Tuchel muss nun seinen ersten BVB-Durchhänger moderieren

Deutliche Worte: BVB-Trainer Thomas Tuchel (r.) erklärt Gonzalo Castro und Marcel Schmelzer (l.), was er von ihnen erwartet.
Deutliche Worte: BVB-Trainer Thomas Tuchel (r.) erklärt Gonzalo Castro und Marcel Schmelzer (l.), was er von ihnen erwartet.
Foto: imago
Nach dem 1:2 in Frankfurt reagiert BVB-Trainer Tuchel mit beißender Kritik. Dabei trägt auch er Verantwortung für die derzeitige Dortmunder Lage.

Dortmund/Frankfurt.. Es gab offenbar erhöhten Redebedarf bei Borussia Dortmund. Für 10 Uhr am Sonntagmorgen hatte der Klub zu einer seiner seltenen öffentlichen Trainingseinheiten eingeladen. Doch es dauerte bis 10.54 Uhr, ehe sich der erste BVB-Profi vor den gut 300 Fans blicken ließ, die dem nasskalten Wetter am Trainingsgelände in Brackel trotzten.

Das trübe Wetter, es passte zur Stimmungslage beim BVB am Tag nach der 1:2-Niederlage bei Eintracht Frankfurt. Trainer Thomas Tuchel hatte schon unmittelbar nach der Partie dafür gesorgt, das Binnenklima um einige Grad abzusenken. Mit finsterem Blick saß er auf einem Podium im Stadionbauch – und teilte ordentlich aus.

Ruhiger Ton, schneidende Stimme

„Mit so vielen Defiziten ist in der Bundesliga kein Auswärtsspiel zu holen“, sagte Tuchel. Welche Defizite? „Technisch, taktisch, mental, Bereitschaft, komplett – ein einziges Defizit.“ Der Trainer sagte es ruhig im Ton, aber mit schneidender Stimme, was die Wirkung seiner Worte eher noch verstärkte. Es war eben kein spontaner Ausbruch, sondern eine kühl kalkulierte Generalabrechnung.

Tatsächlich war es eine äußerst schwache Leistung, die die Dortmunder in Frankfurt ablieferten: ideenlos, technisch ungewohnt fehlerhaft – und dann auch noch unkonzentriert. Nur 18 Sekunden nach Wiederanpfiff ließ Kapitän Marcel Schmelzer Timothy Chandler auf der linken Dortmunder Abwehrseite davonlaufen, dessen Pass drückte der völlig freistehende Szabolcs Huszti ins Tor. Und kaum hatte der BVB durch Pierre-Emerick Aubameyang ausgeglichen (77.), leistete sich Matthias Ginter einen haarsträubenden Fehlpass, den Haris Seferovic zur erneuten Frankfurter Führung nutzte.

Tuchels Wut war also verständlich – dass sich diese derart heftig gegen die eigene Mannschaft entlud aber eher ungewöhnlich. Einige Spieler nahmen dies eher verwundert zur Kenntnis. Zumal der Trainer mit seinen Entscheidungen zum Gang der Dinge beigetragen hatte. Die von ihm bemängelte Taktik ist schließlich sein Hoheitsgebiet. Wieder einmal versuchte er es mit Adrian Ramos als Rechtsaußen, obwohl der Kolumbianer auf dieser Position selten überzeugte – Ousmane Dembélé war nach seiner Einwechslung deutlich gefährlicher, bereitete Aubameyangs Treffer vor und traf in der Nachspielzeit die Latte.

Erneut hatte der Trainer seine Mannschaft durcheinander gewirbelt, acht Neue im Vergleich zum Champions-League-Spiel gegen Legia Warschau am Dienstag gebracht. Da wiederum war die Mannschaft auf neun Positionen verändert. Und im dritten Spiel binnen einer Woche wählte Tuchel die dritte taktische Formation.

Sieg gegen Bayern nicht vergoldet

Für sich betrachtet war fast jede Maßnahme nachvollziehbar – aber einer Mannschaft, die nach Struktur und Automatismen sucht, hilft man so eher nicht. Julian Weigl deutete dies an: „Es ist natürlich immer schwierig, wenn du in verschiedenen Gruppen trainierst“, sagt er. „Die einen haben noch regeneriert, die anderen, wie ich, haben schon wieder hart trainiert.“

So versäumte es der BVB, den Sieg gegen die Bayern zu vergolden. Schlimmer noch: Der Rückstand auf die Spitze beträgt neun Punkte. Tuchel hat seinen ersten Durchhänger in Dortmund zu moderieren, zumal auch die spielerische Leistung derzeit nicht stimmt – nach den richtigen Worten aber sucht er noch.

 
 

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