Rivalität zwischen BVB und Schalke ist Kulturgut

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Dortmund. Schwarzgelb ist keine Farbe. Schwarzgelb ist ein Gefühl. Ein Lebensgefühl mitunter. Es ist Glück. Und Trauer. Manchmal in einem Moment. Es ist Leidenschaft; und Leidensfähigkeit. Und: Es ist auch Abneigung. Dem anderen gegenüber. In diesem Fall vor allem dem Schalker. Es ist Abgrenzung.

„Die Liebe zum eigenen Verein”, sagt Rolf-Arnd Marewski vom Fanprojekt Dortmund, „ist in den vergangenen Jahren noch viel größer geworden. Automatisch wird auch der Hass auf den anderen größer.” Aberwitzig nennt er es, dass sich „der Irrsinn” jetzt schon bei den Jugendspielen der beiden Klubs entlädt. „Das ist bezeichnend für das aktuelle Verhältnis beider Gruppierungen.”

Der verbindende Ruf nach „Ruhrpott”, dieses Gefühl gemeinsamer Stärke, war nur eine Eintagsfliege; damals, im Sommer 1997, nach den zeitgleichen Europapokal-Triumphen der Traditionsklubs.

Marewski spielt auf das jüngste A-Jugend-Derby an, das - erstmals in der Geschichte des deutschen Fußballs - mit 0:2 für beide gewertet worden ist.Am grünen Tisch, nachdem einige so genannte Fans Rot gesehen und mit Leuchtraketen auf Menschen geschossen hatten. Auf anderen Feldern nennt man das Fanatismus.

Die Rivalität zwischen Dortmundern und Schalkern, sie hat – historisch bedingt – viele Gesichter: Das Sticheln gegen den Arbeitskollegen. Den Einsatz von über 1000 Polizisten zur Sicherung eines Fußballspiels mit Namen Derby. Auch die Schneise, die ganze Bürogemeinschaften spaltet. Links Borussen, rechts Schalker. Psychoterror am Montag nach einem verlorenen Spiel. Wehe, einer übertritt die Grenze.

Mauern einreißen wollen Marewski und sein Schalker Kollege Patrick Arnold. Seite an Seite sind sie in die Schulen gegangen. In Dortmund. Und in Gelsenkirchen. Bewusst zu denen, die noch offen sind für neue Impulse. Ihre Hausaufgabe für die 11- bis 16-Jährigen: Die optische Gestaltung einer weißen Kalenderseite. Vorgabe: Klatschende Hände statt fliegender Fäuste. Umzusetzen in Bild und Wort. „Gewalt ist immer Spielverderber” steht da. Und: „Fußball vereint, niemand ist dein Feind.” Dazu reichen sich ein Dortmunder und ein Schalker die Hände. „Wir wissen, dass wir mit diesem Kalender nicht die Welt verbessern”, sagt Marewski, „aber wir wollen ein Zeichen setzen.” Ein Projekt, das Schule machen sollte.

Bis dahin setzen Marewski und Arnold auf eine Politik der Entspannung. „Das Ausgrenzen Einzelner macht’s nur schlimmer und verlagert das Problem allenfalls”, sagt der Dortmunder. Er will mit denen im Gespräch bleiben, die Ärger machen – wie damals mit den Hooligans, „die wir auch integriert haben”. Vor allem aber will er differenziert vorgehen.

Marewski kennt seine Pappenheimer, die er „Jungs” nennt. Es sind Splittergruppen von funktionierenden Strukturen, denen der Fußball allein zu langweilig geworden ist. „Denen geht’s um Aufmerksamkeit”, sagt Marewski. Die Jungs mit den Steinen wollen in die Tagesthemen. Und genau auf diesem schmalen Grat zwischen pflichtbewusster Information und öffentlichkeitswirksamer Hofierung einiger Weniger muss auch die Presse immer wieder neu abwägen.

Denn die Rivalität der beiden Revierklubs gehört zum Ruhrgebiet wie der Deckel auf den Pott. Eine Rivalität, die auch ein Stück Kulturgut ist. Sie nimmt mitunter viel. Aber, seien wir ehrlich, sie gibt auch etwas. Sie ist im Kern Identität stiftend. Was wäre Borussia ohne Schalke? Was Gelsenkirchen ohne Dortmund? Was würde fehlen, wenn der 1,62 Meter kleine „Hoppy” Kurrat nicht von seinem Kopfballtor beim legendären 7:0 erzählen, mit glänzenden Augen diese genussvolle Kunstpause einlegen würde? Um dann nachzuschieben: „Ha, gegen die Blauen, weißte?!”

Schwarzgelb ist eben ein Gefühl. Königsblau aber auch.

 
 

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