Der BVB braucht den Geist von La Coruna

Gegen Marseille droht dem BVB das Aus im Europapokal. Foto: Sascha Schuermann/dapd
Gegen Marseille droht dem BVB das Aus im Europapokal. Foto: Sascha Schuermann/dapd
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Die Anreise zum Auswärtsspiel in Mönchengladbach war dank einer miserablen Verkehrsplanung mal wieder nichts für schwache Nerven. Spannend wird es auch am Dienstag, wenn der BVB um den Verbleib im Europacup kämpft. Gegen Marseille müssen die Borussen an die Grenzen gehen.

Dortmund.. Ein „Spitzenspiel“ in nie dagewesener Konstellation, hieß es. Und wer sich diesem Duell widmet, wird sogleich vom ewigen Mythos erschlagen: Borussia Mönchengladbach, so ist zu lesen, stand einst für begeisternden Konterfußball. Die temporeiche und offensive Spielweise, mit der die Mannschaft in den 1970er Jahren die Bundesliga mit vorwiegend jungen Spielern dominierte, brachte der Mannschaft weltweit den Spitznamen „Fohlenelf“ ein. Punkt. Satte 40 Jahre nach Günter Netzer, Jupp Heynckes, Berti Vogts, Herbert Laumen, Horst Köppel & Co berieseln sie einen immer noch unaufhörlich mit dem längst vergangenen Duft eines ewig strahlenden, vermeintlichen Top-Clubs. Gerade mal wieder – dem schwachen VfL Bochum sei Dank – der Zweitklassigkeit in buchstäblich letzter Minute ein Schnippchen geschlagen, begehrt man jetzt auf.

Fohlen 2011 gegen amtierenden Meister

Endlich. Die gleichen Spieler, die vor wenigen Monaten keinen Lastwagen mit Anhänger getroffen haben, residieren inzwischen beharrlich an der Bundesligaspitze und wissen plötzlich ihre Punkte zu machen. Man war also gespannt, was die bunt zusammengekauften „Fohlen“ des Jahres 2011 dem amtierenden deutschen Meister entgegen zu setzen hatten.

Aber zunächst ist erst einmal enorme Geduld gefragt bei der Anreise. Der Weg über die A 61 bis zur Ausfahrt Mönchengladbach-Nordpark, bzw. Holt und von dort mittels ewig langer Ampelphasen über den zweispurigen Zubringer bis zum Stadion verlangt einem alles ab. Nix für schwache Nerven. Von den knapp 100 Kilometern gestalten sich überraschenderweise 85 entlang den „Problemzonen des Reviers“ kaum beschwerlich, aber je näher man gen Vorholland kam, umso weniger ging es voran. Aber das war längst noch nicht genug Ärgerliches, denn dasselbe droht auf dem Rückweg. Nun kommen wir schon eineinhalb Stunden nach Spielschluss aus dieser nichtssagenden in die Landschaft dahin betonierten Multifunktionsarena raus und was passiert? Nichts! Wieder quälen sich enorme Blechlawinen bis zur Autobahnauffahrt. Diese Infrastruktur wird ständig erweitert hieß es damals, im Jahre 2007. Die Wahrheit ist jedoch eine andere, denn gute Infrastruktur sieht anders aus.

Verlorene Punkte

Aber vernachlässigen wir die Unzulänglichkeiten und kehren wir zurück und widmen uns den „verlorenen Punkten“ aus Sicht der Dortmunder Borussia. Da ist zum einen mal wieder die übertriebene Verspieltheit zu benennen. Mario Götze, dem ich wirklich nichts will, muss endlich wieder mannschaftsdienlicher spielen und Bälle ab- bzw. auflegen. Diese gedankliche Schnelligkeit, das Antizipieren von Möglichkeiten und sein Instinkt vor dem Tor haben ihn zu einem überragenden Spieler werden lassen. Leider scheint dieser ganze Rummel um ihn nicht gänzlich im Trainingsanzug stecken geblieben zu sein, denn auch in Gladbach hätte gerade er das Spiel durchaus entscheiden können. Ähnlich Robert Lewandowski. Auch er unterlag – trotz des endlich erzielten Auswärtstores – beim Abschluss ein ums andere mal unerklärlichen Konzentrations- und Abschlussmängeln und übersah vor lauter Eifer besser postierte Mitspieler. Warum spreche ich das an? Weil es morgen im Richtung weisenden Champions League-Spiel besser fluppen muss vor dem Kasten von OM-Keeper Steve Mandanda!

Das 0:3 im Stade Velodrome, wo der BVB über 90 Minuten die spielbestimmende Mannschaft mit den größeren Chancen war und auf der großen Champions-League-Bühne jede Menge Lehrgeld bezahlen musste, sollte als Ansporn dienen. Die Generalprobe vor dem richtungsweisenden Endspiel gegen Olympique Marseille konnte daher nicht besser ausfallen als so lehrreich, denn die Gier auf Tore musste noch einmal geschürt werden. Am morgigen Dienstag müssen bekanntlich in der Gesamtaddition mindestens vier Tore geschossen werden, um einen Verbleib des BVB auf internationalem Parkett zu gewährleisten. Ungeachtet dessen, muss Arsenal London in Piräus ebenfalls gewinnen, damit Dortmunder Mühen tatsächlich am Ende auch belohnt werden. Das hat keiner, am wenigsten der BVB in der Hand. Es wäre dennoch allen Beteiligten zu wünschen, dass es nicht bei dem resümierenden Ausspruch von Jürgen Klopp in der Londoner Pressekonferenz bliebt, als er sagte: „und wenn am Ende nichts bleiben sollte, außer der Tatsache, dass wir viel gelernt haben, dann werden wir eben all diese Erfahrungen in der nächsten Gruppenphase der Champions League einbringen.“ Doch soweit muss es ja nicht kommen. Stürmt voller Leidenschaft, schnürt sie ein, ballert aus allen Rohren und lasst uns exakt 17 Jahre nach dem legendären Nikolaustag des Jahres 1994 noch einmal ein „La Coruna“ im Westfalenstadion erleben.

Holger W. Sitter, 05.12.2011 – www.die-kirsche.com

 
 

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