Zwei Wechsel bringen dem BVB in München die Wende

Sebastian Weßling
Mit ihm kam die Wende: Henrikh Mkhitaryan, hier gegen Bayern-Star Xabi Alonso, belebte das Dortmunder Spiel beim Pokalfight in München nach seiner Einwechslung.
Mit ihm kam die Wende: Henrikh Mkhitaryan, hier gegen Bayern-Star Xabi Alonso, belebte das Dortmunder Spiel beim Pokalfight in München nach seiner Einwechslung.
Foto: Getty Images
Lange war der BVB beim DFB-Pokal-Halbfinale in München hoffnungslos unterlegen. Erst als Mkhitaryan eingewechselt wurden, wurde es besser.

München. Es war deutlich nach Mitternacht, als auch der Kapitän kurzzeitig die Fassung verlor. Aus dem Kabinengang der Münchner Arena war zunächst immer lauter werdendes Basswummern zu hören, dann trat Pierre-Emerick Aubameyang um die Ecke, in der Hand einen portablen Lautsprecher, aus dem "Push the feeling on" von den Nightcrawlers ertönte. Auf dem Rücken trug der Gabuner einen mit Stacheln besetzten Rucksack und auch ansonsten war er extravagant wie immer gekleidet. An seiner Seite zog Marco Reus in Richtung Mannschaftsbus. Und Mats Hummels, der gerade einem Fernsehsender ein Interview gab, als das Duo in seinem Rücken vorbeistolzierte, konnte nicht anders als laut loszulachen.

"Ich weiß nicht, wann mein Puls wieder normal wird und wann man wieder zu einem Menschen wird, der normal fühlt und denkt", hatte zuvor an gleicher Stelle Reinhard Rauball gesagt, Präsident von Borussia Dortmund. Er sagte es in gewohnt ruhigem Ton, doch es waren erstaunlich euphorische Worte für diesen sonst so betont nüchternen Westfalen. Ein Abend, ein Spiel, in großes Ziel, das in Dortmund große Emotionen weckt.

BVB über 70 Minuten kaum im Spiel

Dass man beim BVB zu Euphorie Anlass haben würde, war während dieses DFB-Pokalhalb-Finales beim FC Bayern München lange nicht zu erwarten gewesen. Zu sehr hatten die Münchner über 70 Minuten die Partie beherrscht, hatten den BVB kaum ins Spiel kommen lassen. Dass es am Ende 3:1 nach Elfmeterschießen für die Dortmunder stand, musste den Hausherren wie ein schlechter Witz vorkommen.

Beide Seiten hatten die Partie eher vorsichtig begonnen. BVB-Trainer Jürgen Klopp stärkte sein defensives Mittelfeld, neben dem halblinken Ilkay Gündogan und dem zentralen Sven Bender übernahm Jakub Blaszczykowski den Part auf halbrechts. Davor postierten sich Pierre-Emerick Aubameyang, Shinji Kagawa und Marco Reus zwar weit in der gegnerischen Hälfte, wenn die Bayern in Ballbesitz waren - ohne den Gegner aber mit höchster Intensität anzulaufen. Und weil auch die Bayern zunächst auf Sicherheit bedacht waren, zirkulierte der Ball vornehmlich zwischen den Münchner Abwehrspielern und Mittelfeldspieler Xabi Alonso.

Erik Durm hat Mühe mit Juan Bernat

Nach und nach gelang es den Bayern aber, das Spiel weiter in die gegnerische Hälfte zu verlagern und es zeigten sich die Nachteile der Dortmunder Formation - gerade auf der rechten Seite: Jakub Blaszczykowski war durch die zentralere Position seiner größten Stärke, seiner Dynamik, beraubt. Und wenn die Münchner mal schnell die Seiten verlagerten, fehlte Rechtsverteidiger Erik Durm die Unterstützung gegen den starken Juan Bernat, ein ums andere Mal hatte er das Nachsehen. Marcel Schmelzer kam auf der anderen Seite gelegentlich in ähnliche Schwierigkeiten, hatte dabei aber das Glück, dass er es lediglich mit dem zwar talentierten, aber keineswegs überragenden Mitchell Weiser zu tun bekam.

Bayern bestimmte das Spiel, Dortmund kam kaum zur Entfaltung - und folgerichtig fiel das 1:0: Der schwache Shinji Kagawa spielte bei einer von zwei aussichtsreichen Kontersituationen in Durchgang eins einen Fehlpass genau auf Mehdi Benatia, der schlug den Ball lang auf den durchstartenden Lewandowski, der wiederum im Nachschuss die Führung erzielte (30.). "Das Tor hätte natürlich so nicht unbedingt fallen müssen", ärgerte sich BVB-Trainer Jürgen Klopp - gab aber auch zu, dass die Münchner Führung zu diesem Zeitpunkt hochverdient war. Der Plan von Bayern-Trainer Pep Guardiola, er war zu diesem Zeitpunkt deutlich besser aufgegangen.

Langerak hält die Borussia im Spiel

"Wir haben keine gute erste Halbzeit gespielt, danach wurde es noch schlechter und bis zur 70. Minute war das Beste, dass wir nur 0:1 zurücklagen", monierte Sportdirektor Michael Zorc. Tatsächlich schien es nur eine Frage der Zeit, bis die Bayern den Vorsprung vergrößern würden - und es war Ersatztorhüter Mitch Langerak, der den BVB mit starken Paraden gegen Müller (48.) und Thiago (57.) im Spiel hielt. Seine Vorderleute agierten mutlos, ideenlos, lieferten allzu oft nur Geleitschutz, statt aggressiv zu attackieren. Des Trainers Ankündigung, man sei auf Krawall gebürstet, straften sie in den ersten 70 Minuten Lügen. Und hätte Schiedsrichter Peter Gagelmann den Bayern nach Schmelzers Handspiel nicht den dringend fälligen Strafstoß verweigert (56.), wäre die Partie wohl entschieden gewesen.

Dass sie überhaupt noch einmal kippte, hatte aber vor allem mit zwei Personalien zu tun: Bayern-Trainer Pep Guardiola musste den bärenstarken, aber angeschlagenen Thiago auswechseln - mit dem traumwandlerisch scheren Münchner Ballbesitzspiel war es bald darauf vorbei. BVB-Coach Klopp nahm Kagawa vom Platz, brachte Henrikh Mkhitaryan (70.) und stellte außerdem um auf das gewohnte 4-2-3-1-System.

Die Dortmunder bekamen in der Folge immer besser Zugriff auf den - allerdings schwächer werdenden - Gegner und entdeckten endlich ihren schon verloren geglaubten Zug zum Tor. Mkhitaryan gab dem Angriffsspiel in wenigen Minuten mehr Impulse, als es Kagawa über seine 70 Minuten Einsatzdauer vermocht hatte. Auch den Ausgleich bereitete der Armenier vor, als er den Ball im Strafraum mit viel Übersicht auf Aubameyang querlegte (78.).

BVB-Präsident Rauball lobt Charakter der Mannschaft

"Wir sind gut zurückgekommen, haben das gezeigt, was wir an Charakter haben, was wir an Stärke haben, was wir an Bereitschaft und Willen haben", lobte BVB-Präsident Rauball. "Ab der 60. hatten wir das Spiel unter Kontrolle und haben wirklich gute Chancen herausgespielt", ergänzte Kapitän Hummels.

Tatsächlich waren es nun die Bayern, die sich bei ihrem Torhüter bedanken mussten, dass sie es in die Verlängerung schafften, besonders den Flachschuss des bis zur Schlussphase weitgehend abgetauchten Marco Reus gegen die Laufrichtung hielt Manuel Neuer stark (82.). "Ab der 70. Minute haben wir es langsam verdient, als Sieger vom Platz zu gehen", sagte Trainer Klopp - wenngleich es in der Verlängerung wieder die Hausherren waren, die das Heft in die Hand nahmen und durch Schweinsteigers Kopfball am starken Langerak scheiterten (115.).

"Es war eine Berg- und Talfahrt, die alles an Emotionen freigelegt hat", resümierte Rauball. "Wir sind ein glücklicher Gewinner, aber müssen uns dafür nicht schämen."