Deutscher Meister - jeder weiß warum

Borussia zeigt in Düsseldorf Charakter, liefert sich trotz langer Verletztenliste und 90 Minuten Spiel in Unterzahl einen grandiosen Pokalfight und überwintert im Viertelfinale. Somit schickt sie ihre Fans glücklich in die Feiertage und setzt ein letztes von vielen fußballerischen Ausrufezeichen in einem aus Dortmunder Sicht großartigen Kalenderjahr.

Dortmund. Am Dienstagabend fand in Düsseldorf ein Pokalspiel statt, nach dem mit Sicherheit beide Teams für sich behaupten durften, den Sieg verdient gehabt zu haben. Da der Pokal keine Punkteteilungen kennt, musste es selbstverständlich einen Verlierer geben. Und dass dieser nicht Borussia Dortmund hieß, ist eingedenk der Umstände bemerkenswert und markiert einen letzten Höhepunkt eines der besten Kalenderjahre in der Vereinsgeschichte der Schwarzgelben.

Beim Gegner wird man sicherlich hadern, weil man sich gegen den Deutschen Meister ein Chancenplus und zwischenzeitliche Feldüberlegenheit erspielt hatte, um dann schlussendlich im Elfmeterschießen auszuscheiden. Trotzdem waren die hämischen Sprechchöre der heimischen Schlachtenbummler (“Deutscher Meister - Keiner weiß warum!“) mit Sicherheit kein Indikator für übersteigerten Fußballsachverstand.

Grandioser Sieg des Willens

Denn von der anderen Seite aus betrachtet war es ein grandioser Sieg des Willens. Denn alles, wirklich alles, sprach gegen den BVB. Da weiß man ja gar nicht, wo man anfangen soll. Zunächst einmal ging es zur wieder erstarkten Fortuna aus Düsseldorf, die bisher alle drei jemals stattgefundenen DFB Pokal-Duelle gegen Dortmund für sich entschieden hatte. Außerdem handelte es sich schon um die dritte Runde im DFB-Pokal, in der Borussia eigentlich spätestens pflegt, gegen unterklassige Gegner zu verlieren. Als das Klopp-Team in die Landeshauptstadt reiste, fehlten mit Santana, Subotic, Schmelzer, Götze, Bender, Zidan und dem Langzeitverletzten Julian Koch bereits sieben Spieler. Fünf von ihnen hätten ansonsten mit hoher Wahrscheinlichkeit von Beginn an auf Platz gestanden. Kurz vor der Partie fiel dann auch Kagawa Shinji erkrankt aus. Also musste man ohne sechs Stammspieler antreten. Und auch ohne alle Akteure, die sich in letzter Zeit als offensive Kreativspieler ausgezeichnet hatten.

In der Abwehrzentrale musste mit „Uwe Moyela“ ein Außenverteidiger ran, der sich dann schon nach einer halben Stunde die Ampelkarte einfing. Das sollte am Ende ganze 90 Minuten (!) Spiel in Unterzahl bedeuten. 90 Minuten, die Gündogan und Lewandowski, in Ermangelung von Alternativen, augenscheinlich angeschlagen überstehen mussten.

Peinlicher Schiri im Elfmeterschießen

Unter diesen Umständen ist es - vom Spielverlauf unabhängig - aller Ehren wert, dass sich Dortmund ins Elfmeterschießen gerettet hat. Aber was heißt „gerettet“, wird sich jeder Schwarzgelbe gedacht haben. Schließlich hatte Borussia unglaubliche acht ihrer letzten zehn Elfmeter verschossen. Spätestens jetzt schien also die Niederlage besiegelt. Als es dann in der „Elferkloppe“ (So sagt man das im Pott...) wider Erwarten gut für Borussia lief, fing Schiri Gräfe mit dem peinlichen und meistens nicht nachvollziehbaren Spielchen an, selektiv Elfmeter wiederholen zu lassen, nachdem Torhüter beim Schuss nicht auf der Linie stehen. Regelkonform, aber lächerlich, weil dann ausnahmslos jeder Elfmeter auf der ganzen Welt mehrfach wiederholt werden müsste. Auch in Düsseldorf würden sie wohl heute noch auf die Bude ballern.

Auch hier war der BVB dann benachteiligt. Denn Gräfe ließ nur dann Strafstöße wiederholen, wenn wahlweise Borussia getroffen oder Fortuna verschossen hatte.

Dass Fortuna am Ende also dem Ballspielverein hold war, hat er sich mit einer ganz großen kämpferischen Leistung verdient. Wenn man nach so einer Dramaturgie das Spiel für sich entscheidet, zeugt das vor allem auch von Charakter. Und der Charakter dieser Truppe ist einer der Gründe, warum sie Meister und Mannschaft des Jahres ist. „Warum“ sie das ist, weiß - Fangesänge hin oder her - jeder Mensch außerhalb von Düsseldorf. Zumindest jeder Mensch, der sich marginal im Ballsport auskennt.

„Wir wollten nicht kurz vor Weihnachten aus einem zweiten Wettbewerb ausscheiden“ hatte der einmal mehr überragende Mats Hummels nach dem Abpfiff gesagt. Mission erfüllt! Der BVB schickt sich und seine Anhänger glücklich in die Feiertage. Feiertage, nach denen die Spekulationen um die Zukunft von Kuba und Barrios nicht abreißen werden. Während ersterer sich in den letzten Wochen auf seine Leistung konzentrierte und im letzten Spiel des Jahres zu den Besten in Schwarzgelb zählte, lieferte Barrios auch in seinem dritten Saisonspiel von Beginn an, wie auch nach jeder seiner zahlreichen Einwechslungen, eine eher indiskutable Leistung ab. Weniger nörgeln, mehr Fußball spielen, bitte!

21.12.2011, Rutger Koch (Gib mich DIE KIRSCHE)

 
 

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