Freu’ Dich nicht zu früh, Europa – wir kommen wieder!

Sinnbildlich für den schmerzhaften Abschied aus der Champions League: Auch BVB-Kapitän Sebastian Kehl schied mit einer Gesichtsverletzung aus. Foto: Sascha Schürmann/dapd
Sinnbildlich für den schmerzhaften Abschied aus der Champions League: Auch BVB-Kapitän Sebastian Kehl schied mit einer Gesichtsverletzung aus. Foto: Sascha Schürmann/dapd
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Weder plötzlich noch unerwartet ist Borussia Dortmund aus der Champions League ausgeschieden und hat noch nicht einmal den „Strohhalm-Cup“ Euroleague erreicht. Schade! Doch sogleich kündigte BVB-Trainer Jürgen Klopp treffend an: Europa - wir kommen wieder.

Dortmund.. Die Heimniederlage in der Champions League von Borussia Dortmund gegen die fiesen Franzosen aus Marseille war unnötig, die tapferen Borussen wurden in diesem Spiel einmal mehr unter Wert geschlagen. Schade zudem, dass der unsympathische Gast durch den unverdienten Sieg auch noch in der Königsklasse überwintern darf.

Ganz Dortmund hatte es herbeigesehnt, das „Fußball-Wunder“, geblieben ist ein geplatzter Traum. So ist das eben mit Wundern, sie geschehen unverhofft, bisweilen auch unverdient. Und diesmal war der Nutznießer ein anderer, nämlich Olympique Marseille, das sich durch einen 3:2-Erfolg beim deutschen Meister auf Platz zwei der Champions-League-Gruppe E mogelte und hinter Arsenal London ins Achtelfinale einzieht.

Dabei hatte es ungeachtet aller Widrigkeiten so gut für Borussia Dortmund ausgesehen. Ein früher Führungstreffer durch den diesmal sackstarken Jakub Blaszczykowski hatte die Hoffnung genährt, dass der BVB seine missratene CL-Kampagne doch noch zu einem guten Ende bringen könnte. Spätestens mit dem 2:0 durch das Elfmetertor des grandiosen Mats Hummels waren die Weichen zumindest auf einen ungefährdeten Sieg gestellt, der zumindest Platz 3 in der Gruppe hätte bedeuten können. Hätte, wenn und aber...

Für den Treffer zum 2:0 zahlte die Borussia einen hohen Preis, der in Person des verletzten Sebastian Kehl plakativ auf einer Trage vom Platz getragen wurde. Nach Sven Bender in London wurde wieder ein zentraler Pfeiler unseres Spiels förmlich herausgetreten aus dem Mannschaftsgefüge, das kann doch kaum mit rechten Dingen zugehen!? Konnte man bei Bender noch von einem Unfall sprechen, so muss im Falle Kehl die Frage erlaubt sein, wie der Schiedsrichter ein derart böses Foul zwar durch einen Strafstoß ahnden kann, aber es zugleich bei einer Verwarnung für den Übeltäter belässt, der dem BVB-Kapitän immerhin mit voller Wucht ins Gesicht tritt. Das muss man nicht verstehen.

Angeschlagen wie ein Boxer

Der BVB steckte den Schicksalsschlag ein wie ein selbstbewusster Boxer, suchte weiter nach dem K.o.-Schlag, den ein drittes Tor gegen Marseille vielleicht dargestellt hätte. Chancen hierfür gab es tatsächlich einige, doch sie wurden vertändelt (Götze, der sich überragend von zwei Gegenspielern löst, dann aber nur ein mädchenhaftes Schüsschen zustande bringt) oder durch höhere Mächte blockiert (Kuba fällt nicht von allein im Strafraum um, doch den englischen Referee Howard Webb interessiert das wenig). Hätte, wenn und aber - eine 3:0-Pausenführung für den BVB wäre locker drin gewesen, und zwar gegen nur noch 10 Franzosen.

Es kam bekanntlich anders: Perfiderweise profitierten die Gäste durch die ungewöhnlich lange Nachspielzeit von fünf Minuten - die sie selbst herbeigeführt hatten, indem sie Kehl zu Boden traten, was eine längere Behandlungs- und Transportzeit applizierte - und kamen durch ihren ersten ernstgemeinten Angriffsversuch zum glücklichen Anschlusstreffer. Der aus Dortmunder Sicht nicht hätte blöder fallen können: Löwe lässt sich bei der Flanke düpieren, Piszczek ist mal wieder einen Moment unachtsam und lässt Remy köpfen, schon hatten wir den Salat.

Ein Knacks und viele Ausfälle

Dass dieses unglückliche Gegentor und der Ausfall ihres Kapitäns der Mannschaft einen Knacks gegeben haben, ist nicht belegt. Verständlich indes wäre es, zumal Mario Götze mit einer Verletzung in der Kabine bleiben musste. Ihn ersetzte Ivan Perisic, der zwar enorm engagiert zu Werke ging, aber einen „Andy-Brehme-Gedächtnistag“ erwischt hatte („Haste Scheiße am Fuß, haste Scheiße am Fuß“).

Gepaart mit einigen Totalausfällen (Lucas Barrios war ganz schwach, Toni da Silva mit dem Tempo hoffnungslos überfordert, Ilkay Gündogan wieder nicht besonders auffällig, Chris Löwe weit unter seinen Möglichkeiten etc.) war damit die Saat für einen unerfreulichen Ausgang dieses Fußball-Abends gelegt. Nach der Pause kam die Borussia kaum noch zum Zug, die wenigen vielversprechenden Aktionen wurden leichtfertig vertan – so kannst Du in der Champions League keinen Erfolg haben. Mag sein, dass der sich abzeichnende Erfolg von Olympiakos Piräus gegen die Reserve von Arsenal London ein zusätzlicher Motivationskiller war, aber das ist für unsere Betrachtung unerheblich.

Schiri pfiff so wie ein englischer Torwart hält

Nach 85 Minuten hätte man eigentlich ein wohlmeinendes Fazit ziehen können. Hätte der englische Schiedsrichter, der so schwach pfiff wie gemeinhin englische Torhüter zu halten pflegen, die Partie zu diesem Zeitpunkt beendet, hätte Borussia Dortmund ein Champions-League-Spiel gegen einen stark eingeschätzten Gegner relativ problemlos gewonnen. Die meisten Zuschauer wären zufrieden nach Hause gegangen.

Doch der Fußball-Gott hatte den BVB noch nicht sämtliche der sieben Geißeln heimsuchen lassen. Die Franzosen kamen zu Angriffen, vielen Ecken und bei einer dieser Gelegenheiten gönnte sich Roman Weidenfeller eine unfassbare Auszeit, schon stand es 2:2. Die ersten Zuschauer verließen das Stadion, doch natürlich kam es noch schlimmer. Mit einem leider wirklich sehenswerten Treffer stellte Valbuena den Spielverlauf gänzlich auf den Kopf, jetzt verließen Tausende Dortmunder ihre Plätze und ließen ihre bedauernswerte Mannschaft schmählich im Stich. Beides hatte die Mannschaft nun wahrlich nicht verdient - weder die Niederlage, noch die sogenannten Fans, die scharenweise flüchteten.

Am Ende hat die Tretertruppe aus Marseille (fünf gelbe Karten, damit war sie gut bedient) die nächste Runde erreicht. Unverdient. Die Borussia ist draußen – leider verdient, weil Abschlusstabellen nicht lügen. Doch die Mannschaft hat gelernt, das wird ihr in der Liga zugute kommen. Europa sollte sich also nicht zu früh freuen – Borussia Dortmund kommt wieder, wie es Jürgen Klopp bereits formulierte. Und zwar schon bald!

Uli Vonstein, 7. Dezember 2011 (www.die-kirsche.com)

 
 

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