Pssst. Bitte nicht aufwecken. Träumen gerade...

Feiernde Borussen, träumende Fans: Beim Tabellenführer Borussia Dortmund könnte was Großes entstehen.
Feiernde Borussen, träumende Fans: Beim Tabellenführer Borussia Dortmund könnte was Großes entstehen.
Foto: Gib mich die Kirsche

Dortmund.. Es wirkt alles wie ein großer Traum. Wie Fiktion. Wie Utopie. Wie gewünscht, aber nie ernsthaft erhofft. Borussia Dortmund hat sich nach mittlerweile 12 Spieltagen an die Tabellenspitze der Fußball-Bundesliga katapultiert und sämtliche Spitzenteams der Liga deutlich in ihre Schranken gewiesen. Die junge BVB-Elf versetzt die Bundesliga weiter in Ekstase.

Als die Mannschaft am vergangenen Freitagabend nach Spielschluss auf ihrer Ehrenrunde über den Rasen des Westfalenstadions spazierte, spendete selbst der Gegner aus Hamburg tief beeindruckt Applaus. Ein Novum. Eine Szene, die mich beeindruckt hat, aber kurzfristig auch ängstlich erstarren ließ. Was, wenn dieser scheinbar unendliche Traum irgendwann doch zu Ende gehen droht? Wenn schon am Samstag beim Gastspiel in Freiburg der Wecker klingelt? Solche Momente, wie nach Spielschluss am Freitag, möchte man als Fan am liebsten konservieren, luftdicht verschließen und für die Ewigkeit festhalten. Jubelnde Menschen, ein zu Ovationen gerührtes Publikum und eine Borussen-Elf – nicht viel älter als der letzte Abijahrgang –, die wieder einmal spielerische Glanzpunkte setzte.

Vielleicht ist es weit hergeholt, aber in diesen Tagen musste ich immer wieder an das Pokalfinale 2008 in Berlin denken. An ein Spruchband zu Spielbeginn, das den gesamten Dortmunder Fanblock überspannte: „Träumt einer allein, ist es ein Traum. Träumen viele gemeinsam, ist es der Beginn von etwas Großem“. Zugegeben, Stadion-Spruchbändern verfügen oftmals über ähnlich viel tiefsinnige Bedeutung wie diese trockenen Glückskekse im chinesischen Schnellrestaurant.

Heute aber wissen wir, dass dieser gleichermaßen unvergessliche und enttäuschende Tag in der Tat so etwas wie ein Neuanfang für den einst gebeutelten BVB war. Mit Jürgen Klopp installierte man ein paar Wochen nach dem Endspiel von Berlin den Initiator eines Konzepts, aus dem eine Mannschaft geformt wurde, die zur Zeit in Deutschland vergeblich nach einem ebenbürtigen Gegner sucht. Eine Mannschaft, die durch ihren Charakter, ihren Spielwitz, ihr taktisches Verständnis und ihre mannschaftliche Geschlossenheit sämtliche Dinge verkörpert, die letztendlich im Fußball zum Erfolg führen.

Die Frage, wo der Erfolg die Schwarzgelben in dieser Saison hinführen wird, führt zur sehr wahrscheinlich momentan heiß geführtesten Diskussion in den regionalen und überregionalen Medien. Sichtlich unbeeindruckt entgegnen die Spieler und Trainer stets mit der selben Antwort, dass man nur von Spiel zu Spiel schaue – eine Phrase, die bei den vielen Meisteranwärtern der letzten Spielzeiten meist aus einer Mischung von Understatement und Selbstschutz resultierte, in Dortmund jedoch viel mehr als Ausdruck gelebter Bescheidenheit und Zielstrebigkeit zu verstehen ist.

Virtueller und realer Erfolg

Bestes Beispiel: Abwehrspieler Mats Hummels. Der 21-jährige Nationalspieler entschuldigte sich Freitagnacht vorab für die Wortwahl seines folgenden Facebook-Eintrags: „Alter, einfach geil und morgen wieder genüsslich auf der Couch Konferenz anschmeißen und den anderen beim Arbeiten zusehen“.

Ob auf der virtuellen oder der realen, greifbaren Bühne: Der BVB lebt seinen tagesaktuellen Erfolg, genießt ihn und konserviert ihn dadurch auch ein wenig für sich selbst, ohne sich selbst ein weitgestecktes Ziel – ein Ende, das da Meistertitel heißen könnte – zu setzen. Es wäre der zarte Beginn von etwas ganz Großem.

(14.11.10 – Christoff Strukamp – www.die-kirsche.com)

 
 

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