Der BVB sucht den "letzten Punch" gegen defensive Gegner

Nils Hotze und Daniel Berg
Die Serie hält, aber Borussia Dortmund erreicht beim 1. FC Nürnberg nur ein Unentschieden. Der Gegner und der Schiedsrichter nerven den deutschen Meister. BVB-Trainer Jürgen Klopp muss nun mit dem Problem umgehen, dass schon wieder Länderspielpause ist. Zwölf Spieler sind unterwegs.

Nürnberg. Dieter Hecking versuchte erst gar nicht, seine Zufriedenheit zu verbergen. „Wir haben die Dortmunder genervt“, trug Nürnbergs Trainer genussvoll vor. Sein Gesicht verriet dabei diebische Freude. Sein Gegenüber Jürgen Klopp hielt fest: „Was wirklich an die Nieren ging, war die Schiedsrichterleistung.“ Hinzu kam, dass das Ge­gentor beim 1:1 im Frankenland nach einer Standardsituation fiel, wieder einmal. Schon während der Vorbereitung hatte Klopp die eigene Schwäche bei ruhenden Bällen als „lästig“ identifiziert, nun gab es im zweiten Punktspiel das zweite Gegentor auf diese Art.

Es ging dem BVB in Nürnberg an die Nerven und an die Nieren. Das allein reicht gemeinhin, um noch so agile Sportler lahm zu legen. Wenn dann noch das eigene Laster dazu kommt, wird es schwer.

Damit kein falscher Eindruck entsteht: Das 1:1 geht in Ordnung. Für die „fantastisch verteidigenden Nürnberger“ (Hecking) sowieso. Auch für die Dortmunder, denen „der letzte Punch fehlte“ (Klopp). Vor allem wegen des Spielverlaufs.

Nürnberg spielt massiv defensiv gegen den BVB

Genau hier aber müssen sie beim BVB ansetzen. Denn die Nürnberger waren nicht die ersten und vor allem werden sie nicht die letzten gewesen sein, die derart massiv defensiv gespielt haben. Die durch hohe Disziplin und noch mehr Laufbereitschaft, durch das eine oder andere harte Einsteigen und gezielte versteckte Nettigkeiten das alte Mittel der Manndeckung neu belebt haben. Denen eine gescheite Ecke in Verbindung mit einer Schwäche beim Gegner reichte, um durch Tomas Pekhart gegen den unentschlossenen Roman Weidenfeller einen Treffer zu erzielen (31.). Und die nach dem Ausgleich von Jakub Blaszczykowski (40.) bei einer einzigen Nachlässigkeit von Mats Hummels und einer zweiten Unsicherheit von Weidenfeller beinahe sogar noch gewonnen hätten.

Weil man aber solch defensive Mannschaften nicht einfach so vom Spielbetrieb ausschließen kann, wie Sebastian Kehl festhielt, sind es die Dortmunder, die sich neue Lösungen einfallen lassen bzw. ihre längst entwickelten Ideen fortan vom Trainingsplatz ins Stadion transportieren müssen.

Um es konkret zu machen: Im ersten Meisterjahr, als die Borussia noch das Momentum des Überraschenden auf ihrer Seite hatte, hatte sie im wesentlichen drei Optionen, den eigenen Angriff zu eröffnen. Es war die Mischung aus Inspiration und Intuition, die Zuschauer und Mannschaft mitunter in einen berauschten Zustand versetzte. Mats Hummels spielte den das Feld überbrückenden und dennoch punktgenauen Diagonalpass. Nuri Sahin den strategischen Finalpass; flach, kurz und hart. Und Shinji Kagawa düpierte mit seinem Schuss Genialität mitunter ganze Abwehrreihen. Das war einmal.

Sogar Hummels in Manndeckung

Heute haben sich die Gegner auf Dortmunds Spiel eingestellt. Heute wird Hummels, der Innenverteidiger, in Manndeckung genommen. Und Sahin und Kagawa sind nicht mehr da. Ilkay Gündogan vermag zwar Pässe zu spielen, die die Wirkung der Sahin-Zuspiele haben, mitunter gar eine größere, weil er sie weiter vorne spielt – allerdings nur dann, wenn sie ankommen. Derzeit kommen sie nicht an. Und Marco Reus ist bestimmt ein Genius wie Kagawa – allerdings ist er eher Passempfänger und Vollstrecker, denn der Passgeber und Vorbereiter. Von diesen drei Optionen greifen derzeit also genau: null.

Jürgen Klopp muss nun mit dem Problem umgehen, dass schon wieder Länderspielpause ist. Zwölf Spieler sind unterwegs. Wenn sie wiederkommen, sind defensive Nürnberger und eigene Standardschwächen Vergangenheit. Kurz drauf werden schon die Leverkusener erwartet. Die wiederum sind vor allem spielfreudig und offensiv-stark. Da kann ein Trainer im Vorfeld kaum mit Abrissbirnen für Abwehrbeton kommen. Im Anschluss daran bestreitet der BVB 24 Spiele in 83 Tagen. Wann genau die Wie-kann-ich-ein-Bollwerk-knacken-Frage wieder gestellt wird, ist unklar. Das ist auch ein Problem.