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Das neue Leben des Wolfram Wuttke

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Der frühere Schalker und Gladbacher Wolfram Wuttke war ein Genie am Ball. Nach schwerer Krankheit geht es ihm gesundheitlich wieder gut. Heute schaut er sich das Spiel seiner ehemaligen Vereine am Fernseher an.

Selm. 

Samstags nachmittags trifft sich Wolfram Wuttke mit Freunden in der Nachbarschaft in Selm, wo das Ruhrgebiet ins Münsterland übergeht. Im Fernsehen läuft die Bundesliga, die Runde macht es sich zünftig-gemütlich: Zum Bierchen gibt es Bockwurst mit Kartoffelsalat.

Sonntags nachmittags kommt es vor, dass Wolfram Wuttke mit den deutschen Biathleten fiebert. „Dafür kann ich mich total begeistern“, erzählt er. „Und Tennisfan bin ich auch.“

TV-Sport weckt die alte Leidenschaft in ihm – und ist doch nur das Ersatzprogramm, nie die Befriedigung. Denn am liebsten wäre Wolfram Wuttke noch mittendrin, wie früher, als er Freistöße mit dem Spann aufs Tor pfefferte oder Pässe mit dem Außenrist schlug. „Manchmal zuckt im Sessel das Bein noch nach vorne“, sagt er. „Kein Wunder.“

„Geile Zeit“ bei Espanyol Barcelona

50 ist er mittlerweile, und wer ihn einige Jahre nicht sah, erkennt ihn zuerst an der Stimme wieder. Die Haare sind grau geworden, der markante schwarze Schnäuzer ist verschwunden, und ein paar Kilo, die sich durch fehlende Bewegung angesammelt haben, wäre er auch gerne los. „Die Hüfte“, sagt er. „Ohne Schmerzen kann ich nicht mehr schießen.“ Vor wenigen Jahren noch war er eine Attraktion bei Prominentenspielen, heute könnte er nicht einmal mehr die Altherrenmannschaft in seinem Dorf unterstützen.

Es ist still geworden um den früheren Ballkünstler, dazu passt auch der Ort, in dem er seit fast 20 Jahren lebt. Selm ist ländliche Heimat, aber nicht gerade große Welt für einen, der mal für Espanyol Barcelona spielte und in einer Villengegend wohnte, als Nachbar der Barca-Superstars Laudrup, Stoichkov und Zubizarreta. „Das war eine geile Zeit in einer geilen Stadt“, schwärmt Wolfram Wuttke. „Ein ganz anderes Leben.“

In Spanien haben ihn die Fans geliebt. Weil er ihnen besondere Momente schenken, weil er Fußball zelebrieren konnte. In Deutschland hatte das Bild von ihm auch eine dunkle Seite. Wuttke war ein Typ, ein kleines Kraftwerk, das geniale Ideen produzierte. Aber er stand sich häufig selbst im Weg, wenn ihn schon kein Verteidiger aufhalten konnte. Er war aufbrausend, direkt, frech, respektlos, die Diplomatenschule hatte er nie besucht. „Ich hätte öfter mal die Klappe halten sollen“, meint er heute.

Das Pech kam in Serie

Er steht zu dem, was er zu verantworten hat. „Natürlich sind vier Länderspiele für mich zu wenig“, bestätigt er. „Mein Dickkopp hat mich sicher einige gekostet.“

An diesem Samstag trifft Mönchengladbach auf Schalke, das waren seine ersten beiden Klubs in der Bundesliga. „Beide spielen einen prima Fußball“, meint er, den Sieg aber gönnt er den Schalkern: „Da bin ja aufgewachsen.“

In Gladbach begann er damit, seinen Ruf zu zementieren. Der disziplinbesessene Jungtrainer Jupp Heynckes und der flapsige Jungprofi Wolfram Wuttke passten so gut zueinander wie ein Bibliothekar und ein Marktschreier. Heynckes verlangte für fünfhundert Gramm Übergewicht fünfhundert Mark Strafe, Wuttke bot an, tausend zu geben, um sich die Prozedur künftig ersparen zu können. Heynckes glühte rot, Wuttke taufte ihn Osram. Legendär.

In Hamburg traf er auf den großen Grantler Ernst Happel. „Für den war ich entweder der Zauberer oder der Arsch, und am Schluss nur noch der Arsch.“ Der Neue hatte einen schweren Stand in der topbesetzten Europacupsieger-Mannschaft von 1983: „Der Magath hat mich immer angemacht, das war der unsympathischste Mitspieler, den ich je hatte. Der meinte damals schon, er hätte den Fußball erfunden.“

Zum Nationalspieler stieg Wuttke erst unter Hannes Bongartz in Kaiserslautern auf, in diese Zeit fällt auch sein größter Erfolg: der Gewinn der Bronzemedaille mit der Olympiamannschaft bei den Spielen 1988 in Seoul. „Ich behaupte, wir waren damals besser als die A-Nationalelf, wir hatten Häßler, Klinsmann, Mill, eine tolle Mannschaft. Olympia war das schönste Erlebnis meiner Karriere.“

Sportinvalide nach einem Schulterbruch

Einer Karriere, die 1993 wegen eines Schulterbruchs abrupt mit der Sportinvalidität endete. Danach ging fast alles schief, was schief gehen konnte. Die Ehe scheiterte, ein Sportgeschäft führte in ein finanzielles Fiasko, und zu allem Unglück erkrankte er im Jahr 2000 auch noch an Brustkrebs. Chemotherapie, Ängste, Antriebslosigkeit – das ganze üble Programm. Als er es mit Hilfe seiner neuen Lebensgefährtin überstanden hatte, zog er sich auf dem Tennisplatz zuerst einen Achillessehnenriss und später einen Mittelfußbruch zu.

2008 versuchte er einen Neustart, über Beziehungen stieg er als Trainer beim TSV Crailsheim in der Oberliga Baden-Württemberg ein. Nach knapp einem Jahr war Schluss: „Der Sponsor wollte sich in die Aufstellung einmischen.“

Heute stellt Wolfram Wuttke erleichtert fest: „Gesundheitlich geht es mir gut.“ Glück­lich aber wäre er erst, wenn er wieder einen Trainerjob hätte, am liebsten bei einem ambitionierten Amateurklub im Westen. „Fußball war doch immer Teil meines Lebens“, sagt er, es klingt sehnsüchtig. Sehr sehnsüchtig.