So denken Heidel und Watzke über Mega-Transfers

Schalkes Sportvorstand Christian Heidel (l., als Mainz-Manager 2012) und BVB-Boss Hans-Joachim Watzke.
Schalkes Sportvorstand Christian Heidel (l., als Mainz-Manager 2012) und BVB-Boss Hans-Joachim Watzke.
Foto: imago
In Cristiano Ronaldo hat nun auch die italienische Liga einen Weltstar. In der Bundesliga gibt es keinen - das wird zum Problem.

Turin. Nicht alle sind begeistert, die Gewerkschaft USB ruft sogar zum Streik bei Fiat auf. Denn während viele Mitarbeiter des Autobauers seit Jahren vergeblich auf Gehaltserhöhungen hoffen, kauft Juventus Turin, ebenfalls im Besitz des Agnelli-Clans, Cristiano Ronaldo – für 117 Millionen Euro Ablöse und 30 Millionen Euro Jahresgehalt. Netto, versteht sich, brutto sind es rund 60 Millionen.

So denken Heidel und Watzke über Mega-Transfers

Nicht nur für Fiat-Mitarbeiter unfassbare Summen. „Kein Klub in Deutschland würde einen 33-Jährigen für vier Jahre für ein Gesamtpaket von knapp 400 Millionen Euro verpflichten. Auch keinen Cristiano Ronaldo“, sagt Schalke-Sportvorstand Christian Heidel dieser Zeitung.

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„Die Ablösesumme hätten wir vielleicht noch hingekriegt“, sagt ein süffisant grinsender Hans-Joachim Watzke, Geschäftsführer von Borussia Dortmund, in der ZDF-Sendung „Markus Lanz“. „Aber das Gehalt ist relativ üppig.“

Rund 60 Millionen Euro – das ist fast die Hälfte des Dortmunder Lizenzspieleretats. Die meisten Bundesligisten geben für ihr gesamtes kickendes Personal weniger aus. Nur der FC Bayern München wäre wohl in der Lage, einen solchen Transfer zu stemmen. Doch Präsident Uli Hoeneß hat „Wahnsinnstransfers“ mehrfach eine Absage erteilt.

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Deutschland fehlt der Superstar

So wird Deutschland abgehängt im Rennen um die Stars. „Sieht man sich die Topspieler der WM an, spielt die Bundesliga nicht die erste Geige“, konstatiert Philipp Klotz, Geschäftsführer von Sponsors, dem größten deutschen Informationsdienstleister im Bereich Sportbusiness. Er beschäftigt sich intensiv mit dem Zusammenhang zwischen Fußball und Finanzen – und sieht Probleme auf die Bundesliga zukommen. „Ein Mbappé und Neymar spielen in Frankreich, ein Messi, ein Griezmann und ein Suarez spielen in Spanien – und über die Premier League brauchen wir gar nicht erst reden“, sagt er „Und in Italien spielt jetzt zumindest mal Ronaldo.“

Und in Deutschland? Sieben Bundesligaspieler waren noch im WM-Halbfinale vertreten, ein internationaler Star ist nicht darunter. „Man muss konstatieren, dass die Bundesliga aus dieser Perspektive nur noch Nummer fünf in Europa ist“, sagt Klotz. Das sei „ein strategischer Nachteil“.

Star-Fokus - Italien wird profitieren

Denn der Sport unterliegt längst den Gesetzen der Unterhaltungsbranche: Wer Sponsoren und Medienpartner anlocken will, muss gute Geschichten verkaufen können. Die Bundesliga „hatte sich den Nimbus des Weltmeisters und der besten Nachwuchsarbeit erarbeitet“, so Klotz. Doch das ist Vergangenheit. Und jetzt? „Der indische oder japanische Fußballfan wird sich nicht so dezidiert mit der Südtribüne vom BVB auseinandersetzen oder mit dem Preis der Stehplatzkarten - sondern damit, welche Spieler kommen und welche Rolle der Club international spielt“, meint Klotz. „Daher wird Juventus und die italienische Liga extrem profitieren.“

Denn Ronaldo „ist ja mehr als ein Fußballer“, erklärt der Sportbusiness-Experte. Er ist auch eine Einnahmequelle. Dass sich Topstars allein über Trikotverkäufe refinanzieren, kommt so allerdings eher nicht vor: „Ein Klub macht an einem Trikot jede nach Vertriebsweg 20 Euro bis 50 Euro Gewinn“, erklärt Klotz. Um die Ablösesumme wieder einzuspielen, müsste Juventus also zwei bis vier Millionen mehr an Trikots verkaufen. „Das ist selbst bei Ronaldo aus heutiger Sicht unrealistisch. Realistischer ist da schon, die Lohnkosten durch Trikotverkäufe wieder einzuspielen.“

Und Ronaldo bringt noch einiges mehr mit: Der Portugiese hat über 300 Millionen Follower auf seinen Kanälen in sozialen Netzwerken, er bringt Aufmerksamkeit und Reichweite. Und die ist Sponsoren bares Geld wert.

"Investitionen können zurückkommen"

Diesen Effekt kennen auch Bundesligisten: Als Bayer Leverkusen einst Heung-Min Son verpflichtete, wuchs die Bekanntheit in Südkorea sprunghaft – und das südkoreanische Elektronik-Unternehmen LG wurde Trikot-Sponsor. Als der Werksklub später den Mexikaner Chicharito holte, stieg in den Sozialen Medien die Zahl der Follower aus Mittelamerika deutlich. Einen ähnlichen Effekt erwartet Klotz nun auch für Juventus – wenn der Klub es richtig angeht: „Ein Großteil der Investitionen kann wieder zurückkommen, wenn man es gut macht“, sagt er.

Woher aber sollen die Investitionen kommen? Zum Ronaldo-Transfer steuert Fiat 30 Millionen Euro war. Die Millionen für Neymar und Mbappé erhielt Paris Saint-Germain aus Katar. Investitionen verspricht auch der neue Eigentümer Elliott beim AC Mailand – ausgerechnet jener Hedgefond, der im Mai auch bei ThyssenKrupp einstieg und ein Grund dafür war, dass Vorstandschef Heinrich Hiesinger kürzlich hinwarf.

Hierzulande sind Investitionen in dieser Größenordnung nicht in Sicht. In Bundesliga-Klubs ist Geldgebern die Stimmmehrheit verwehrt, das schreckt ab. Doch die 50+1-Regel bleibt umstritten – und je stärker die Liga ins Hintertreffen gerät, desto lauter dürften die Debatten werden. „Klar wird der Name Ronaldo die Serie A jetzt mehr in den Fokus bringen“, sagt Heidel. „Und natürlich wird es auch wieder die Frage in den Raum stellen: Wollen auch wir das durch Öffnung für Investoren?“

 
 

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