Dortmunder Desperados müssen um ihren Ruf kämpfen

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Dortmund. Gegen 119 BVB-Fans hat der FC Schalke 04 vor einigen Tagen Stadionverbote ausgesprochen. Eine Gruppe ist davon besonders stark betroffen: die Desperados. Diese Ultra-Gruppierung ist in den vergangenen Monaten unter anderem wegen rechtsradikaler Aktivitäten in die Kritik geraten.

In Dortmund ist vor allem eine Ultra-Gruppierung in den Fokus der Berichterstattung gerückt: die Desperados. Diese etwa 80 Fans umfassende Gruppe machte in den vergangenen Monaten mit Ausschreitungen in Gelsenkirchen unschön auf sich aufmerksam. Nach den Ausfällen vor dem Revier-Derby am 20. Februar wurden 119 BVB-Fans mit Stadionverboten durch den FC Schalke 04 belegt. Nach Informationen von DerWesten sind darunter auch rund 25 Desperados.

Bewegung nach Rechts

Doch das ist nicht das Hauptproblem der Gruppe. Schlimmer wiegen die Vorwürfe, die Desperados bewegten sich rasant in Richtung rechtes Spektrum oder seien bereits eine rechtsradikale Gruppierung. Diesen Eindruck untermauern Bilder, die Mitglieder der Gruppe bei Straßenkampf-Übungen mit Neo-Nazis in einer Dortmunder Turnhalle zeigen.

Die Desperados als Mitglieder der rechts-autonomen Szene? Ungefähr seit dem Jahr 2006, so ein guter Kenner der Dortmunder Ultra-Szene, der aus Sicherheitsgründen nicht genannt werden will, habe eine Bewegung der Desperados nach rechts eingesetzt. „Dann entwickelte sich eine starke Eigendynamik“, so der Szene-Kenner weiter. Ein Problem: Die Desperados betrachteten sich als strikt unpolitisch und duldeten daher auch rechte Äußerungen in ihrem Umfeld. Der Szene-Begleiter: „Das waren besoffene 17- oder 18-Jährige, die früher eigentlich ganz normal waren. Jetzt haben viele Stadionverbot.“ Nach außen haben sich die Desperados bislang nicht von den rechten Tendenzen einiger ihrer Mitglieder distanziert.

Präsentieren gezockter Fahnen

Auch in punkto Gewalt fallen die Desperados deutlicher auf als Mitglieder anderer Dortmunder Ultra-Gruppierungen. Auf der Südtribüne standen sie bisher weit weg vom harten Kern, weit unten in Block 14, fast am Spielfeldrand. In der Vergangenheit kam es immer vor, dass die Desperados gestohlene Schals oder Fahnen präsentierten. Dieses „Zocken“ von Fan-Utensilien ist unter Ultras zwar weit verbreitet, findet aber nicht überall Anklang, insbesondere dann, wenn Unbeteiligte betroffen sind. „Das ist eine Unart“, urteilt Rolf-Arnd Marewski, Leiter des Dortmunder Fan-Projekts.

Den Fans fehle oft das Bewusstsein, dass sie eine Straftat begingen. Marewski: „Im strafrechtlichen Sinne ist das Raub. Wenn ich das den Jungs sage, sind die immer ganz überrascht.“ Als Stimmungsmacher treten die Desperados indes kaum noch auf.

Rolf-Arnd Marewski glaubt, dass die Desperados vor einem endgültigen Abrutschen in die rechte Szene bewahrt werden können. „Die Führungspersonen bei den Desperados sind keine Nazis“, sagt der Sozialarbeiter. „Es gibt aber einige junge Mitglieder, die dem rechten Spektrum zugetan sind“, erklärt er. Problematisch sei vielmehr die Art und Weise, wie das Führungs-Personal mit Problemfällen umgehe: „Die schmeißen keinen raus, solange er den Verein unterstützt und die Politik nicht mit ins Stadion trägt.“ Dass die Rechten dabei „übers Ziel hinausschießen“, sei den Anführern der Desperados „ein Dorn im Auge“, auch wenn die das öffentlich nie sagten.

Kein Verhältnis zur Borussen-Front

Das Fan-Projekt steht im Gespräch mit den gemäßigten Köpfen der Desperados. Marewski, der sich zu Beginn seiner Zeit beim Fan-Projekt noch mit den Neo-Nazis von der berüchtigten Borussen-Front herumschlagen musste, ist optimistisch. „Was bei den Desperados passiert, steht in keinem Verhältnis zur Zeit der Borussen-Front“, so der Fan-Experte. Er und seine Kollegen setzen daher auf kritische Dialoge. „Man darf die Leute nicht stigmatisieren und in einen Rahmen pressen, aus dem sie nicht mehr rauskommen“, warnt er, und: „Wenn man ihnen oft genug sagt, dass sie Nazis sind, dann werden sie auch welche.“ Die Sozialarbeiter vom Fan-Projekt wollen den Problemfällen den Spiegel vorhalten. „Wenn wir denen sagen, dass ihr Verhalten an das der Hooligans in den 80er Jahren erinnert, regt die das auf“, so Marewski.

Dass die Desperados nun so im Fokus der Berichterstattung stehen, findet Marewski falsch. „Bei den Ausschreitungen in Gelsenkirchen war ein Querschnitt durch die komplette Fan-Szene beteiligt“, erklärt er. Als Gruppe seien die Desperados allerdings leichter zu identifizieren. Das bedeute nicht, dass die sie eine harmlose Gruppierung seien. Nach den Berichten der Westfälischen Rundschau über Straßenkampf-Übungen mit Neo-Nazis in einer Dortmunder Turnhalle beschwerten sich noch einige führende Mitglieder, dass keine Desperados dabei gewesen sein könnten. Marewski: „Ich musste denen dann sagen: ‚Seid mal still, das waren welche von euch’.“

Das Fan-Projekt will den gemäßigten Mitgliedern der Desperados nun helfen, die Selbstreinigungskräfte der Gruppe zu wecken. Ein Weg, auf den der langjährige Ultra-Begleiter gegenüber DerWesten eher nicht setzt: „Ich glaube, der Zug ist abgefahren“, so sein ernüchterndes Fazit. Fan-Projektler Rolf-Arnd Marewski hingegen will, dass die Gruppe einen Verhaltenskodex entwirft, nach dem sich die Mitglieder zu richten haben – und im Zweifel aus der Gruppe ausgeschlossen werden können. Marewski versichert: „Wir haben die Jungs im Auge. So lange die Radikalisierung nicht weiter fortgeschritten ist, schaffen wir das, die rauszuholen.“ Vielleicht hilft die Rückkehr der Desperados in die Mitte der Südtribüne dabei. Neuerdings stehen sie nicht mehr rechts unten in Block 14, sondern in den Blöcken 12 und 13 - dem Stimmungszentrum.

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