Watzke wäre auch mit Platz drei zufrieden

„Wir haben uns peu a peu den Erfolg erarbeitet“, sagt BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke im Interview. Fotos: Jakob Studnar/WAZFotoPool
„Wir haben uns peu a peu den Erfolg erarbeitet“, sagt BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke im Interview. Fotos: Jakob Studnar/WAZFotoPool

Dortmund. BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke spricht im Interview über Romantik im Fußball, finanzielles Augenmaß und unerreichbare Bayern - und verrät, warum auch Platz drei am Saisonende in Ordnung wäre.

Hans-Joachim Watzke, seit 2005 Vorsitzender der Geschäftsführung der Borussia Dortmund KGaA, nimmt im „Raum Borsigplatz“ der Geschäftsstelle des Tabellenführers Platz. Hinter dem 51-jährigen BVB-Boss hängt eine historische Aufnahme des Ortes, an dem die Borussen Titel feiern. Auch am 14. Mai?

Sie fahren eine teure S-Klasse von Mercedes-Benz. Edles Auto, nur der simple BVB-Aufkleber wirkt mit Verlaub etwas deplatziert.

Hans-Joachim Watzke: Ich wüsste nicht, was da simpel oder deplatziert sein sollte. Ich bin BVB-Fan und bekenne mich dazu.

Und selbsternannter Fußball-Romantiker. Kann man im Business mit Romantik arbeiten?

Watzke: Wenn du nur romantisch bist, funktioniert das sicher nicht. Aber es geht um meine romantische Vorstellung, dass elf Spieler zusammenhalten, die dann zusammen etwas bewegen und mehr Erfolg haben können als elf Spieler, deren individuelle Klasse höher ist. Das hat Otto Rehhagel mit Kaiserslautern und Griechenland bewiesen, und das versuchen wir jetzt hinzukriegen. Man darf Romantik allerdings nicht mir Blauäugigkeit verwechseln. Ich bin romantisch, aber keineswegs sentimental.

Lautern und Griechenland waren einzelne Momente.

Watzke: Die Beispiele mögen hinken. Aber Rehhagel-Mannschaften zeichnet ein gutes Klima und Einigkeit aus. Das hilft, das leben wir beim BVB auch vor. Diese zarte Pflanze wollen wir hegen und pflegen, damit sie nicht gleich wieder verdorrt. Das ist ambitioniert, klar. Aber ich sehe nicht, dass das gefährdet wäre.

Ihr Gegner am Samstag, der VfL Wolfsburg, wurde 2009 Meister. Dann ging es abwärts...

Watzke: Wolfsburg und Dortmund kann man nicht vergleichen, nicht von der Struktur, und vom Geld her sowieso nicht. Stuttgart in der Meistersaison 2007 würde eher passen. Aber es gibt doch keinen Automatismus, dass Spieler immer zu anderen Klubs wechseln. Der BVB ist als Gesamtpaket nicht so leicht zu schlagen. Klar, es wird mal einer gehen, aber dann müssen wir das Selbstbewusstsein haben, einen neuen zu präsentieren. Das wird nicht immer so klappen wie die letzten zwei Jahre, aber wir werden unseren Weg weiter gehen.

Meister Stuttgart wurde damals in der Champions League böse vorgeführt. Muss der BVB neue Spieler holen?

Watzke: Zunächst einmal sind wir längst nicht in der Champions League. Allerdings habe ich es nie verstanden, warum eine Mannschaft, die sich für die Champions League qualifiziert, dann nicht auch dort bestehen soll. Das ist einer der größten Irrtümer überhaupt.

Also muss der BVB nicht personell aufrüsten?

Watzke: Viele Klubs, auch einer in unserer Nähe, haben ihr Pulver auf dem Weg in die Champions League verschossen, und müssen das mit dem Geld aus dem Wettbewerb refinanzieren. Beim BVB ist das nicht so. Die Einnahmen würden uns komplett zur Verfügung stehen. Wir haben eine sehr gute Altersstruktur, müssen nicht unbedingt was machen. Eine Feinjustierung im Kader ist möglich, aber nicht nötig. Wir werden wirtschaftlich nicht in die Vollen gehen, definitiv keine neuen Schulden machen.

Der BVB ist nach Ihren Worten eine „finanzielle Mittelmacht“. Wo ist da das Ende der Fahnenstange?

Watzke: Die Bayern kann keiner erreichen, einfach unmöglich. Wenn wir es in den nächsten fünf Jahren gut machen, können wir sicher wieder etwas größer werden, unter die Top-5 kommen. Das ist möglich, aber auch nicht viel mehr. Du hast Bayern, dann kommen Wolfsburg und Leverkusen, die kraft ihrer Konzerne in einer anderen Liga spielen, und Hoffenheim. Die haben deutlich bessere wirtschaftliche Möglichkeiten. Danach können wir sicher mit Klubs wie Schalke und Hamburg mithalten. Wobei wir nun wieder wirtschaftliche Stabilität aufweisen, das spricht dann im Vergleich sicher für uns.

Wenn sie über die Werksklubs Wolfsburg und Leverkusen sprechen, klingt das immer etwas beleidigt…

Watzke: Das interpretieren Sie falsch. Beleidigt sein ist kein Charakterzug von mir. Ich muss nur unsere vier Millionen Fans auf eine realistische Erwartungshaltung einschwören. Die sehen erst mal nur, dass Wolfsburg ein Stadion für lediglich 30.000 Zuschauer hat, die meistens nicht mal da sind. Dahinter stecken aber durch den Konzern VW unglaubliche finanzielle Möglichkeiten. Wenn ein Dax-Konzern wie VW richtig will, dann wird es für die Konkurrenz extrem schwer. Wenn du in der Formel 1 bist und hinterherfährst, dann musst du auch sagen dürfen, dass der Gegner mit 500 PS fährt und du nur 200 hast.

Die Kommerzialisierung des Fußballs aber hat der BVB mit seinem Börsengang 2000 maßgeblich befördert.

Watzke: Dass wir börsennotiert sind, ist nicht mehr zu ändern. Jeder holt sich jemanden ins Boot, und das ist ja auch legitim. Aber, der Unterschied ist: Wir sind heute Herr im eigenen Haus. Hier in diesen Mauern fallen die Entscheidungen, die von keinem anderen überstimmt werden können.

Vor sechs Jahren musste sich der BVB noch auf den dubiosen Finanz-Jongleur Florian Homm verlassen.

Watzke: Ja, das stimmt. Die Situation war nicht immer so, wie sie jetzt ist. Aber es war vor meiner Zeit. Dafür kann ich nicht verantwortlich gemacht werden.

Aber auch in der Watzke-Zeit lief nicht alles perfekt.

Watzke: Stimmt, wir hatten ein sehr schwieriges Jahr, 2007. Aber immerhin haben wir die Phase dazu genutzt, uns eine glasklare Philosophie aufzuschreiben. Ein Beispiel: Wir haben 2007 Robert Kovac verpflichtet und dann 2008 Neven Subotic. Es ist ja eine Legende, eine Mär, dass das alles der wirtschaftlichen Lage geschuldet war. Wir wussten aber schon 2007, dass hier auch 2010 kein Geld vom Himmel regnet.

Und wie wichtig ist der Trainer?

Watzke: Jürgen Klopp war der Baustein, der uns noch fehlte. Ohne jemanden abzuqualifizieren, hatten wir in Sachen Trainer sicher nicht die Ideallösung. Es gibt auch nicht so viele Ideallösungen, sonst würden die Bayern nicht heute noch dem Jürgen nachweinen. Spieler wie Hummels, Schmelzer oder Großkreutz hätten sich ohne ihn sicher anders entwickelt. Du kannst noch so eine gute Transferpolitik machen, aber du musst dann auch den Trainer haben, der sie weiter entwickelt.

Und plötzlich hat der BVB die große Titelchance?

Watzke: Keineswegs sind wir wie Phoenix aus der Asche gestiegen. Wir haben uns peu a peu den Erfolg erarbeitet. Das Jahr 1997 mit dem Champions League-Sieg war das Ende einer Ära, jetzt aber sind wir möglicherweise am Anfang einer neuen. Wir haben eine sehr, sehr hohe individuelle Qualität, ohne am Limit zu sein, und eine Mannschaft, die auch als Mannschaft funktioniert.

Eine besondere Qualität…?

Watzke: In Dortmund musst du nach den Titeln in der Vergangenheit immer eine hohe Erwartungshaltung befriedigen. Aber die Leute identifizieren sich jetzt total mit dieser jungen Mannschaft, mit unserer Philosophie von Vollgas-Fußball, mit dem aggressiven vertikalen Spielstil. Es hat doch noch nie so eine unglaubliche Zufriedenheit der Leute mit einer Entwicklung gegeben. Mir sagen viele: Wir sind jeden Tag glücklich. Lasst euch nicht verrückt machen von den Medien mit ihrer M-Frage,

Glauben Sie etwa, dass die Fans am 14. Mai jubeln, wenn der BVB Dritter und nicht Meister wird?

Watzke: Der Tabellenplatz ist für uns kein Kriterium. Wir überprüfen uns selbst und wollen das Optimale aus der Saison herausholen. Wenn wir das Gefühl haben, dass nicht geschludert wurde, wäre der dritte Platz absolut okay.

Von Außen würde es anders bewertet.

Watzke:Das müssen wir so hinnehmen, es darf unsere Bewertung aber nicht beeinflussen. Der richtige BVB-Fan bewertet es aber genau so wie wir. Wir haben da alle genug Demut. Wenn wir nach einem 1:1 gegen Stuttgart von Journalisten gefragt werden, ob wir wackeln, dann ist das ja schon pervers.

Trotzdem darf vom Titel geträumt werden?

Watzke: Hier in Dortmund kann jeder so viel träumen, wie er will. Nur wir als Team nicht. Wer nächtelang träumt, dass er mit einer Trophäe um Plätze rum fährt, macht was verkehrt. Wenn man träumt, dann von einem Sieg in Wolfsburg.

 
 

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