Hamburg war ein Meilenstein!

Holger W. Sitter
Hunderte BVB-Fans kamen zum HSV-Stadion und blieben draußen, um gegen hohe Ticketpreise zu demonstrieren.
Hunderte BVB-Fans kamen zum HSV-Stadion und blieben draußen, um gegen hohe Ticketpreise zu demonstrieren.
Sportlich war der Sieg des BVB in Hamburg möglicherweise ein Meilenstein auf dem Weg zur Titelverteidigung. Nicht midner wichtig war jedoch die Aktion der Borussen-Fans, die vor den Stadiontoren blieben und sich das Spiel im Radio anhörten. Die Aktion nötigt Respekt ab.

Dortmund. Ok, blicken wir zurück. Für viele BVB- Anhänger verlief dieses Wochenende im Endstadium ihrer Erlebniswelt gelinde gesagt makaber. Sie haben all ihre Rituale gepflegt und sich wie immer auf ein Spiel ihrer Schwarzgelben vorbereitet – doch „gesehen“ haben sie ihre Jungs nicht. Fast wie Blinde lauschten sie auf all das, was in ihrem Umfeld zu vernehmen war. Jeder Zipfel des Geräuschpegels wurde aufgesaugt, jedes ertönen von Lärm aus dem Inneren des Stadions bewertet.

Langgezogene Aaaaaaaaaaaaaaahs und Uhhhhhhhhhhhhhhhhhs dienten dabei als Einschätzungshilfen. War es eine Torchance, war es Abseits? Und wenn ja, auf welcher Seite? Sie können es nur erahnen und doch wollen sie es – trotz aufgewühltem Gemütspegel – weiter brav ertragen. Natürlich ist allen klar, dass dieser klitzekleine Erfolg im Kampf gegen astronomische Ticketpreise erst ein Anfang sein kann auf einem langen und steinigen Weg. Aber sie sind entschlossen, Zeichen zu setzen und nötigen damit Respekt ab.

Surreale Szenen

Still jetzt, der Sender schaltet endlich live in die „Imtech-Arena“ und der Radiomoderator schildert begeistert das soeben Erlebte. Eine surreale Szene für alle, die sich vor den Toren dieses Stadions ausschließlich anhand der wahrgenommenen Geräuschkulisse einen eigenen Eindruck zu bilden versuchen. Doch was treibt einen eingefleischten Anhänger dazu, sich diesen Qualen freiwillig auszusetzen?

Es ist der Geist der Unbeugsamen, der die etwa 500 tapferen Borussen im typisch hanseatischen Schmuddelwetter umtreibt und sie mit einem Hauch von Rebellion ummantelt. Es ist der tief empfundene Wunsch, sich aufrecht und entschlossen einer Ausuferung bezahlbarer Eintrittspreise entgegen zu stellen, die am Ende einer unablässlich galoppierenden Preisspirale viele vom Zugang zu ihren Clubs abzukoppeln droht. England lässt hier grüßen! Dort hat sich die Fankultur im Laufe der letzten Jahre still und leise in die Pub‘s zurückgezogen. Wir alle konnten uns im Londoner Stadtteil Highbury ja selbst ein Bild davon machen. Während wir mit ihnen unser letztes Bier vor dem Marsch zum Stadion tranken, zogen sie sich sich in aller Gemütsruhe ihre Trikots und Schals an, um es sich vor dem riesigen Flachbildschirm bequem zu machen. Die verlangten Eintrittspreise können sie, die „working class“, längst nicht mehr berappen. Das will kein wirklicher Fan in der Bundesliga erleben müssen, denn mehr als irgendwo sonst auf dem Kontinent, ist Fußball in Deutschland Volkssport Nummer Eins für alle gesellschaftlichen Schichten in einer sich immer rabiater anbahnenden Zweiklassengesellschaft.

Vor den Toren ausgeharrt

Und so harrten sie da aus vor den Toren jenes Stadions, in dem ihr Lieblingsclub sich anschickte, einmal mehr ein weiteres Kapitel phantastischer Fußballgeschichte zu schreiben. Ausgerechnet an so einem Tag spielte das Ensemble von Jürgen Klopp mit den sich tapfer mühenden Hamburgern Katz und Maus und düpierte die hanseatischen Rautenträger nach belieben. Jürgen Klopp sollte später von einem „nicht selbstverständlichen Auftritt“ sprechen angesichts dieses erzielten Ergebnisses. Und so wurde Hamburg zu einem absoluten Meilenstein – zumindest aus Dortmunder Sicht.

Und weil das im kühlen Norden dargebotene bis ins Mark hinein überzeugend war, setzte der Coach noch grinsend einen drauf: „Ich kenne mich ja mit PlayStation nicht so aus, aber es muss so aussehen, wenn man mit dem Finger über das Feld geht.“ Also alles eitel Sonnenschein nach der Rückkehr von der Elbe? Mitnichten. Denn jetzt kommt die Vorbereitung auf einen ungeliebten Gegner, der den Borussen bereits ein ums andere Mal bärbeißig ein Bein stellen konnte: Hoffenheim. Ausgerechnet Hoffenheim, möchte man ausrufen! Dieser Retortenclub mit scheinbar unendlichen Privilegien, der sogar nicht davor zurückschreckt, mit Schallattacken gegen unliebsamen Gesang zu Felde zu ziehen. Ein Club, der für sich stets „Sonderrechte“ in Anspruch nehmen möchte und auch nicht davor zurückschreckt, die Presselandschaft in seinem Sinne disziplinierend „einnorden“ zu wollen durch Entziehung von Akkreditierungen.

Verhältnisse geraderücken

Zeit also, zumindest die Verhältnisse auf dem Platz gerade rücken zu müssen. Sven Bender jedenfalls ließ unmittelbar nach dem Triumph von Hamburg am Willen der Umsetzung erst gar keinen Zweifel aufkommen und das nehmen wir jetzt erst einmal als gegeben hin. Warum in aller Welt sollte man auch abergläubisch sein und den Jungs ein 13. ungeschlagenes Spiel in Folge nicht zutrauen? Zumal sie dann alle wieder dabei sein werden, um es mit eigenen Augen zu sehen.

Holger W. Sitter, 23.01.2012 – www.die-kirsche.com