Confed-Cup: Wehe, diese DFB-Elf gewinnt das Turnier

Man achte mal auf den einen Spieler, der rechts vorneweg läuft: Da hat man nicht den Eindruck. dass Leon Goretzka das Training der Nationalelf in Sotschi wie einen Ausflug nach Disneyland ansieht.
Man achte mal auf den einen Spieler, der rechts vorneweg läuft: Da hat man nicht den Eindruck. dass Leon Goretzka das Training der Nationalelf in Sotschi wie einen Ausflug nach Disneyland ansieht.
Foto: GES

Sotschi.  Lars Stindl hat gute Karten, beim deutschen Auftakt zum Confed-Cup gegen Australien an diesem Montag (17 Uhr /ZDF live ) auf dem Rasen zu stehen. Der Gladbacher ist ein Verbindungsmann zwischen Mittelfeld und Angriff, einer von der Spezies „Halbstürmer“, der die Gabe hat, sich unangenehmen Zweikämpfen mit schlauen Laufwegen zu entziehen – und trotzdem torgefährlich zu sein.

Das Unterfangen in Russland aber hat der 28-Jährige leider falsch verstanden.

„Jeder Spieler möchte einen guten Eindruck hinterlassen“, sagt Stindl auf die Frage nach dem internen Konkurrenzkampf in der von Weltmeistern ausgedünnten B-Nationalelf. „Aber insgesamt geht es ja erst mal um ein erfolgreiches Turnier.“

Das Abschneiden bei diesem Kräftemessen könnte Bundestrainer Joachim Löw jedoch kaum weniger interessieren. Ihn treibt das kommende um: die WM 2018, für die er „drei oder vier, vielleicht sogar fünf“ Kandidaten finden will.

Als Spätberufener gilt Stindl nicht als erster Aspirant. Aber was passiert, wenn der Angreifer nun plötzlich mit seiner Mannschaft, verrückter Gedanke, den Titel der Probe-WM gewinnt? Wenn dieses zusammengewürfelte Team aus Gelegenheitsnationalspielern und Perspektivprofis groß auftrumpft? Bekommt Löw dann ein Problem, weil er viel mehr brauchbare Leute hat, als er mitnehmen kann?

Löw mag Konkurrenzkampf

Der 57-Jährige selbst würde entschieden behaupten: nein. Trainer mögen Konkurrenz-Situationen, weil sie die Beine und Köpfe in Bewegung halten.

Aber sie müssen sie auch fürchten, weil ihnen das Potenzial zu atmosphärischen Störungen in der Gruppe immanent ist. Löw weiß das aus eigener Anschauung.

Bei der WM 2014 soll er sich auch auf Druck von Sami Khedira ab dem Viertelfinale dazu entschlossen haben, Philipp Lahm aus dem zentralen Mittelfeld (Khediras Revier) zurück auf die rechte Abwehrseite (nicht Khediras Revier) zu beordern, obwohl Lahm selbst das nicht wollte. Es soll geknistert haben.

Goretzka im Khedira-Revier

Khedira hat ein nicht zu unterschätzendes politisches Talent. Und nun stelle man sich mal vor, dass dem Platzhirsch einer wie Leon Goretzka den Rang ablaufen will. Der 22-jährige Schalker ist im Grunde eine Khedira-Ausführung in Jung.

Sein Zug zum Tor, seine strategischen Qualitäten, das kann Löw im Erfolgsfall beim Confed-Cup besichtigen. Der königsblaue Stratege ist eine der spannendsten Personalien im B-Nationalteam.

Khediras Position könnte ein starker Goretzka-Auftritt beim Confed-Cup schwächen, und dem wird es sicher nicht gefallen, wenn er sich bei der WM um seinen Platz zanken muss.

Neben Goretzka gibt es in der improvisierten Garde beim Confed-Cup noch andere Spieler, denen man zutrauen darf, richtige Konkurrenzkämpfer beim Weltmeister zu werden: Der Bald-Münchener Niklas Süle zum Beispiel, der zwar aussieht wie ein Junge im Körper eines Eisenbiegers, aber mit etwas Disziplin und Erfahrung ein ziemlich guter Verteidiger samt eines ziemlich guten Passspiels werden könnte.

Dessen avisiertes Revier gehört bisher Mats Hummels und Jerome Boateng. Beide sind nicht bekannt dafür, gern Platz zu machen.

Weiter vorn findet man dann vor allem den hochveranlagten Timo Werner, der in der abgelaufenen Bundesliga-Saison bei RB Leipzig an fast 30 Toren direkt beteiligt war (21 Treffer, acht Assists).

„Er hat eine sehr gute Entwicklung genommen. Jetzt hoffen wir, dass er uns hier helfen kann“, sagt Stindl über den Stürmer. Einen Typen wie Werner, der über die Geschwindigkeit kommt und trotzdem sehr abschlussstark ist, hat Löw sonst nicht im Repertoire, wenn man mal Marco Reus beiseite lässt, mit dem ob seiner Verletzungsanfälligkeit schwer zu planen ist.

Spanien hatte eine Ära geprägt

Löw hat zuletzt darauf verwiesen, dass es quasi eine Erneuerungspflicht für seine Elf bis zur WM gebe. Und er hat dafür das Beispiel der Spanier angeführt, die 2010 Weltmeister wurden, um 2014 mit fast derselben Mannschaft in der Vorrunde auszuscheiden.

Was Löw vergisst: Spanien hatte vor dem Absturz eine Ära geprägt, von 2008 bis 2012 drei große Titel geholt, und ohne radikalen Personalwandel.

Vielleicht regeln sich die Dinge am Ende auch ganz von allein. Deutschland könnte beim Confed-Cup prächtig scheitern, Spieler könnten sich bis zur WM verletzen oder im Leistungstief verirren.

Und dann gibt es die Möglichkeit, dass einer aus dem Halbraum der öffentlichen Wahrnehmung dort auftaucht, wo ein guter Mann sein muss: im Flieger nach Russland 2018. Goretzka zum Beispiel.

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