Dortmund stöhnt - BVB-Profis wünschen sich echte Liebe

Frank Lamers
Robert Lewandowski liegt am  Boden: Doch der Ausnahmestürmer ist eigentlich das BVB-Stehaufmännchen.
Robert Lewandowski liegt am Boden: Doch der Ausnahmestürmer ist eigentlich das BVB-Stehaufmännchen.
Foto: imago/Annegret Hilse
Schmelzer wird lange verletzt fehlen. Lewandowski gelbgesperrt im Viertelfinale der Königsklasse. Die BVB-Spieler klagen über das Stöhnen der Fans gegen St. Petersburg - trotz Einzug ins Viertelfinale. Schwarzgelb geht nicht nur körperlich am Stock, auch das Nervenkostüm ist mittlerweile angespannt.

Dortmund. Die Zweifel an Robert Lewandowskis Bereitschaft, bis an die Leistungsgrenze zu gehen, sind dahingewelkt. Dieser Respekt, der dem Angreifer mit bajuwarischer Zukunft entgegengebracht wird, wurzelt aber längst nicht mehr nur in seiner untadeligen Performance auf dem Rasen. Vor der 1:2-Niederlage gegen Zenit St. Peterburg, die wegen des 4:2 im Hinspiel den Einzug in das Viertelfinale der Champions League bescherte, hatte Lewandowski die Ziele des BVB benannt. Zweiter in der Bundesliga. Im Pokal ins Finale. In der Königsklasse weiter, immer weiter.

Was offensichtlich scheint, wird von anderen Akteuren selten in solcher Klarheit formuliert. Lewandowski allerdings funktioniert so. Die Übersiedlung nach Bayern steht erst im Sommer an. Die Konzentration gilt Schwarzgelb, gilt maximalem Fußballerfolg. Auf anderes, auf Fanzweifel, Medienbohei, Zoff der Klubs wegen seines Wechsels, reagiert der Pole wie Eis auf Minusgrade. Gehört nicht zu seinem Job. Er bemerkt: gar nix.

Mancher Kollege ist sensibler. Nach der Partie gegen die Russen wurde deshalb Anhängerschelte betrieben. Nuri Sahin hat erklärt: „Ich hatte das Gefühl, dass wir uns dafür entschuldigen müssen, unter den letzten Acht zu sein.“ Kevin Großkreutz nahm die Südtribüne aus, von der herab er einst selbst die Dortmunder Borussia anfeuerte. Doch: „Das gefällt mir gar nicht, bei Ballverlusten immer dieses Gestöhne.“ Und selbst Sebastian Kehl, der 34-jährige Capitano, der seit einem Dutzend Jahren im Dienst der Westfalen steht und gegen Zenit sein erstes, immens wichtiges Champions-League-Tor zum zwischenzeitlichen 1:1 (38. Minute) erzielte, merkte an: „Die trübe Stimmung im Stadion kann ich nicht verstehen.“

Es war, als hätten sich die Spieler abgesprochen, als hätten sie nach Abpfiff eine Versammlung einberufen und sich beraten: Wie sage ich es meinem Fan? Beschluss: vielstimmig. In konzertierter Aktion. Was im Nachhinein durch diese geballte Klageführung zu einer Größe reifte, die wie ein Grand Canyon zwischen der Mannschaft und dem kopfstärksten Publikum Europas wirkte, hatte jedoch eine schmale Ursache. Es gab keine Pfiffe. Es gab Geraune bei versprungenen Bällen, bei nicht gelungenen Pässen. Das Stadion fieberte mit, fürchtete nach dem brachialen 1:0 durch Petersburgs Hulk aus 25 Metern (16.), dass das, was unten auf dem Feld geboten wurde, vielleicht doch nicht reichen würde auf dem Weg zu weiterem Kräftemessen mit der europäischen „Creme de la Creme“, wie es Trainer Jürgen Klopp formulierte und öfter wiederholte, so oft wie den Satz: „Ich bin stolz auf meine Jungs.“.

Spieler wünschen sich echte Liebe

Es reichte. Trotz des russischen 2:1 durch Jose Rondon (73.). Dass es allein mit einem engagierten, aber nie wirklich kompakten, präzisen, inspirierten Auftritt wie diesem gegen die am Freitag in den Lostöpfen lauernden FC Barcelona, Real Madrid, Manchester United, Atletico Madrid, FC Chelsea, Paris St. Germain und vor allem Bayern München nicht reichen wird, das hat dann Lewandowski sachlich verkündet. „Wir müssen 110 Prozent Gas geben und viel, viel besser spielen.“ Der Mann mit den wertvollen Scheuklappen, nicht nur laut Mats Hummels „bester Stürmer der Welt“, wird wegen einer umstrittenen gelben Karte, seiner dritten im Wettbewerb, aber in der Hinpartie nicht mittun können. Gündogan, Subotic, Blaszczykowski, Bender fehlen ohnehin langzeitverletzt. Marcel Schmelzer ist dazu gekommen. Ein hartes Aufeinandertreffen mit Hulk – und der National-Außenverteidiger musste sich mit einem Muskelfaserriss am Schambeinansatz für die kommenden vier Wochen krank melden.

Und die, die seit Wochen spielen, verlieren langsam sichtbar an Substanz. Die Körper sind geschunden, die Seelen angeraut. Was sich die Spieler wünschen, schon gar, wenn sie ihr Soll übererfüllen und malade, aber weiter königsklassig unterwegs sind, ist die Erfüllung des Vereinsmottos: echte Liebe. In echter Eiseskälte ist die Königsklasse aber nur Kür. Michael Zorc, der Sportchef, hat gemahnt: „Wir müssen in der Liga in der Spur bleiben.“ Samstag muss der BVB zu Hannover 96. Am nächsten Dienstagabend liegt bereits das Derby gegen Schalke an. Platz zwei, Lewandowskis Zielvorgabe, ist gefährdet.