Den Schlag auf die Zwölf vergisst beim BVB keiner

Foto: imago sportfotodienst

Dortmund. Spiele, die man nie vergisst. Am 29. April 1978 kassierte die Borussia aus Dortmund die historische 0:12-Niederlage bei der Borussia aus Gladbach. Bei all den Feierlichkeiten rund um den 100. Geburtstag gehört auch diese schmerzliche Erinnerung dazu. Frag nach beim damaligen BVB-Torhüter.

Anruf im hessischen Haiger, Peter Endrulat sagt: „Es passt gerade gar nicht, melden Sie sich doch morgen Mittag noch einmal." Gerne. Nächster Tag, zweiter Versuch, wie vereinbart. Am Telefon ist diesmal Frau Endrulat. Sie sagt, ihr Mann sei nicht da. Sie möchte aber genau wissen, worum es denn gehe. Sie klingt resolut, sie ahnt etwas. Ist auch nicht allzu schwer.

Es geht natürlich um das Spiel. Dieses eine Spiel, das den Torwart Peter Endrulat mit einer tragischen Berühmtheit belastete, die er nicht mehr los wurde. „Ein Treffen wegen dieses Themas?", fragt Frau Endrulat und gibt die Antwort gleich selbst: „Darüber will mein Mann bestimmt nicht mehr reden. Aber Sie können es ja noch einmal versuchen." Es bleibt beim Versuch, dem dritten. Frau Endrulat beendet die Anfrage: „Wie ich schon sagte: Er ist jetzt zu Hause, aber er will darüber nicht mehr sprechen!"

Vermutlich hätte man ihn eher zu einer Zahnwurzelbehandlung überreden können.

Peinlichkeit im Rheinstadion

Peter Endrulat, 55, arbeitet heute in Haiger bei einem Hersteller für Schweißgeräte. Vor mittlerweile 31 Jahren, am 29. April 1978, stand er im Tor von Borussia Dortmund, als der BVB die peinlichste Niederlage seiner einhundertjährigen Geschichte kassierte. Bei der anderen Borussia, der Gladbacher, die damals im Düsseldorfer Rheinstadion spielen musste, weil ihr Stadion am Bökelberg ausgebaut wurde, gingen die Schwarz-Gelben mit 0:12 unter. Am letzten Spieltag der Saison 77/78. Und nur weil der Spitzenreiter 1. FC Köln zeitgleich beim FC St. Pauli mit 5:0 gewann, verfehlten die punktgleichen Gladbacher um drei Treffer den Meistertitel.

Peter Endrulat war der ärmste Kerl an jenem Tag, er hielt sogar noch, was zu halten war, als die anderen sich längst aufgegeben hatten. Dass ihm selbst Jupp Heynckes, der fünfmalige Gladbacher Torschütze, eine gute Leistung bescheinigte – es half ihm nicht. Der BVB verzichtete auf eine Vertragsverlängerung, nach nur sieben Spielen war die Bundesliga-Karriere beendet. Reduziert wird sie bis heute auf die Zwölferpackung.

„Die Dinger doch nicht selbst reingehauen!"

„Ja, so seid Ihr Journalisten doch!", sagt Manfred Burgsmüller und lacht. „Der Pedder hatte sich die Dinger doch nicht selbst reingehauen, der war doch nicht der Schuldige!" Für Burgsmüller ist dieses Spiel, das Endrulat als Schande empfindet, zur Anekdote geschrumpft. Dienstag nächster Woche wird der Torjäger 60, er kann auf eine schillernde Karriere zurückblicken. Er hat in 447 Bundesligaspielen 213-mal getroffen. Was sind da schon zwölf Gegentore?

Aber damals schämte sich natürlich auch Manni Burgsmüller, er war schließlich der Kapitän der BVB-Mannschaft, die sich wehrlos einseifen und kalt abduschen ließ. Eine Erklärung dafür kann auch er nicht liefern, vielleicht lag es ja daran, dass die Luft raus war, weil der BVB am vorletzten Spieltag den Klassenerhalt gesichert hatte. Die Gladbacher dagegen legten los wie mit Chili gepudert, mit jedem Schuss überprüften die Meisterjäger die Haltbarkeit der Tornetzbespannung, nach einer halben Stunde stand es 5:0. „Jeder von uns war verunsichert", erzählt Manni Burgsmüller, „keiner wollte mehr den Ball haben."

Am sichersten wäre es gewesen, wenn die Dortmunder ihren Mannschaftsbus quer vor das Tor gestellt hätten. Nur so hätte sich das Debakel noch in Grenzen halten lassen.

In der Halbzeit fragte Trainer Otto Rehhagel seinen Torwart, ob er weiterspielen wolle. Endrulat dachte sich: Du wirst ja wohl nicht noch einmal sechs Stück kassieren. Stammkeeper Horst Bertram war nach einer Verletzung noch nicht wieder in Form und saß auf der Bank, Endrulat wollte seinen Platz nicht kampflos wieder hergeben. Jahre später sagte er: „Ich wollte wenigstens noch etwas glänzen. Das war leider die falsche Entscheidung. Ich hätte rausgehen sollen. Dann hätte Horst Bertram die sechs Dinger bekommen."

Es ist leicht vorstellbar, welcher Orkan der Entrüstung Borussia Dortmund zerlegt hätte, wenn die Gladbacher mit diesem Bundesliga-Rekordsieg tatsächlich noch Meister geworden wären. Damals tingelten die Bundesligisten noch nach Saisonschluss über die Dörfer, um die Klubkassen mit Freundschaftsspielgagen aufzubessern. „Das war 14 Tage lang ein extremer Spießrutenlauf für uns", erinnert sich Burgsmüller. Die Erinnerung an den Bundesligaskandal der frühen Siebziger war noch frisch – logisch, dass es „Schieber"-Rufe gab. Manni Burgsmüller schwört: „Das war ein Spiel, bei dem auf der einen Seite der Ball einfach nicht reingehen wollte. Es hätte auch 19:7 enden können."

Ein 1:12 hätte besser ausgesehen...

Endrulat verschwand nach dem Schlag auf die Zwölf in Düsseldorf schnell und wortlos. Burgsmüller fuhr gemeinsam mit Rehhagel, dem anderen Essener, nach Hause, der bloßgestellte Fußball-Lehrer wusste schon, was ihn erwartete. „Im Auto sagte er zu mir, dass er am nächsten Tag wohl nicht mehr mein Trainer sein werde", erinnert sich Burgsmüller. Und dann muss er schon wieder lachen: „Es stinkt mir bis heute, dass ich in dem Spiel kein Tor gemacht habe. Mit 1:12 hätten wir doch besser ausgesehen, oder?"

 
 

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