Von den BVB-Überfliegern sang nur Großkreutz

Thorsten Schabelon
Mit den bekannten Qualitäten schlug Borussia Dortmund die Bayern mit 3:1 und feierte den ersten Sieg bei ihnen seit 1991. Im Flugzeug zurück stimmte aber nur Kevin Großkreutz Lieder an.

München. Als Werder Bremen im Mai 2004 mit einem Sieg in München Meister wurde, zelebrierten die Norddeutschen die Ankunft in ihrer Heimatstadt. Als der Flieger mit dem Team auf dem Bremer Flughafen landete, schwenkte Meistertrainer Thomas Schaaf die Werder-Fahne aus dem Cockpitfenster.

Nach dem 3:1-Sieg von Borussia Dortmund am Samstagabend beim Liga-Gipfel gegen den FC Bayern München hätte man sich für die Rückkehr der Borussen ein ähnliches Szenario vorstellen können. Das blieb aber aus. In der Propeller-Maschine genossen die entspannten Überflieger des BVB auf bescheidene Art den Moment des Erfolgs. Trainer Jürgen Klopp ruhte. Seine Spieler widmeten sich den Lunchpaketen und über Kopfhörer ihrer Lieblingsmusik. Einzig Kevin Großkreutz, einer der größten Fans seines Klubs, stimmte Lieder an. Erst bei der mitternächtlichen Begrüßung der Meisterhelden am Flughafen in Paderborn wurde es laut: 250 Fans wollten nachschauen, ob ihre Mannschaft nicht doch schon die Schale im Gepäck hatte.

Gefeiert hatten die Dortmunder in München. Sowohl Spieler als auch 10 000 schwarzgelbe Fans, die in der Allianz-Arena für Heimspiel-Atmosphäre sorgten. Die Borussen durften ihr 3:1, den elften Auswärtssieg der Saison (Bundesliga-Rekord) zwei Mal bejubeln. Ein Zuschauer hatte in der Nachspielzeit abgepfiffen, die BVB-Bank sprang jubelnd auf. Schiedsrichter Manuel Gräfe ließ noch zwei Minuten spielen. Dann brachen alle Dämme.

Durchschnittsalter von 22,7 Jahren

Es war der erste Dortmunder Sieg in München seit 1991. „Damals wurden meine meisten Spieler noch gestillt“, sagte Trainer Jürgen Klopp mit Blick auf das Durchschnittsalter von 22,7 Jahren der jüngsten BVB-Mannschaft in der Liga-Geschichte. Die agierte trotz ihres jugendlichen Alters routiniert und abgezockt und ließ die dominanzverwöhnten Bayern nie ins Spiel kommen. „Dortmund hat ein Super-Pressing entwickelt. Wir kamen nicht hinten raus“, haderte Bayern-Trainer Louis van Gaal. Der Tabellenführer meldete Franck Ribéry und Arjen Robben völlig ab. Bezeichnend: Dem von den immens fleißigen Borussen Marcel Schmelzer und Kevin Großkreutz betreuten Robben gelang erstmals in einem Liga-Spiel kein Torschuss.

Die Dortmunder, bei denen Sebastian Kehl nach fünf Monaten Verletzungspause ein Kurz-Comeback feierte, unterbanden nicht nur die Spielentfaltung der Bayern. Sie setzten in den entscheidenden Momenten Nadelstiche. „Wir haben die wichtigen Zweikämpfe gewonnen“, sagte Klopp, für den es der erste Sieg in München war. Sowohl dem 1:0 von Lucas Barrios (9.) als auch dem sehenswerten 2:1 von Nuri Sahin (18.) waren eine Balleroberung im Mittelfeld und schnelles Umschalten vorausgegangen. Eine Erfolgs-Kombination, die sich der BVB als Gebrauchsmuster beim Deutschen Patentamt schützen lassen sollten. Die wackelige Bayern-Abwehr war mit so viel Schwung und Dynamik überfordert.

Lederhosen-Lieder

Dem Rekordmeister gelang zwar durch Luiz Gustavo der zwischenzeitliche Ausgleich (16.). Nach dem Kopfballtreffer zum 3:1 (60.) von Ex-Bayernprofi Mats Hummels wirkte der plötzlich einsame Bayern-Treffer wie Ergebniskorrektur. Und die BVB-Fans durften ausgiebig Meister- und Lederhosen-Lieder singen. „Große Klappe und was dahinter“, sagte nach dem Abpfiff Kevin Großkreutz. „Die Bayern sind reif“, hatte er vorab angekündigt. Und, im Gegensatz zu den ebenfalls siegessicheren FCB-Granden Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge, Wort gehalten. „Bayerisches Kampfgeheul“, schüttelte BVB-Boss Hans-Joachim Watzke den Kopf. „Gut, dass Spiele immer noch mit dem Fuß und nicht mit Worten entschieden werden.“