Sammer würde Niebaum "eher ein Denkmal bauen"

Foto: Bodo Goeke

Dortmund. Deutscher Meister als Spieler und Trainer: Die Verbindung Matthias Sammer-Borussia Dortmund passte. Im Interview mit Willi Wittke zum 100. Geburtstag äußert sich der DFB-Sportdirektor zu seinen Erinnerungen beim BVB, dessen Finanz-Probleme und zum Fußball allgemein.

Herr Sammer, Sie haben von 1992 bis 2004 als Spieler und Trainer die „goldenen Jahre” des BVB entscheidend mitgeprägt. Wie beurteilen Sie diese Zeit im Rückblick?

Matthias Sammer: "Für mich gab es in meinem Leben zwei sportliche Schwerpunkte. Das war einerseits meine Entwicklungsphase bis zu meinem 22. Lebensjahr bei Dynamo Dresden. Die zweite entscheidende Phase folgte bei Borussia Dortmund, wo ich mich nach meinem Wechsel von Inter Mailand neu beweisen und die nächsten Schritte gehen wollte. Hier, in diesem großen Verein, haben die Menschen mich geprägt.

Namentlich und zu allererst genannt sei der damalige Präsident Gerd Niebaum. Er war derjenige, der immer wieder den Dialog gesucht und mich geformt hat. Dazu gehörten natürlich auch Manager Michael Meier und Trainer Ottmar Hitzfeld."

Das müssen Sie erläutern…

Matthias Sammer: "Ihre Visionen, sich nicht mit Durchschnitt zufrieden zu geben, haben sich gepaart mit meiner Denkweise. Es hieß in Dortmund früher immer: Egal, auf welchem Platz ihr landet, Hauptsache, ihr schlagt Schalke 04. Von einem solchen Kirchturmdenken musste man weg. Deshalb benötigte der BVB Männer mit Visionen, mit klaren und außergewöhnlich hohen Zielen. Dafür standen Niebaum, Meier und Hitzfeld. Ich kann heute behaupten, dass Borussia Dortmund für mich und meine Familie die zweite wichtige Säule in meinem Leben war."

Tatsächlich ging es mit dem BVB stetig bergauf. Erster Höhepunkt war 1995 die Deutsche Meisterschaft. Es folgten die Titelverteidigung und der Gewinn der Champions League. Können Sie Ihre Gefühle beschreiben, als eine ganze Region Kopf stand?

Matthias Sammer: "Die Menschen im Ruhrgebiet, vor allem die Fans von Borussia Dortmund, haben mir sehr, sehr viel gegeben. Ihre Mentalität und Ehrlichkeit ist einfach wunderbar. Es machte mich stolz, dass ich mit ihnen Erfolge gemeinsam genießen konnte. Ich weiß, was das für sie bedeutete und bin bis zu meinem Lebensende dankbar, dass ich das erleben durfte."

Beschreiben Sie doch bitte Ihre Rolle als Wortführer, Feuerkopf und heimlicher Kapitän. Sie haben sich nicht gescheut, dem einen oder anderen während des Spiels an den Kragen zu gehen…

Matthias Sammer: "Ich würde für mich nicht in Anspruch nehmen, ein umgänglicher Typ gewesen zu sein. Aber ich denke, dass gerade im Leistungssport der Gedanke vorhanden sein muss, sportlich und mental das Maximum zu erreichen. Eines ist klar: Wenn man kämpft und fightet, um erfolgreich zu sein, dann sind Ansprache und Klima oft rau. Aber der Umgang war immer von Respekt geprägt. Man muss den Mut haben, vor Schwierigkeiten nicht einzuknicken, sondern sie zu lösen. Das ist mitunter kein angenehmer, sondern ein häufig auch mit Schmerzen verbundener Weg zum Erfolg."

Fehlen dem deutschen Fußball heute Typen, wie Sie es waren?

Matthias Sammer: "Sie fehlen ein bisschen, aber wir haben ihnen bisher auch nicht die Möglichkeit gegeben, sich zu entwickeln. Wir denken, speziell beim Deutschen Fußball-Bund, seit geraumer Zeit um.

In den Junioren-Mannschaften bis hin zur U 21 fordern und fördern wir Talente, die auf Grund ihrer charakterlichen Eigenschaften das Zeug zu Führungsspielern haben und verlangen von ihnen, dass sie Verantwortung übernehmen, auf und neben dem Feld. Wir haben es jahrelang versäumt, diesen Typen Freiräume zu geben, weil wir nur die Gleichmacherei gesehen haben. Aber im Fußball sind nicht alle gleich. Ich kann jetzt schon sagen, dass da richtig gute Jungs heranwachsen."

Zurück zum BVB der 90-er Jahre. Was war das Geheimnis der Champions-League-Sieger?

Matthias Sammer: "Ihre Persönlichkeitsstruktur. Der Leistungswille stand ganz klar im Vordergrund. Wir hatten dazu in Ottmar Hitzfeld einen Dirigenten, der das Fingerspitzengefühl und die Balance besaß, diese Mannschaft zu führen, ihr aber auch, wenn es die Situation erforderte, die Führung zu überlassen."

Im Jahre 2000 bat der Verein Sie, den in einer kritischen Tabellensituation als Retter verpflichteten Trainer-Pensionär Udo Lattek als Assistent zu unterstützen. Wie haben Sie damals reagiert?

Matthias Sammer: "Gerd Niebaum hatte mich vorher schon ein paar Mal angesprochen. Aber nach meiner schweren Infektion war ich noch nicht so weit, um in der Trainer-Position Verantwortung zu übernehmen. Außerdem fühlte ich mich dafür auch noch zu jung.

Ich brauchte einen erfahrenen Mann, der mir zur Seite stehen und mich führen würde. Dann wurde die Idee mit Udo Lattek geboren. Das war taktisch ein unglaublich guter Schachzug. Lattek war eine Respektperson. Er hat mir als „Übervater” alle Freiheiten auf dem Trainingsplatz gegeben."

Sie stehen in den Bundesliga-Annalen als jüngster Meistertrainer aller Zeiten. Wie erklären Sie sich Borussias sportlichen Abstieg nach dem Titelgewinn 2002?

Matthias Sammer: "Unser Problem war der zu schnelle Erfolg mit einer relativ jungen Mannschaft. Auch ich als junger Trainer habe den einen oder anderen Fehler gemacht und nach der Meisterschaft 2002 versäumt, Maßnahmen zu ergreifen, um das Gesicht der Mannschaft zu verändern und neue Reizpunkte zu setzen. Ein Tiefschlag war dann das 1:1 im letzten Saisonspiel gegen Cottbus, mit dem wir den direkten Einzug in die Champions League verpasst hatten."

Haben Sie die dramatischen wirtschaftlichen Folgen erahnen können?

Matthias Sammer: "Ich wusste um die finanziellen Schwierigkeiten, nachdem wir auch das Qualifikationsspiel gegen Brügge im Elfmeterschießen verloren hatten. Trainer und Mannschaft haben damals die sportlichen Ziele nicht erreicht und damit den Verein unter Druck gesetzt. Deshalb sehe ich auch mich für die Folgen in der Verantwortung.

Aber eines ist auch klar: Die Entwicklung von Borussia Dortmund war wegen der wirtschaftlichen Standortnachteile im Ruhrgebiet stets mit einem gewissen Risiko verbunden. Sonst wäre das, was die Menschen genießen konnten, nämlich Meisterschaften, Champions League und Weltpokal, nicht möglich gewesen.

Was wünschen Sie dem BVB im Jubiläumsjahr?

Matthias Sammer: "Ich empfinde es als höchst ungerecht, dass Gerd Niebaum allein für die spätere wirtschaftliche Schieflage an den Pranger gestellt wird. Man sollte ihm eher ein Denkmal bauen. Denn das finanzielle Fiasko, wenn es denn eines war, hat man relativ schnell in den Griff bekommen.

Jetzt, zum 100. Geburtstag, sollte man sich allmählich darauf besinnen, was Niebaum dem Verein, den Fans und der Region gegeben hat. Das kommt mir zu kurz, und das macht mich traurig."

 
 

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