Die bessere Borussia - Gladbach hat BVB den Rang abgelaufen

Gute Borussia, schlechte Borussia: Harvard Nordtveit demonstrierte mit Gladbach, warum man dem BVB derzeit einiges voraus hat.
Gute Borussia, schlechte Borussia: Harvard Nordtveit demonstrierte mit Gladbach, warum man dem BVB derzeit einiges voraus hat.
Foto: dpa
Mit 1:3 unterlag der BVB in Gladbach - und das völlig verdient. Die Partie demonstrierte nachdrücklich, warum Gladbach den BVB überflügelt hat.

Mönchengladbach.. "Die haben pfeilschnelle Spieler da vorne", lobte der Außenverteidiger. "Natürlich haben sie individuell starke Spieler im offensiven Bereich", ergänzte der Mann aus dem defensiven Mittelfeld und vergaß auch nicht, die taktische Disziplin und Konterstärke des Gegners hervorzuheben. Kurz: Es war so oft wie in den vergangenen Jahren, wenn Borussia Dortmund in der Bundesliga unterwegs war und der Gegner später erklären musste, warum er gegen diesen BVB nichts hatte ausrichten können.

Doch in dieser Saison ist bekanntlich vieles anders - und so waren es die Dortmunder Marcel Schmelzer und Sebastian Kehl, die versucht hatten zu erklären, was eigentlich nicht zu erklären war: dass man zwar in punkto Ballbesitz und Torschüsse bessere Werte als der Gegner vorweisen konnte, dass aber in der einzig relevanten Kategorie, den erzielten Toren, ein 1:3 gegen Borussia Mönchengladbach stand - und dass keiner der Anwesenden auch nur den leisesten Zweifel hatte, dass dieses Ergebnis absolut verdient war.

Besonders haderten die BVB-Akteure mit dem Gegentor nach 28 Sekunden, als Henrikh Mkhitaryan außen nur äußerst halbherzig verteidigte, Mats Hummels im Strafraum wegrutschte und so Patrick Herrmann bei der Torvorbereitung nicht mehr stören konnte. "Ich weiß, dass das auch mein Fehler war", gab der BVB-Kapitän zu. "So haben wir uns dieses Spiel wieder selbst kaputt gemacht", haderte Sebastian Kehl.

Der BVB war viel am Ball - und wusste wenig damit anzufangen

Ein erstaunliches Statement, schließlich waren zu jenem Zeitpunkt inklusive Nachspielzeit noch gute 90 Minuten zu spielen. Doch der Glaube, das Spiel noch drehen zu können, war den BVB-Spielern nur in wenigen Momenten anzusehen. Gladbach dagegen agierte selbstbewusst - und tat nach dem frühen Dortmunder Geschenk das, was derzeit meist ausreicht gegen diese schwarz-gelbe Mannschaft: tief stehen und auf Fehler warten. Der BVB war zwar oft im Besitz des Spielgeräts, wussten damit aber wieder einmal viel zu wenig anzufangen und strahlte nur selten Gefahr aus. Meist wurden die Bälle quer oder zurück gespielt - und kam man doch mal in den Strafraum, gingen sie schnell wieder verloren. Es fehlte an Tempo, es fehlte an Klarheit, es fehlte an Inspiration.

Die 90 Minuten, sie führten Fans und Verantwortlichen noch einmal schmerzhaft vor Augen: Gladbach ist derzeit die bessere Borussia, der Klub vom Niederrhein hat dem einstmals größeren Namensvettern den Rang abgelaufen. 20 Punkte trennen die beiden Vereine inzwischen - und auch am Samstag war dieser Unterschied klar zu sehen.

Am Personal lag es nicht

Kapitän Hummels überraschte dennoch mit der Analyse, es sei "das erste richtig schlechte Spiel" im Jahr 2015 gewesen - eine Ansicht, die er jedoch weitgehend exklusiv vertrat. Weil es eben schon einige Partien dieser Sorte gab, muss der BVB in der Tabelle noch immer nach unten schauen.

Mit der individuellen Klasse der Akteure ist das nicht zu erklären. Zwar fehlten dem BVB abermals sieben Spieler, dennoch standen zahlreiche hochdekorierte Nationalspieler auf dem Platz. "Das war keine Frage des Personals heute", sagte Kehl. "Auch das, was wir auf dem Platz hatten, hätte zu mehr ausreichen sollen." Doch während Gladbachs Patrick Herrmann, Max Kruse oder Granit Xhaka stark aufspielten, bleiben die BVB-Spieler bleiben seit Monaten deutlich unter ihren Möglichkeiten (Henrikh Mkhitaryan und Shinji Kagawa), wirken zunehmend überspielt und ideenlos (Ilkay Gündogan) und oder können gegen tiefstehende Gegner ihre Stärken nicht ausspielen (Pierre-Emerick Aubameyang).

Blitzsaubere Gladbach-Konter gegen fehlerhafte BVB-Abwehr

Und so reichte es für Dortmund wieder einmal nicht zu einem (Teil-)Erfolg - weil sich die einzelnen Teile bei Gladbach deutlich harmonischer zu einem Ganzen fügten, weil die Hausherren gemeinschaftlich geschickt verteidigten und blitzsaubere Konter-Spielzüge auf den Rasen malten - und weil irgendwann der nächste BVB-Fehler kam: Abwehrchef Hummels ging in der gegnerischen Hälfte hohes Risiko, verlor aber den Zweikampf gegen Max Kruse. Von dem landete der Ball bei Patrick Herrmann, der sich sogleich im Vollsprint auf Richtung Dortmunder Tor machte. Ilkay Gündogan und Kehl konnten ihn nicht bremsen, Neven Subotic und Sokratis erfassten die Situation viel zu spät und bekamen gar nicht erst die Gelegenheit, überhaupt einen Zweikampf zu führen, sodass Herrmann ebenso frei vors Tor kam wie Raffael, zu dem er noch querlegte - 0:2 aus BVB-Sicht (32.).

In der Halbzeitpause stellte Dortmund noch einmal um auf eine Dreierkette in der Abwehr, um so einerseits besser gegen die Gladbacher Konter abgesichert zu sein und andererseits mehr Druck über die Flügel zu machen. Die kurze Drangphase aber blieb ohne Ertrag, wenngleich das Spiel über die Außen in Ansätzen gut funktionierte. "Aber dann brauchen wir auch eine gewisse Strafraumbesetzung und Torgefahr", sagte Kehl. "Das hatten wir in der zweiten Halbzeit phasenweise, aber auch nicht in der Vehemenz, um das Spiel hier heute zu gewinnen." Und bei einem der wenigen gelungenen Angriffe traf Shinji Kagawa den Ball völlig freistehend kurz vor dem Tor den Ball nicht - es wäre das 1:2 gewesen (50.). "Dann hätte ich gerne mal gesehen, was hier los gewesen wäre", trauerte Sportdirektor Michael Zorc der Gelegenheit nach.

BVB-Hoffnungen richten sich auf Sommerpause

Stattdessen folgte der nächste Slapstick-Gegentreffer, als ein Eckball über Sokratis' Kopf und Adrian Ramos' Rücken bei Harvard Nordtveit landete, der am Fünfmeterrraum absolut unbehelligt von Gegenwehr einschob (67.). Gündogans Ehrentreffer zum 1:3 (76.) änderte kaum noch etwas - weil nie das Gefühl aufkam, der BVB könne das Spiel noch drehen. Offensiv harmlos, defensiv anfällig - wer sich vor dem Spiel nicht hatte erklären können, warum der noch amtierende Vizemeister in der Bundesliga einen derartigen Absturz hingelegt hat, bekam es noch einmal in 90 Minuten komprimiert vor Augen geführt.

Die Hoffnungen richten sich nun auf die Sommerpause, in der - so wollen es die Verantwortlichen - Trainer Jürgen Klopp die Mannschaft wieder in die Spur bringen soll. Allerspätestens seit Samstag ist klar, dass es mit kleineren Reparaturen nicht getan sein wird - ansonsten spricht wenig dagegen, dass Gladbach auch mittelfristig die bessere Borussia bleibt.

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