Die Kampfansage: Der BVB kann jetzt auch Männerfußball

Der BVB-Jubel nach dem 1:0.
Der BVB-Jubel nach dem 1:0.
Foto: firo
  • Trainer Thomas Tuchel kehrt vom Anspruch des schönen Spiels ab
  • Gegen Bayern agiert Dortmund wie Atletico Madrid
  • Neuer Pragmatismus der Borussia ist eine subtile Kampfansage

Dortmund. Mal einen Blick in den Spiegel riskieren? Mal die Muskeln anspannen und schauen, welches Bild man so abgibt? Der Geschäftsführer vielleicht? „Es gibt nichts Geileres, als Bayern München zu schlagen“, dröhnte Hans-Joachim Watzke am Sonntag bei der Mitgliederversammlung von Borussia Dortmund. Die Mannschaft war da gerade in der Westfalenhalle angekommen. „Wenn man die überschäumende Freude im Stadion gesehen hat: Das vergisst du nicht“, befahl der BVB-Boss noch immer beseelt von diesem 1:0-Sieg gegen den Meister, der viel mehr war als nur ein Sieg. Watzke weiß das, fängt seine Überschwang aber wieder ein: „Wir haben überhaupt keinen Grund zu Triumphgeheule.“

Nicht einmal die beste BVB-Leistung

Einerseits ist das richtig, andererseits sind Spiele zwischen dem BVB und dem FC Bayern nun einmal automatisch die in Deutschland am meisten beachteten Muskelspiele. Es sei „das Statement schlechthin“, München in die Knie zu zwingen, sagt Thomas Tuchel, dem erstmals als BVB-Trainer ein Erfolg gegen den in den vergangenen Jahren übermächtigen Gegner gelang. Die letzten Heimsiege hatte es in den Saisons 2010/11 und 2011/12 gegeben, den Meisterspielzeiten.

Dabei – darin waren sich alle einig – hatte der BVB nicht einmal seine beste Leistung benötigt, um den Sieg einzufahren. Tuchel, Freund des schönen Spiels, hatte Abstriche bei der Ästhetik in Kauf genommen, hatte seine Spieler abgerichtet wie jene bei Münchens Angstgegner aus der Champions League: Atlético Madrid. Der BVB überließ den Bayern das Spiel – und gewann die Partie. „Im Moment tun wir uns mit dem Ball nicht so leicht“, sagte André Schürrle, „deshalb müssen wir über den Kampf kommen. Das war echter Männerfußball.“

Weihnachten ist jedes Jahr, Heimsiege gegen Bayern sind höchste Feiertage auf Dortmunder Boden.

Vor allem, wenn sie bewirken, was sie nun bewirken: München muss Leipzig an die Tabellenspitze vorbeiziehen lassen, der BVB ist nur noch drei Punkte entfernt. „Das ist doch schön für die Liga, das haben sich doch alle gewünscht“, zischte Münchens Kapitän Philipp Lahm, der Unverständnis über seine Auswechslung nur unzureichend zu verstecken versuchte: „Da müssen sie den Trainer fragen, ich bin nicht für Ein- oder Auswechslungen zuständig.“ Schlechte Laune. Aus den letzten sechs Ligaspielen holte der FC Bayern nur zwei Siege. Klingt nach Krise.

München wirkt unter Trainer Carlo Ancelotti genügsamer, verwundbarer als in den Jahren zuvor unter Pep Guardiola, der stets das Maximum forderte – und erhielt. 80 Minuten lang hatte der Meister Zeit, den Rückstand durch Pierre-Emerick Aubameyang auszugleichen, doch mehr als ein Lattenschuss von Xabi Alonso und ein Abseitstor von Franck Ribéry gab es nicht.

Liegestütze wie bei Gradur

München tänzelte mit dem Ball am Fuß aufgeregt von links nach rechts, Dortmund setzte den Wirkungstreffer. Pass des starken Mario Götze, Fußspitze Aubameyang. Zwölfter Saisontreffer des Gabuners, der diesen auf ungewöhnliche Weise bejubelte: Er deutete auf die Tribüne, wo ein befreundeter französischer Rapper namens „Gradur“ das Spiel verfolgte. In dem Video zu dessen neuestem Lied zählen junge Männer dicke Geldscheine, werfen ihre gestählten Körper für die Kameras in Szene – und vollführen Liegestütze. Aubameyangs Muskelshow im Muskelspiel.

Das Kampfmotiv ist zumindest derzeit eine glaubwürdige Pose für die Borussia. Zumindest sichert sie die Möglichkeit, im Titelrennen genannt zu werden, ohne beste Form, ohne beste Spieler. Eine Kampfansage, subtil formuliert.

 
 

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