Jürgen Klopp hat den BVB zu einem anderen Verein gemacht

Stefan Reinke
Am 23. Mai 2008 präsentierte Borussia Dortmund Jürgen Klopp als neuen Trainer.
Am 23. Mai 2008 präsentierte Borussia Dortmund Jürgen Klopp als neuen Trainer.
Foto: Markus Hündgen.
Jürgen Klopp und Borussia Dortmund trennen sich. Die Entwicklung deutete sich an, tut der Fanseele aber trotzdem weh. Ein emotionaler Rückblick.

Dortmund. Das auf Jahre Undenkbare ist nun passiert: Borussia Dortmund und Jürgen Klopp gehen nach dieser Saison getrennte Wege. Der Verein und sein Trainer schienen seit Klopps Antritt im Sommer 2008 zu einer Einheit verschmolzen zu sein. Um genau zu sein, passte die Kombination aus Jürgen Klopp und dem BVB schon vor dem offiziellen Amtsantritt des Trainers.

Es war am 19. April 2008, dem Tag des Pokalfinales. Der Trainer von Borussia Dortmund hieß Thomas Doll, und jeder Fan war froh, dass die Saison bald vorbei sein und die Borussia wieder auf Trainersuche sein würde. Plötzlich verbreitete sich unter den Fans an der Gedächtniskirche eine Nachricht wie ein Lauffeuer: "Jürgen Klopp wird Trainer beim BVB!" Das Gerücht brach sich Bahn, schwappte durch Berlin, euphorisierte die schwarz-gelben Anhänger. Es folgte ein Dementi, das niemand mehr beachtete. Das Pokalfinale ging verloren, die Fans feierten sich selbst und dachten an Klopp.

Mit Klopp ging das Licht an

Einen Monat später, am 23. Mai 2008, lud der BVB dann zur Pressekonferenz, um einen neuen Übungsleiter zu präsentieren. Um die Borussia war es dunkel in den vergangenen Jahren. Beinahe-Pleite, Beinahe-Abstieg, nur Beinahe-Pokalsieger. Dann betrat Jürgen Klopp den Presseraum und es wurde hell. Jürgen Klopp machte etwas, das Beobachter der Borussia lange nicht mehr gesehen hatten: Er lachte. Nein, er strahlte. Und er sprach von Vollgasveranstaltungen und darüber, dass er Fußballer grundsätzlich sympathisch finde, da sie das gleiche Hobby hätten wie er. Er saß da und redete und gewann die Menschen für sich.

Auf dem Rasen hatte Klopp einen Einstand nach Maß - das 3:3 im Derby nach 0:3-Rückstand ist inzwischen legendär. Sportlich lief es in der ersten Saison mittelprächtig. Klopp leitete einen Umbruch ein. Er sortierte Spieler aus, die nicht in sein System passten. Die Fans verziehen im Abgänge wie den des Publikumslieblings Alex Frei. Was Klopp da machte, erschien plausibel. Er konnte Fußball erklären.

Klopp formte die neue Borussia

Doch nicht nur auf dem Rasen krempelte Klopp den BVB um. Er baute den kompletten BVB um und es ist den Verantwortlichen der Borussia hoch anzurechnen, dass sie sich darauf einließen. Klopp lenkte den Blick der Öffentlichkeit auf sich, nahm Sportdirektor Michael Zorc und Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke aus dem Fokus. Das Ergebnis war der wohl lockerste BVB aller Zeiten. Borussia Dortmund war auf einmal ein Verein, in dem gelacht wurde. Keine biestigen Gesichter mehr auf Pressekonferenzen. Klopp holte die Fans mit ins Boot, zeigte keine Berührungsängste, ging zu Fanversammlungen, trat als Überraschungsgast auf. Er formte eine neue Borussia. Der BVB-Claim "Echte Liebe." wäre ohne Klopp nicht möglich gewesen.

Jürgen Klopp verstand es, den BVB auf dem Rasen und weit jenseits des Spielfeldes weiterzuentwickeln. Der Verein wuchs zusammen. Klopp wirkte glaubwürdig und schien die Gefühle der Fans aufzusaugen und verstärkt widerzuspiegeln. Er fand immer die richtigen Worte, um die Herzen und die Köpfe zu erreichen. Der Vollgasfußball entsprach darüber hinaus genau dem, was die Fans erwarteten und wie sie sich den BVB immer schon erträumt hatten: Kampf, Tempo, Bissigkeit und Gier. Und das mit einer jungen Mannschaft. Die Entwicklung gipfelte schließlich in der Meisterschaft 2011, die sich der BVB sportlich und stimmungsmäßig einfach verdient hatte. Klopp und der BVB waren die Lieblinge der Nation, nein Europas. Der Wohlfühlverein, das stimmungsmäßige Maß aller Dinge. Mit dem Double 2012 folgte der nächste Höhepunkt.

Dann folgten allmählich Risse.

Mit Meisterschaft und Pokalsieg im Jahr 2012 hatte der BVB mehr erreicht als viele Anhänger sich jemals erträumt hatten. Was sollte jetzt noch folgen? Die Vereinsführung um Hans-Joachim Watzke ließ sich auf die Rolle als neuer (und einziger) Bayern-Konkurrent ein. Der BVB präsentierte sich als eine Art Anti-Bayern. Die Fans fühlten sich auf der richtigen Seite, auf der des Guten. Dortmund gegen Bayern wurde zum Duell zwischen Gut und Böse. Doch etwas Bayern färbte auf den BVB ab. Im Verein wuchsen Ansprüche.

Das schmeckte schon vielen Anhängern nicht, denn es entsprach nicht dem Selbstverständnis des BVB der vergangenen vier Jahre. Die Borussia seit Jürgen Klopps Amtsantritt war bescheiden und dennoch gallig. Der Anspruch, jetzt die Bayern anzugreifen, erinnerte an die überwunden geglaubte Niebaum-Ära. Klopp hatte die Fans zu Romantikern gemacht, die seelig in einer Welt mit einem kleinen BVB lebten, der Meister und Pokalsieger wurde, daraus aber eben nicht den Anspruch auf irgendein Abo ableitete. Die Emotionen der Fans forderten die Quadratur des Kreises: einen BVB, der erfolgreich Fußball spielt, ohne den Anspruch zu haben, Erfolg haben zu müssen. So ticken vielleicht Fans, aber Profis denken anders, müssen anders denken.

Die Bayern zeigten dem BVB die lange Nase

In der folgenden Saison erreichte dieser kleine BVB mit zum Teil fulminanten Auftritten das Finale der Champions League. Doch dort sowie in der Liga, im Pokal und auf dem Transfermarkt zeigten die Bayern den Borussen die lange Nase: Der FCB gewann die Champions League, wurde Meister, warf den BVB aus dem Pokal und holte Mario Götze.

Es wurde wieder dunkler bei der Borussia. Mit wachsenden - und unerfüllten - Ansprüchen zog allmählich wieder Biestigkeit ein. Der Druck nahm zu und ging nicht spurlos am Trainer vorüber. Der zeigte sich bissiger und dünnhäutiger als zu Beginn seiner Amtszeit. Es waren natürlich die Geister, die er selbst gerufen hatte. Der von 2008 bis 2011 zu einem sehr offenen Verein gewordene BVB, begann, sich in sich zurückzuziehen. Die Hinrunde der Saison 2014/2015 war dann der Tiefpunkt. Die Borussia überwinterte auf Platz 17. Von dem BVB der guten Klopp-Jahre waren nur noch ein paar Namen auf einigen Trikots übrig, doch die Spieler in den gelben Jerseys schienen andere zu sein.

Erste Vorwürfe in Richtung Trainer wurden laut. Spieler hätten sich nicht mehr verbessert. Sein Spielsystem sei zu unflexibel. Er habe sich abgenutzt.

Der BVB ist wieder Mittelmaß

Nun ist die Ära des Jürgen Klopp beim BVB vorbei. Sie endet - so nicht noch der Absturz in die Zweite Liga folgen sollte - so, wie sie begann: mit einem BVB im Mittelmaß.

Jürgen Klopp hat den BVB zu einem anderen Verein gemacht. Ob Borussia Dortmund aus den Klopp-Jahren aber mehr mitnimmt als ein paar Titel auf dem Briefkopf, hängt nun sehr davon ab, wie sich Trainer, Mannschaft Fans und Vorstand in den kommenden Wochen verhalten werden. Es muss ein sauberer Abschied werden. Dass die Ära nicht ewig andauern würde, dürfte allen klar gewesen sein. Für einen Fan fühlt es sich dennoch furchtbar an. Es liegt nun an allen, sie in Würde zu beenden.