als hängende Angriffsspitze lief Havertz schon auf. Mit seiner Lernfähigkeit und Flexibilität ist er dem Münchner Mittelfeldallrounder Leon Goretzka ähnlich. Auch der war ein Frühreifer und debütierte bereits mit 16 beim VfL Bochum in der Zweiten Liga. Havertz allerdings hat in jungen Jahren schon Champions-League-Erfahrung, für Löw die ultimative Reifeprüfung. Mit sieben Toren und 15 Vorlagen in der Liga ist er zudem torgefährlich.

Nun ist die Offensive gefragt

Und darauf wird es nun ankommen. Nachdem gegen Frankreich zunächst eine kompakte Defensivleistung notwendig war, wird gegen Peru wieder mehr Offensive gefragt sein. In den acht Länderspielen 2018 gelangen Löws Team lediglich sechs Treffer. Gegen tiefer stehende Gegner wie die Südamerikaner werde es auch darum gehen müssen, vorn wieder mehr Lösungen zu finden, sagte Löw. Kai Havertz ist ein Spieler, der sich gern eigene sucht.

 
 

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